Zwischen Kuhstall, Gästezimmern und Gemeinderat
Sommerserie – Teil 1: Bäuerin, Agrarscout, Agrotourismusunternehmerin und Gemeinderätin. Fabienne Kappeler erfüllt vi...
Der Wind gehört zum Hof Horn wie die Rinder der Rasse Aubrac mit ihren geschminkten Augen und die kleinrahmigen Zebus mit ihrem markanten Buckel. Auf 750 bis 950 Metern über Meer, am Jurasüdfuss oberhalb von Trimbach im Kanton Solothurn, ist das Klima rau. Die Böden sind karg, ein grosser Teil der Weiden ist steil und nicht mit Maschinen befahrbar.
«Normalerweise können wir einen oder zwei Grasschnitte machen – ein dritter Schnitt ist das Highlight des Jahres», sagt Rebekka Strub. In den vergangenen zehn Jahren sei es trockener und windiger geworden, die Wetterextreme hätten zugenommen. Das bedeutet weniger Futter – und zwingt die Betriebsleiterin, immer wieder neu zu überlegen: Wie viele Tiere kann der Hof ernähren? Und welche Tiere passen zu diesem Standort?
Rebekka Strub kennt diese Fragen nicht nur aus der Landwirtschaft. Ihr erster Beruf war Landschaftsgärtnerin. «Eigentlich habe ich meinen Beruf nur etwas ausgedehnt», sagt sie und lacht: «Statt Kundengärten habe ich jetzt einfach 45 Hektaren eigenen Garten.»
Die Vereinten Nationen haben 2026 zum «International Year of the Woman Farmer» erklärt. Das Jahr soll die oft wenig sichtbaren Leistungen von Frauen in der Landwirtschaft und in den gesamten Ernährungssystemen hervorheben.
In einer mehrteiligen Sommerserie porträtiert der LID fünf Frauen, welche die Landwirtschaft mit unterschiedlichen Lebenswegen, Aufgaben und Perspektiven prägen und weiterentwickeln.
Dass sie diesen Garten einmal bewirtschaften würde, war lange keineswegs vorgesehen. Rebekka Strub wuchs mit zwei Brüdern auf dem Hof Horn auf. Für viele im Umfeld schien klar, dass einer der Söhne den Betrieb übernehmen würde. Sie selbst hatte ohnehin andere Pläne: «Ich habe immer gesagt, dass ich niemals in meinem Leben Landwirtin werde.»
Nach der Lehre als Landschaftsgärtnerin zog es sie in die Welt. Sie arbeitete unter anderem im Gastgewerbe, sparte ihr Trinkgeld und kaufte sich ein Flugticket, sobald das Geld reichte. Sie bereiste verschiedene Kontinente, bildete sich zur Erlebnispädagogin weiter und verbrachte längere Zeit im Ausland. Einmal strandete sie in Patagonien: Das Zelt voller Schnee, kaum noch Essen und kein Geld für die Heimreise. Schliesslich half ihre Mutter mit einer Überweisung aus der Schweiz aus.
Nach rund zehn Jahren unterwegs stellte sich Strub die Frage, wie es weitergehen sollte. «Mit 30 Jahren fand ich, jetzt mache ich noch etwas Schlaues mit meinem Leben», erzählt sie. Sie begann die landwirtschaftliche Ausbildung. Aus dem Beruf, den sie niemals ergreifen wollte, wurde eine neue Perspektive.
Während ihres ersten Lehrjahrs kam der Einschnitt, der die Zukunft des Hofs grundlegend verändern sollte. Am 8. August 2013 zerstörte ein durch einen Kurzschluss ausgelöster Brand Stall und Wohnhaus. Menschen und Tiere konnten gerettet werden, doch vom Betrieb blieb kaum etwas übrig. Drei Tage lang war die Feuerwehr mit den Löscharbeiten beschäftigt. Die Gebäude gehörten der Schweizer Armee, und der Wiederaufbau musste durch verschiedene Bundesstellen genehmigt werden. Entsprechend langwierig war das Verfahren.
Für Rebekka Strub fiel der Brand in eine ohnehin entscheidende Lebensphase. Ihre Eltern näherten sich dem Pensionsalter, gleichzeitig stand die Frage im Raum, wer den Hof weiterführen würde. Noch während ihrer Ausbildung wurde sie gefragt, ob sie den Betrieb übernehmen wolle. «Ich war im ersten Lehrjahr, alles war gerade abgebrannt und plötzlich ging es um einen ganzen Hof», erinnert sie sich.
Sie entschied sich dafür. Auf die Ausbildung zur Landwirtin folgten die Betriebsleiterschule und die Meisterprüfung. Im Oktober 2017 übernahm sie den Pachtbetrieb von ihren Eltern. Das Wohnhaus konnte 2018 bezogen werden, der Stall folgte 2019. Bis dahin lebten die Tiere während Jahren in Notunterkünften und provisorischen Ställen. Insgesamt dauerte es also rund sechs Jahre, bis der Hof wieder vollständig aufgebaut war.
Besonders die Winter sind Rebekka Strub in Erinnerung geblieben. Wenn bei den Ziegen Geburten anstanden, legte sie sich bisweilen mit dem Schlafsack in einen der provisorischen Unterstände. «Heute geniesse ich es jedes Mal, wenn der Winter kommt und ich einfach den Stall öffnen kann», erzählt sie.
Sowieso ist der Hof Horn ein aussergewöhnlicher Arbeitsplatz. Der Betrieb liegt auf einem Schiessplatz der Schweizer Armee. Lang- und Kurzdistanzanlagen, ein Handgranatenplatz und weitere militärische Einrichtungen gehören zur Umgebung. Rund zwei Drittel der Betriebsfläche liegen im Schiessgebiet. Wird geschossen, muss Rebekka Strub ihre Tiere rechtzeitig aus den betroffenen Weiden holen.
Diese Bedingungen verlangen eine genaue Planung und eine funktionierende Zusammenarbeit mit dem Militär. Gleichzeitig bietet das weitläufige Gelände wertvolle Lebensräume. Rebekka Strub bewirtschaftet die Naturwiesen extensiv und setzt gezielt Tiere ein, die steile, magere und von Verbuschung bedrohte Flächen offenhalten können.
Dass der Hof seit 1991 biologisch bewirtschaftet wird, erwähnt sie beinahe nebenbei. Ihre Eltern Käthi und Pauli Strub stellten den Betrieb damals um. «Für mich ist Bio so selbstverständlich, dass ich manchmal gar nicht mehr daran denke, es zu sagen», erklärt sie.
Im Mittelpunkt des Betriebs stehen die Mutterkühe. Rund 70 Stück Rindvieh leben auf dem Hof, darunter etwa 30 Aubrac und 40 Zebus. Hinzu kommen rund 30 Burenziegen sowie Freilandschweine. Einen Teil der Tiere verkauft Rebekka Strub für die Zucht, Fleisch vermarktet sie direkt über den Hofladen. Daneben bietet sie Hofführungen, Apéros und weitere Hofanlässe an.
Ihre Eltern gehörten zu den Pionieren der Aubrac-Zucht in der Schweiz. Sie importierten die robusten Tiere aus Frankreich, weil diese mit kargem Futter und rauen Bedingungen gut zurechtkommen. Rebekka Strub schätzt neben ihrer Genügsamkeit besonders ihren ruhigen Charakter, ihre Langlebigkeit und ihren ausgeprägten Mutterinstinkt. Bei der Zucht achtet sie darauf, dass die Tiere gesund, fruchtbar und im Umgang unkompliziert sind.
Noch ungewöhnlicher sind die Zebus. Als ihre Eltern die ersten Tiere anschafften, befand sich Rebekka Strub gerade in Australien. Auf einem Foto entdeckte sie plötzlich vier fremdartige Rinder auf dem elterlichen Hof. «Ich dachte, jetzt sind meine Eltern verrückt geworden», erzählt sie. Inzwischen ist sie längst von den Tieren überzeugt. Zebus fressen nicht nur Gras, sondern auch Knospen, Disteln und Sträucher. Gemeinsam mit den Burenziegen helfen sie, schwer zugängliche Weiden vor der Verbuschung zu bewahren.
Die Landschaftspflege ist für Rebekka Strub keine Nebenwirkung der Tierhaltung, sondern ein zentraler Auftrag. «Landwirtin sein heisst für mich, zum Land zu schauen», sagt sie. Die 45 Hektaren zu erhalten und nach Möglichkeit noch wertvoller zu machen, sei eine grosse Aufgabe – und eine Ehre.
Im Jahr 2026 stehen die Frauen der Landwirtschaft im Fokus: Das «International Year of the Woman Farmer» (IYWF 2026) rückt die wichtigen, jedoch oft unerkannten Rollen der Frauen in Agrar- und Ernährungssystemen in den Vordergrund. Das UNO-Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen soll das Bewusstsein schärfen und Massnahmen fördern, um geschlechtsspezifische Unterschiede zu beseitigen und die Lebensbedingungen von Frauen weltweit zu verbessern.
Anlässlich des UNO-Jahres lädt der LID ab April 2026 ausserdem herzlich zur Ausstellung «Frauen in der Landwirtschaft: gestern – heute – morgen» im Freilichtmuseum Ballenberg ein.
Weitere Informationen:
Während des Wiederaufbaus konnte Rebekka Strub bei der Gestaltung der Gebäude nur begrenzt mitreden. Manche Einrichtungen erwiesen sich im landwirtschaftlichen Alltag als wenig praktisch. So fehlten zunächst Wasseranschlüsse und der Heustock war ohne Kran und Belüftung geplant.
Rebekka Strub behalf sich selbst. Sie erschloss Quellwasser, finanzierte zusätzliche Anschlüsse und entwickelte für den Heustock eine eigene Lösung: Heute fährt sie hinein und stapelt die Quaderballen so, dass sie ohne fest installierten Kran auskommt.
«Ich möchte Lösungen haben – ich mag nicht endlos diskutieren», sagt sie. Der Satz fasst vieles zusammen, was ihre Betriebsführung ausmacht. Sie wartet nicht darauf, dass sämtliche Bedingungen stimmen, sondern überlegt, was mit den vorhandenen Möglichkeiten machbar ist.
Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit ihren Eltern. Käthi und Pauli Strub arbeiten weiterhin im Stundenlohn auf dem Betrieb mit, wohnen aber bewusst im Dorf. Die räumliche Trennung helfe der Beziehung, sagt Rebekka Strub. Schliesslich ist sie die Chefin – finanziell, betrieblich und emotional.
Auf dem Weg dorthin erlebte Rebekka Strub immer wieder, wie unterschiedlich Frauen und Männer in der Landwirtschaft wahrgenommen werden. Frauen würden oft selbstverständlich mitarbeiten, den Haushalt führen, die Buchhaltung erledigen und die Familie versorgen. Als Gesicht und Entscheidungsträger des Betriebs werde dennoch häufig der Mann gesehen.
«Es ist nicht okay, dass wir Frauen nicht so gesehen werden», sagt Rebekka Strub. Gerade zu Beginn musste sie sich das Vertrauen von Behördenvertretern und Berufskollegen erarbeiten. Die Übernahme eines Bundesbetriebs durch eine alleinstehende Frau sei damals alles andere als selbstverständlich gewesen. Ihr Ehrgeiz wurde dadurch eher noch grösser. Die Meisterprüfung war für sie nicht nur eine Weiterbildung, sondern auch der Beweis, dass sie einen komplexen Betrieb führen konnte.
Inzwischen bildet Rebekka Strub selbst Nachwuchskräfte aus – bisher waren es vor allem Frauen. Sie möchte jungen Menschen zeigen, dass unterschiedliche Wege in die Landwirtschaft führen können. Entscheidend seien nicht Geschlecht oder Herkunft, sondern Interesse, Können und die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen.
Gerade deshalb ist ihr eine Unterscheidung wichtig: «Ich möchte nicht gesehen werden als die Frau, die den Hof führt», sagt Rebekka Strub und ergänzt: «Es ist egal, ob Frau oder Mann – es geht um mich als Person und ich traue mir das zu.»
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