Bruderhähne landen nicht in Afrika

Seit Anfang dieses Jahres dürfen in der Schweiz keine männlichen Küken mehr getötet werden. Ein hartnäckiges Gerücht besagt jedoch, dass Bruderhähne ins Ausland exportiert würden. Was stimmt – und was passiert wirklich mit den Tieren?
Zuletzt aktualisiert am 29. Mai 2026
von Jasmine Baumann
4 Minuten Lesedauer
Bruderhahnaufzucht Christoph Fuchs Rho Quer

«Die werden doch einfach nach Afrika geschickt», sagt eine Bäuerin im Gespräch. Gemeint sind Bruderhähne, jene männlichen Küken, die in der Eierproduktion entstehen. Ein Satz, der hängen bleibt. Doch stimmt das tatsächlich?

Seit Anfang dieses Jahres dürfen in der Schweiz keine männlichen Küken mehr getötet werden. Die Eierbranche hat dafür mehrere Lösungen entwickelt: In der biologischen Landwirtschaft werden Bruderhähne aufgezogen und Zweinutzungshühner gezüchtet.

Was genau sind Bruderhähne und was geschieht mit ihnen?

Bruderhähne sind die männlichen Geschwister jener Hühner, die für die Eierproduktion gezüchtet werden. Aus einem Gelege schlüpfen jeweils ungefähr gleich viele Hähne wie Hennen.

Während bei Mastpoulets beide Geschlechter aufgezogen werden können, eignen sich die männlichen Tiere von Legehennen schlecht für die Mast. Sie setzen nur wenig Fleisch an, da ihre Zucht auf hohe Legeleistung bei den weiblichen Tieren ausgerichtet ist. In der Geflügelproduktion spricht man deshalb von spezialisierten Lege- und Mastlinien.

Ein hartnäckiges Gerücht

Doch was passiert mit den Bruderhähnen – und ihrem Fleisch? Einige Bauern munkeln, dass die Tiere oder ihre Produkte gefroren nach Afrika gesendet würden, weil sie in der Schweiz keinen Absatz finden. Wir haben bei Bio Suisse nachgefragt, was Sache ist.

«Das stimmt nicht – sämtliches Fleisch der Bruderhähne wird in der Schweiz verarbeitet und verkauft», sagt Lukas Inderfurth, Mediensprecher von Bio-Suisse. Alle rund 600’000 jährlich geschlüpften Bruderhähne würden in der Schweiz aufgezogen und vermarktet.

Zu welchen Produkten werden diese verarbeitet?

Bruderhahnfleisch lässt sich vielfältig verwerten: vom ganzen Hahn über Teilstücke bis hin zu verarbeiteten Produkten wie Wurstwaren, Charcuterie, Fleischkäse oder Nuggets.

Je nach Verkaufskanal unterscheidet sich das Angebot, erklärt Lukas Inderfurth. Frischfleisch wird meist direkt ab Hof verkauft, während im Detailhandel ausschliesslich verarbeitete Produkte erhältlich sind. Teilweise werden die Produkte im Laden speziell gekennzeichnet: Bei Coop mit dem Label «Für Henne und Hahn», das sowohl auf Eierverpackungen als auch auf Fleischprodukten angebracht wird. Bei Migros tragen Bioeier das Label «Aus Liebe zu den Küken».

Tierethik und Kreislaufgedanke statt Profit

Die Aufzucht und Schlachtung von Bruderhähnen sind für die Landwirte kaum rentabel. Sie trotzdem aufzuziehen, ist ein bewusster ethischer Entscheid der Branche.

Die Tiere werden mindestens 63 Tage lang aufgezogen. Dies geschieht meist in Ställen, die normalerweise für die Aufzucht von Legehennen genutzt werden. Aber auch Bio-Pouletmast-Betriebe müssen heute regelmässig Bruderhähne aufziehen. Auf Biobetrieben wurden die Bruderhähne zum Teil schon vor dem Verbot des Kükentötens aufgezogen, wie die «BauernZeitung» berichtete. Bereits im Jahr 2022 zogen diese Betriebe rund ein Drittel aller geschlüpften Bruderhähne auf.

Wie werden die Landwirte und Landwirtinnen entschädigt?

«Sowohl bei der Aufzucht als auch bei der Schlachtung und Zerlegung fallen Mehrkosten an – einerseits aufgrund des langsamen Wachstums, andererseits aufgrund der geringeren Fleischausbeute pro Tier», erklärt Lukas Inderfurth.

Diese zusätzlichen Kosten werden auf die Legehennen umgeleitet und über den Eierpreis refinanziert. Dies ist der Grund, dass Eier für Konsumentinnen und Konsumenten leicht teurer geworden sind.

Der Hahn gehört zum Ei, wie das Huhn

Direktvermarkter in der Schweiz betonen, dass ein Tier nicht zum reinen Nebenprodukt degradiert werden darf. Wer Eier konsumiert, soll sich bewusst sein, dass der Hahn zum System dazu gehört, ebenso wie das Suppenhuhn.

Einige Betriebe spezialisieren sich zunehmend auf die Vermarktung von Bruderhahnfleisch, etwa der Schützhof in Strengelbach. Sie setzen auf Transparenz und kurze Vermarktungswege.

Bruderhahnfleisch gilt zudem als geschmacklich besonders: Es ist kräftiger und aromatischer, da sich die Hähne mehr bewegen und langsamer wachsen als herkömmliche Mastpoulets. Damit gewinnt es nicht nur aus ethischer, sondern auch aus kulinarischer Sicht an Bedeutung.

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