Eine Bäuerin mit Sinn für Handwerk und neue Ideen

Sommerserie – Teil 3: Corinne Schelbert ist gelernte Schreinerin und Bäuerin mit Fachausweis. Auf dem vielseitigen Familienbetrieb in Hünenberg See arbeitet sie im Stall und auf dem Feld, verarbeitet Früchte und entwickelt den Hofladen sowie den Agrotourismus weiter. Ihr wichtigstes Werkzeug dabei: Der Betrieb und das Familienteam, das neuen Ideen Raum gibt.
Zuletzt aktualisiert am 30. Juli 2026
von Renate Hodel
7 Minuten Lesedauer
FIDL Portrait SBLV

Wenn Corinne Schelbert jemandem den elterlichen Betrieb zum ersten Mal zeigt, führt ihr Weg nicht zuerst zu den Milchkühen, den Kirschbäumen oder in den Garten. Sie beginnt beim Hofladen. «Ich durfte ihn mitgestalten», sagt die 28-Jährige stolz.

Neben dem Laden gibt es eine neue Produktionsküche auf dem Betrieb. Zusammen bilden sie den jüngsten Teil des vielseitigen Landwirtschaftsbetriebs «Schlössli» in Hünenberg See im Kanton Zug. Zugleich verkörpern sie, was Corinne Schelbert an ihrem Zuhause besonders schätzt: «Es hat so viel Platz und so viele Möglichkeiten, um meine spontanen Ideen umzusetzen.»

Raum für neue Ideen

Corinne Schelbert ist auf dem Betrieb ihrer Eltern Eveline und Markus Schelbert aufgewachsen und heute zu 100 Prozent dort angestellt. Ihre Arbeit lässt sich kaum auf einen einzelnen Bereich reduzieren: Sie arbeitet mit ihrem Vater draussen auf dem Feld, übernimmt Stallarbeiten, hilft bei der Futterernte, mäht und schneidet Obstbäume. Mit ihrer Mutter kümmert sie sich um den Hofladen, verarbeitet Produkte und betreut die vier Gästezimmer.

Je nach Jahreszeit verschieben sich die Schwerpunkte. Während der Vegetationsperiode wartet mehr Arbeit draussen, im Winter bleibt mehr Zeit für die Verarbeitung und den Hofladen. Besonders bei dessen Sortiment kann Corinne Schelbert eigene Akzente setzen. «Die Produkte, die wir im Hofladen verkaufen, sind zum Teil meine Ideen», sagt sie.

Entscheidungen werden in der Familie besprochen. Wenn ein Vorschlag sinnvoll und umsetzbar erscheint, wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht. «Wenn ich eine Idee habe, kann ich sie der Familie mitteilen – dann wird sie besprochen und irgendwie umgesetzt», erzählt Corinne Schelbert.

Sommerserie: Frauen in der Landwirtschaft

Die Vereinten Nationen haben 2026 zum «International Year of the Woman Farmer» erklärt. Das Jahr soll die oft wenig sichtbaren Leistungen von Frauen in der Landwirtschaft und in den gesamten Ernährungssystemen hervorheben.

In einer mehrteiligen Sommerserie porträtiert der LID verschiedene Frauen, welche die Landwirtschaft mit unterschiedlichen Lebenswegen, Aufgaben und Perspektiven prägen und weiterentwickeln.

Von der Werkbank zurück auf den Hof

Dass Corinne Schelbert beruflich in die Landwirtschaft einsteigen würde, war nicht von Anfang an entschieden. Nach der Schule absolvierte sie zunächst eine Lehre als Schreinerin. «Ich habe gerne als Schreinerin gearbeitet, aber ich habe schon in der Lehre gemerkt, dass das nicht das sein wird, was ich für immer mache», erzählt sie und ergänzt: «Es war mir zu viel drinnen und an der Werkbank.»

Den Anstoss für eine Neuorientierung gab eine Kollegin, welche die Bäuerinnenschule besuchte und begeistert davon erzählte. Auch Corinne Schelberts Mutter hatte wiederholt gesagt, sie würde eine solche Ausbildung machen, wenn sie nochmals wählen könnte. Corinne Schelbert informierte sich und meldete sich schliesslich für die Ausbildung zur Bäuerin mit Fachausweis an.

Sie wollte sich breites Wissen aneignen und lernen, was es braucht, um auf einem landwirtschaftlichen Betrieb Verantwortung zu übernehmen. Mindestens ebenso wertvoll wie der Unterricht wurde für sie aber das Netzwerk, das während der Ausbildung entstand.

«Dort waren viele junge, motivierte Frauen, die im gleichen Umfeld leben und ähnliche Arbeiten, Probleme und Möglichkeiten haben», sagt Corinne Schelbert. Den Austausch mit ihnen habe sie besonders geschätzt. Noch heute halten die Frauen Kontakt und berichten einander, was sie auf ihren Betrieben verändern oder neu aufbauen. «Das ist sehr inspirierend», so Corinne Schelbert.

Von der Abschlussarbeit zur Produktionsküche

Wie gut sich Corinne Schelberts zwei Ausbildungen ergänzen, zeigt sich besonders deutlich in der neuen Produktionsküche. Die junge Schreinerin und Bäuerin plante sie im Rahmen ihrer Abschlussarbeit an der Bäuerinnenschule. Anschliessend liess sie die Elemente in einer Schreinerei anfertigen und half selbst bei der Montage auf dem Hof.

«Darauf bin ich schon ein wenig stolz», sagt sie. Die Küche schafft professionelle Bedingungen, um regelmässig zu backen sowie Früchte und Gemüse zu verarbeiten. Damit wurde aus einer schulischen Abschlussarbeit eine konkrete Investition in die Weiterentwicklung des Betriebs.

In den Regalen des Hofladens stehen unter anderem Konfitüren und eingelegte Früchte. Hinzu kommen Fleisch, Eier sowie weitere Produkte, die auf dem «Schlössli» oder auf umliegenden Landwirtschaftsbetrieben entstehen. Überschüsse aus dem Garten oder dem Obstbau sollen möglichst nicht verloren gehen. Gibt es von einem Produkt besonders viel, wird in der Familie nach einer Verwertungsmöglichkeit gesucht und daraus entsteht mitunter ein neues Angebot für den Laden.

Corinne Schelberts Freude am Backen und Gärtnern lässt sich deshalb kaum von ihrer Arbeit trennen. Bewährt sich etwas, könnte es später seinen Weg in den Hofladen finden.

  • Corinne Schelbert arbeitet draussen auf dem Feld, übernimmt Stallarbeiten, mäht Gras für die Heuernte, schneidet Obstbäume und verarbeitet Produkte für den Hofladen. (SBLV)
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Von Milchkühen bis Kirschen

Der Familienbetrieb umfasst 24 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche. Auf dem grössten Teil davon wachsen Gras und Mais als Futter für die Tiere. Im Stall stehen rund 50 Milchkühe, die von einem Roboter gemolken werden. Hinzu kommen etwa 60 Mastkälber und knapp 100 Legehennen. Die Eier verkauft die Familie unter anderem auf einer eigenen Liefertour in der Umgebung.

Ein weiterer Betriebszweig ist der Obstbau. Auf rund einer halben Hektare wachsen vor allem Tafelkirschen. Die Anlage ist eingenetzt, um die empfindlichen Früchte vor Schädlingen und Vögeln zu schützen. Gerade während der Kirschensaison ist das ganze Team gefordert: Die Früchte müssen gepflückt, sortiert, abgepackt, ausgeliefert oder verarbeitet werden. Und Teamwork ist auf einem Betrieb wie dem breit aufgestellten «Schlössli» wichtig, denn alleine liessen sich die zahlreichen Betriebszweige kaum bewältigen.

Gästezimmer als Brücke zwischen Hof und Bevölkerung

Zu den Betriebszweigen gehört auch das agrotouristische Angebot: Die Familie vermietet vier Doppelzimmer mit oder ohne Frühstück. Besonders gut ausgelastet sind die Gästezimmer im Frühling und Herbst. Der Hof liegt an der Herzroute, die zahlreiche Velofahrerinnen und Velofahrer durch die Region führt. Ab Mitte August seien die Zimmer zeitweise vollständig belegt, erzählt Corinne Schelbert.

Die Begegnungen mit den Gästen erlebt sie als bereichernd. Manche suchen lediglich einen Schlafplatz und interessieren sich kaum für das Geschehen auf dem Hof. Andere möchten die Tiere sehen, stellen Fragen oder erzählen von eigenen Erinnerungen an die Landwirtschaft.

«Ich finde es interessant, mit welchen Vorstellungen die Menschen kommen», sagt Corinne Schelbert. Die Gästezimmer schaffen damit nicht nur ein zusätzliches Einkommen. Sie bringen Landwirtschaft und Bevölkerung miteinander in Kontakt – manchmal beim Frühstück, manchmal bei einem Gespräch vor dem Stall oder im Hofladen.

Frauen in der Landwirtschaft: gestern – heute – morgen

Corinne Schlebert ist Teil der Ausstellung «Frauen in der Landwirtschaft: gestern – heute – morgen» im Freilichtmuseum Ballenberg, die der LID hat anlässlich des UNO-Jahres der Bäuerinnen und Landwirtinnen 2026 konzipiert hat.

Herzstück der Ausstellung sind Porträts von Frauen, die in Kooperation mit dem Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV) entstanden sind. Die Ausstellung lädt dazu ein, die weibliche Perspektive der Landwirtschaft neu zu entdecken: inspirierend, berührend und zum Nachdenken anregend.

Jung sein fällt stärker ins Gewicht

Als Schreinerin und als Bäuerin bewegt sich Corinne Schelbert in zwei Berufsfeldern, die lange stark von Männern geprägt waren. Dass ihr als Frau eine Arbeit grundsätzlich nicht zugetraut wurde, habe sie aber kaum erlebt. In der Schreinerei sei ihr Geschlecht teilweise stärker aufgefallen als heute auf dem Familienbetrieb. Vor allem auf Baustellen hätten manche Männer zunächst überrascht reagiert, wenn sie anspruchsvolle Arbeiten ausführte.

In der Landwirtschaft nimmt sie weniger ihr Geschlecht als ihr Alter als mögliche Hürde wahr. «Ich habe manchmal das Gefühl, es liegt mehr am Alter als am Geschlecht», sagt sie. Auf dem elterlichen Betrieb spielt die Geschlechterfrage im Alltag auch kaum eine Rolle. Ihr Vater hat über Jahre erlebt, welche Arbeiten sie beherrscht und wo ihre Stärken liegen. Corinne Schelbert war bereits als Kind im Stall und auf dem Feld unterwegs. Heute fährt sie Maschinen, übernimmt Verantwortung für die Tiere und bringt eigene Ideen in die Betriebsentwicklung ein.

Zukunft soll gemeinsam entstehen

Wie die langfristige Nachfolge auf dem «Schlössli» aussehen wird, ist noch offen. Schelberts Eltern sind noch relativ jung und auch ihr jüngerer Bruder hat einen landwirtschaftlichen Hintergrund. In den kommenden Jahren will die Familie gemeinsam klären, wer welche Rolle übernehmen könnte.

Bei einem so vielseitigen Betrieb wären verschiedene Modelle denkbar. Einzelne Familienmitglieder könnten unterschiedliche Betriebszweige verantworten und auch die Betriebsleitung könnte auf eine oder mehrere Personen aufgeteilt werden.

Bis die Hofübergabe geregelt ist, hilft Corinne Schelbert weiter, den Betrieb mitzugestalten. Mit dem Hofladen, der Produktionsküche und neuen Produkten hat sie bereits eigene Spuren hinterlassen. Gerne würde sie ihren Gemüsegarten noch vergrössern. Ihr Ziel wäre eine grössere Anbaufläche, möglicherweise ergänzt durch einen Tomatentunnel. «Ich würde gerne unser gesamtes Gemüse für den Hofladen selbst anbauen», sagt sie. So entstehen aus Corinne Schelberts Ideen und der eigenen Leidenschaft nicht nur persönliche Herzensprojekte, sondern auch Projekte, die den Betrieb weiterentwickeln und im Team zu einem Teil des Betriebs werden.