Käsekessel, Kühe und Kinderwagen
Sommerserie – Teil 4: Karin Mai ist gelernte Milchtechnologin und arbeitet Teilzeit in einer Käserei im Diemtigtal. I...
Im Weinkeller von Anne-Claire Schott stehen zwei Weinlinien nebeneinander. Die eine kommt in der traditionellen Berner Flasche daher, mit klassisch hellen Etiketten und den Weiss- und Rotweinen, wie sie bereits ihre Eltern gekeltert haben. Die andere fällt auf: Künstlerisch gestaltete Etiketten, ungewöhnliche Namen und Weine, die nicht einem vertrauten Schema folgen müssen.
«Aroma der Landschaft» heisst diese Linie, die Anne-Claire Schott seit der Übernahme des Familienbetriebs im Jahr 2016 aufgebaut hat. «Das sind ganz eigene Kreationen, bei denen ich keinem bestimmten Geschmack und keiner Tradition entsprechen muss», sagt die Winzerin. Sie wolle ausdrücken, was eine Lage, eine Rebsorte und ein Jahrgang erzählen – und was sie selbst darin entdecke.
Die beiden Linien wirken zunächst wie Gegensätze: Hier die Geschichte des Familienbetriebs, dort Schotts Lust am Experiment. Für die Winzerin gehören sie jedoch zusammen. Die Tradition gibt ihr eine Grundlage, von der aus sie Neues wagen kann. Und das Neue ersetzt das Bewährte nicht, sondern ergänzt es um ihre eigene Handschrift.
Dass Anne-Claire Schott einmal das Weingut ihrer Eltern übernehmen würde, war lange nicht vorgesehen. Sie wollte weg aus dem Dorf, reisen und eine andere Welt kennenlernen. Das arbeitsreiche Leben ihrer Eltern schreckte sie eher ab.
Anne-Claire Schott reiste viel und studierte Kunstgeschichte und Soziologie. Die kulturelle Welt faszinierte sie, doch nach dem Bachelor fehlte ihr etwas. Das Studium war ihr zu theoretisch – sie suchte eine Arbeit, die praktischer, bodenständiger und unmittelbarer mit dem Leben verbunden war. Gleichzeitig stand zu Hause ein Betrieb, über dessen Zukunft sie irgendwann entscheiden musste.
Um herauszufinden, ob der Weinbau wirklich zu ihr passte, absolvierte sie ein Praktikum bei einer Winzerin – bewusst ausserhalb des elterlichen Betriebs. Dort merkte sie, wie sehr ihr die Arbeit gefiel. So folgte das Önologiestudium. Besonders reizte sie, dass eine Winzerin das Produkt vom Anfang bis zum Ende begleitet: Sie pflegt Rebstöcke, die während Jahrzehnten am selben Ort bleiben, lernt Lagen und Jahrgänge kennen, keltert die Trauben, lässt die Weine reifen und vermarktet sie schliesslich selbst.
«Man macht das Produkt von A bis Z und kreiert es selbst», sagt Anne-Claire Schott. Für eine Frau, die gerne kreativ und selbstständig arbeitet, wurde darin ausgerechnet jener Lebensentwurf sichtbar, vor dem sie zunächst davongelaufen war.
Heute bewirtschaftet Anne-Claire Schott 4,5 Hektaren steile Rebberge am Bielersee. Pinot Noir nimmt die grösste Fläche ein – hinzu kommen weisse Sorten wie Chasselas, Sauvignon Blanc, Chardonnay und Pinot Gris. Die Vielfalt sei eine Spezialität der Region und erlaube es, unterschiedliche Weine und Cuvées zu schaffen.
2018 stellte Anne-Claire Schott den Betrieb auf biodynamische Bewirtschaftung um, seit dem Jahrgang 2021 sind alle Weine Demeter-zertifiziert. Auch im Keller reduziert sie die Eingriffe. Ihre Naturweine vergären mit den Hefen, die von den Trauben und aus dem Keller stammen. Sie werden nicht filtriert und kommen ohne die üblichen önologischen Hilfsmittel aus. Das bedeutet jedoch nicht, dass Anne-Claire Schott den Wein einfach sich selbst überlässt. Je weniger korrigiert werden kann, desto genauer muss sie beobachten und entscheiden.
«Ich gehe davon aus, dass in einer Traube alles da ist, was es für einen guten Wein braucht», sagt sie. Ihre Aufgabe bestehe darin, den jeweiligen Jahrgang so zu interpretieren, dass dessen Ausdruck erhalten bleibe. Ein festes Protokoll, das sich Jahr für Jahr wiederholen lässt, gibt es nicht. Reifegrad und Zustand der Trauben bestimmen unter anderem Erntezeitpunkt, Gärdauer, Temperatur, Presszeit, Ausbau und die Zeit im Holzfass.
Ein leichter Jahrgang verlangt eine andere Behandlung als ein vollreifer. Werden aus unreifen Trauben zu viele Gerbstoffe extrahiert, kann der Wein bitter werden. Bei reifen Trauben darf die Vinifikation hingegen kräftiger sein. «Ich spüre das Jahr, die Reben und die Ideen – dann folge ich der Vinifikation und höre auf meinen Geschmack», erklärt Anne-Claire Schott.
Die Vereinten Nationen haben 2026 zum «International Year of the Woman Farmer» erklärt. Das Jahr soll die oft wenig sichtbaren Leistungen von Frauen in der Landwirtschaft und in den gesamten Ernährungssystemen hervorheben.
In einer mehrteiligen Sommerserie porträtiert der LID verschiedene Frauen, welche die Landwirtschaft mit unterschiedlichen Lebenswegen, Aufgaben und Perspektiven prägen und weiterentwickeln.
Zehn Jahre nach der Betriebsübernahme erhielt diese Arbeitsweise besondere Anerkennung. Anne-Claire Schott erreichte beim Wettbewerb «Berner Wein des Jahres 2026» mit ihren drei eingereichten Weinen die höchste Gesamtpunktzahl. Damit wurde sie als erste Frau in der zehnjährigen Geschichte des Wettbewerbs zur «Berner Winzerin des Jahres» gekürt.
Besonders viel bedeutet ihr, welcher Wein dabei überzeugte. Ihr «Mon vieux Pinot Noir 2024» gewann sowohl die Kategorie Pinot Noir als auch den erstmals vergebenen Spezialpreis für den besten Berner Biowein. Der «Mon vieux Pinot Noir» stammt aus einer alten Lage und gehört zur Linie «Aroma der Landschaft». Er ist kein Wein, den Anne-Claire Schott nach gängigen Konventionen entwickelt hat, sondern einer ihrer persönlichen Herzensweine. «Dass gerade dieser Wein gewonnen hat, ist für mich eine sehr schöne Belohnung nach diesen zehn Jahren», sagt sie.
Die Auszeichnung zeigt für sie, dass ein eigenständiger Wein nicht gegen die Qualität ausgespielt werden muss. «Wenn man das Terroir richtig respektiert, gleicht es sich selbst aus», sagt die Winzerin. Dass ausgerechnet ein Wein mit ihrer unverkennbaren Handschrift die Jury überzeugte, macht den Titel für sie umso wertvoller.
Anne-Claire Schotts erste Studienwahl ist auf dem Weingut nicht verloren gegangen. Kunst begleitet ihre Arbeit bis heute. Für die Etiketten von «Aroma der Landschaft» arbeitet sie mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Einige Werke kauft sie, andere entstehen aus Begegnungen und gemeinsamen Ideen. Manche Etiketten werden im Siebdruck auf hochwertiges Papier gedruckt.
Die Gestaltung soll darauf vorbereiten, dass in der Flasche kein gewöhnliches Geschmackserlebnis wartet. Ein klassischer Sauvignon Blanc brauche eine andere visuelle Sprache als ein orange gekelterter Naturwein, sagt Anne-Claire Schott. Zu den Weinen verfasst sie ausserdem Texte, die nicht bloss Aromen aufzählen. Sie sollen einen philosophischen Zugang öffnen: Was bedeutet dieser Wein? Was möchte er mitteilen? Was kann die Person entdecken, die ihn trinkt?
«Das Auge isst oder trinkt mit», sagt Anne-Calire Schott. Wenn so viel Arbeit in einem Produkt stecke, müsse es auch entsprechend präsentiert werden. Dabei geht es ihr nicht nur um Ästhetik. Kartons, Etiketten und Drucksachen lässt sie nach Möglichkeit in der Schweiz herstellen, sie arbeitet mit regionalen Kunstschaffenden und Betrieben zusammen. «Der Erfolg eines Produkts soll auch dem regionalen Gewerbe zugutekommen», ist sie überzeugt.
In einer Zeit, in der Gestaltung und Geschmack immer stärker standardisiert würden, verteidigt sie das Handwerkliche und Individuelle. Ein Wein darf Ecken und Kanten haben, solange er sauber gearbeitet ist. Gerade das Lebendige und nicht vollständig Vorhersehbare mache ihn interessant.
Wie ein Wein wird, entscheidet sich dennoch zuerst draussen. Lage, Wetter und Alter der Rebstöcke haben für Anne-Claire Schott den grössten Einfluss. Alte Reben reagieren nach ihrer Beobachtung widerstandsfähiger auf trockene oder nasse Perioden und liefern konstantere Trauben als junge Pflanzen. Gleichzeitig lassen sie sich nicht immer so effizient bewirtschaften wie neu angelegte Parzellen.
Dieser Zielkonflikt wird mit dem Klimawandel anspruchsvoller. Im Rebberg pflanzt Anne-Claire Schott Obstbäume an geeigneten Stellen, fördert die Biodiversität und lässt im Winter Schafe zwischen den Reben weiden. Gegen längere Trockenperioden prüft sie verschiedene Ansätze: Stroh zur Bodenbedeckung, eine angepasste Bodenbearbeitung, Tröpfchenbewässerung und widerstandsfähigere Sorten.
Aber einfache Antworten gibt es nicht, denn eine Rebe bleibt 30, 50 oder mehr Jahre am selben Standort. Wer heute neu pflanzt, muss abschätzen, was in mehreren Jahrzehnten noch funktionieren könnte – während sich das Klima rasch verändert. «Man reisst nicht einfach Reben aus und pflanzt neue», sagt Anne-Claire Schott. Alte Stöcke zu bewahren, die Arbeit zu mechanisieren, die Produktionskosten im Griff zu behalten und den Betrieb klimafest auszurichten, müsse sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.
Unterstützung erhält sie von ihrem Partner, der auf dem Weingut mitarbeitet und zugleich als Landmaschinenmechaniker selbstständig ist. Er hat dazu beigetragen, Arbeiten stärker zu mechanisieren. Dennoch bleibt der Weinbau in den Steillagen arbeitsintensiv. Neben den Reben und dem Keller beanspruchen Büro, Vermarktung und Kundenkontakt viel Zeit. Gerade die Abwechslung gehört für sie aber zum Beruf.
Trotz sinkendem Weinkonsum blickt Anne-Claire Schott zuversichtlich auf die Zukunft des Schweizer Weins. Sie ist überzeugt, dass weniger, dafür bewusster getrunken wird. Wer eine Flasche öffnet, wolle Qualität und sei bereit, dafür einen angemessenen Preis zu bezahlen. Gerade die natürlichen Voraussetzungen der Schweiz sieht sie als Stärke.
«Wir können leichte, feine und trotzdem komplexe Weine machen», sagt sie. Während Schweizer Weine früher mitunter den schweren ausländischen Vorbildern nacheiferten, passe ihre Leichtigkeit heute zum veränderten Konsum. Anne-Claire Schott entwickelt deshalb auch Getränke mit weniger Alkohol. Vollständig entalkoholisierten Wein will sie hingegen nicht herstellen. «Wein hat per Definition Alkohol – alkoholfreier Wein ist für mich ein alternatives Getränk und dafür gibt es viele spannende Möglichkeiten», so Anne-Claire Schott.
Bei aller Offenheit für neue Ideen bleibt für Anne-Claire Schott entscheidend, dass ein Produkt wirtschaftlich trägt. Biodynamischer Anbau und Naturwein bedeuten viel Handarbeit und ein höheres Risiko. Ein misslungenes Fass kann nicht mit Zusatzstoffen korrigiert werden. Entsprechend müsse der Preis die Arbeit, das Wissen und die möglichen Ausfälle abbilden.
Wein ist für Anne-Claire Schott dennoch mehr als ein Produkt. Er soll die Landschaft, den Jahrgang und die Menschen sichtbar machen, die an ihm gearbeitet haben. Und er darf eine Haltung transportieren – gegen die Normierung des Geschmacks, gegen gedankenlosen Konsum und für ein sorgfältigeres Verhältnis zur Natur.
Im Jahr 2026 stehen die Frauen der Landwirtschaft im Fokus: Das «International Year of the Woman Farmer» (IYWF 2026) rückt die wichtigen, jedoch oft unerkannten Rollen der Frauen in Agrar- und Ernährungssystemen in den Vordergrund. Das UNO-Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen soll das Bewusstsein schärfen und Massnahmen fördern, um geschlechtsspezifische Unterschiede zu beseitigen und die Lebensbedingungen von Frauen weltweit zu verbessern.
Anlässlich des UNO-Jahres lädt der LID ab April 2026 ausserdem herzlich zur Ausstellung «Frauen in der Landwirtschaft: gestern – heute – morgen» im Freilichtmuseum Ballenberg ein.
Weitere Informationen:
Dass Anne-Claire Schott als Frau in einen lange männlich geprägten Beruf einstieg, erlebte sie zunächst weniger als Hindernis denn als besondere Ausgangslage. In ihrer Önologieklasse waren Frauen ungefähr zur Hälfte vertreten. Mit dem Diplom besass sie zudem die fachliche Glaubwürdigkeit, um als Betriebsleiterin ernst genommen zu werden.
Wie in vielen Branchen verändert sich das Bild jedoch auf dem Weg an die Spitze. Unter den Betriebsleitenden sind Frauen deutlich seltener als in der Ausbildung. Auch Anne-Claire Schott musste zeigen, dass sie fachlich auf demselben Niveau arbeitet wie ihre männlichen Kollegen.
Gleichzeitig sieht sie für Frauen einen unerwarteten Freiraum. «Wenn man als Frau in einem Männerberuf tätig ist, ist man sowieso schon etwas anders», sagt sie. Wer bereits nicht dem herkömmlichen Bild entspricht, könne mitunter leichter weitere Konventionen brechen. Männliche Kollegen aus Traditionsbetrieben seien für die Umstellung auf Bio oder Demeter teilweise heftiger angefeindet worden als sie. Als Frau sei sie ohnehin schon in einer anderen Schublade gewesen.
Das bedeute nicht, dass Frauen mutiger seien oder grundsätzlich anders Wein machten. Entscheidend seien Persönlichkeit, Wissen und Feinfühligkeit. Doch wer nicht selbstverständlich zur Norm gezählt werde, habe manchmal auch weniger zu verlieren, wenn er oder sie von dieser Norm abweiche.
Die deutlichste Benachteiligung erlebte Anne-Claire Schott erst einige Jahre nach der Betriebsübernahme. «Als ich schwanger und Mutter wurde, stellte ich fest, dass unser System für selbstständige Mütter noch nicht gemacht ist», sagt sie. Die Verantwortung für den Betrieb blieb, während gleichzeitig die Betreuung der Kinder organisiert und ein grosser Teil der Familienarbeit übernommen werden musste.
Anne-Claire Schott hatte den Anspruch, ihre Arbeit in derselben Qualität weiterzuführen. Doch sie musste Abstriche machen, die männliche Berufskollegen mit Kindern nach ihrer Beobachtung oft nicht im gleichen Mass treffen. Wenn deren Partnerinnen zu Hause einen grossen Teil der Sorgearbeit übernähmen, könnten die Männer beruflich beinahe unverändert weitermachen. «Das fand ich extrem unfair», erzählt sie.
Für Anne-Claire Schott liegt darin ein wichtiger Grund, weshalb zwar viele Frauen eine landwirtschaftliche oder önologische Ausbildung absolvieren, aber viel weniger einen Betrieb führen. Eine selbstständige Unternehmerin kann während arbeitsintensiver Phasen nicht einfach ausfallen. Reben, Gärung, Vermarktung und Personal richten sich nicht nach Betreuungszeiten.
Sie findet deshalb, dass Betriebsleiterinnen besondere Sichtbarkeit verdienen. Nicht, weil ihre Weine oder Betriebe nach anderen Massstäben bewertet werden sollten, sondern weil der Weg an die Spitze noch immer unter ungleichen Voraussetzungen erfolgt.
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