Schweiz vs. Finnland: Mehr Leistung pro Kuh im Norden – mehr Wert pro Kilogramm Milch im Süden

Finnland hatte im Final der Eishockeyweltmeisterschaft gegen die Schweiz die Nase vorn. Doch wie sieht es aus, wenn nicht Goals zählen, sondern Kühe, Milchmengen, Roboter, Käse und Wertschöpfung? Im vierten und letzten Teil der LID-Serie «Schweiz vs. Finnland» geht es um die Milchwirtschaft und damit um einen Bereich, der in beiden Ländern fest in der Landwirtschaft verankert ist.
Zuletzt aktualisiert am 30. Juni 2026
von Renate Hodel
10 Minuten Lesedauer
2026 Internationale Landwirtschaft Finnland Milchwirtschaft Milchviehbetrieb Laehteenmaeki Dairy Farm Rho

Im Stall der Lähteenmäki Dairy Farm nahe Turku arbeiten drei Melkroboter rund um die Uhr, Futter wird präzis gemischt, Daten werden laufend erfasst. Antero und Antti Lähteenmäki haben den Hof erst im Frühling übernommen – bis dahin führten sie ihn gemeinsam mit ihren Eltern Sauli und Soile. Die Geschichte des Hofs reicht weit zurück, seit über 100 Jahren ist er in der Familie.

Als er und sein Bruder 2011 in den Betrieb einstiegen, standen noch 32 Kühe im alten Anbindestall, erzählt Antero Lähteenmäki. Ein Jahr später folgte der grosse Sprung: Ein neuer Laufstall mit 152 Kuhplätzen und zwei Melkrobotern. 2019 wurde erweitert, ein dritter Roboter kam dazu und so hält der Betrieb heute gut 200 Milchkühe und rund 150 Stück Jungvieh.

Die Entwicklung der Lähteenmäki Dairy Farm steht exemplarisch für die finnische Milchwirtschaft: Weniger Betriebe, grössere Herden, viel Technik und hohe Leistung pro Kuh. Gleichzeitig zeigt der Hof, dass auch in Finnland Familienbetriebe das Rückgrat bleiben – nur in einer anderen Grössenordnung als in der Schweiz.

Zwei Milchländer

Sowohl die Schweiz als auch Finnland sind Milchländer. In beiden Ländern prägt die Kuh Landschaft, Landwirtschaft und Ernährung. Doch die Milchwirtschaft erzählt in beiden Ländern eine andere Geschichte.

In der Schweiz steht Milch für Grasland, Käse, Alp- und Berggebiet, Herkunft und kulinarische Identität. Milch ist eng mit Emmentaler, Gruyère, Raclette, Appenzeller, Sbrinz, Joghurt, Butter und Rahm verbunden. Sie ist Rohstoff für eine stark differenzierte Verarbeitungsbranche und zugleich ein Schlüssel zur Nutzung jener Flächen, auf denen Ackerbau kaum möglich ist.

In Finnland steht Milch stärker für Produktion unter nördlichen Bedingungen: Die Vegetationszeit ist kurz, die Winter sind lang, der Weide- und Futterbau sind klimatisch anspruchsvoll. Trotzdem ist die Milchviehhaltung einer der wichtigsten Pfeiler der finnischen Landwirtschaft und die durchschnittliche Milchleistung pro Kuh gehört zu den höchsten in Europa.

Der Unterschied zeigt sich bereits in den Strukturen: Die Schweiz hat viel mehr Milchproduktionsbetriebe, Finnland deutlich grössere. In der Schweiz wurden 2025 auf 16’369 Milchproduktionsbetrieben rund 3,33 Millionen Tonnen Verkehrsmilch produziert. Der durchschnittliche Betrieb vermarktete gut 203’000 Kilogramm Milch, bewirtschaftete rund 30 Hektaren und hielt knapp 30 Kühe.

Finnland produzierte 2025 rund 2,14 Millionen Liter Milch, wovon 2 Millionen Liter an Molkereien geliefert wurden. Ende Jahr gab es noch 3’618 Milchproduzenten, über das Jahr gesehen total 3’834 Milchviehbetriebe. Die Milchmenge pro Betrieb ist damit deutlich höher als in der Schweiz. Der Strukturwandel ist aber rasant: Allein 2025 sank die Zahl der finnischen Milchproduzenten um sieben Prozent.

Schweiz und Finnland im Agrarvergleich

Finnland hatte im Final der Eishockeyweltmeisterschaft in Zürich die Nase vorn. Nach 70 Minuten und 42 Sekunden platzte der Schweizer Traum vom Heimtitel und es blieb erneut nur Silber. Doch wie sieht es aus, wenn nicht Goals zählen, sondern Tiere, Felder, Wälder, Wertschöpfung und Versorgungssicherheit?

Eine Reise mit dem europäischen Netzwerk der Agrarjournalistinnen und Agrarjournalisten ENAJ nach Südwestfinnland zeigt: Der Vergleich zwischen der Schweiz und Finnland ist kein einfaches Kräftemessen. Die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich – und gerade deshalb spannend. Finnland hat viel Fläche, viel Wald, lange Winter, dünnere Besiedlung und grössere Distanzen. Die Schweiz hat wenig Fläche, hohe Bevölkerungsdichte, starke Berg- und Graslandwirtschaft, hohe Preise, Grenzschutz und eine sehr direkte Nähe zwischen Landwirtschaft, Konsum und Politik.

In der Miniserie «Schweiz vs. Finnland» vergleichen wir vier Bereiche der Landwirtschaft: Fleischproduktion, Milchviehhaltung, Ackerbau und Waldwirtschaft.

Schweiz produziert mehr Milch – Finnland mehr pro Betrieb

Beim reinen Produktionsvolumen liegt die Schweiz vorn. Trotz kleinerer Fläche und viel kleinerer Betriebe vermarktet sie mehr Milch als Finnland. Das ist bemerkenswert, weil Finnland deutlich grösser ist und in der Landwirtschaft stärker auf wachsende Betriebsgrössen setzt.

Der Grund liegt in der Breite der Schweizer Milchwirtschaft. Milchbetriebe gibt es vom Mittelland bis in die Bergregionen. Zwar sinkt auch in der Schweiz die Zahl der Produzentinnen und Produzenten seit Jahrzehnten deutlich. Im Jahr 2000 gab es noch über 38’000 Milchproduktionsbetriebe, 2025 waren es noch gut 16’000. Gleichzeitig stieg die durchschnittliche Milchmenge pro Betrieb von rund 82’000 auf gut 203’000 Kilogramm. Die Milchproduktion blieb also stabil, obwohl die Zahl der Betriebe stark sank.

Finnland zeigt denselben Trend in beschleunigter Form. Die Zahl der Betriebe geht stark zurück, die verbleibenden Betriebe werden grösser und technischer. Lähteenmäki Dairy Farm ist dafür ein gutes Beispiel. Aus 32 Kühen wurden über 200, aus einem klassischen Stall ein Roboterbetrieb mit eigener Biogasanlage und professioneller Fütterung.

«Es war damals ein ziemlich grosser Sprung für uns», sagt Antero Lähteenmäki über den Neubau 2012. Heute produziert der Hof im Wesentlichen Futter für die eigenen Tiere. Auf rund 300 Hektaren wachsen Gras, Silomais, Ackerbohnen, Getreide und Mischungen für Ganzpflanzensilage. Die Ration besteht aus mehreren Grassilageschnitten, Maissilage, Mineralstoffen, Raps, Nebenprodukten der Zuckerproduktion, Ackerbohnen und Getreide.

  • Auf der Lähteenmäki Dairy Farm weidet nur das Jungvieh – die Milchkühe verbringen ihre Zeit im Stall und Aussenhof. (rho)
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  • Der Betrieb hält heute gut 200 Milchkühe und rund 150 Stück Jungvieh. (rho)
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Hohe Leistung im Norden

Finnische Milchviehbetriebe müssen mit klimatischen Nachteilen umgehen – die Futterbausaison ist kurz und trotzdem muss genug Futter für lange Winter konserviert werden. Gleichzeitig bringt das nördliche Klima Vorteile wie beispielweise weniger Krankheitsdruck und damit gute Tiergesundheit.

Das Ergebnis ist eine beeindruckende Leistung pro Kuh. So registrierte Finnland für 2024 eine durchschnittliche Milchleistung von rund 11’170 Kilogramm energiekorrigierter Milch. Auf Lähteenmäki Dairy Farm lag die Leistung laut Betriebsunterlagen sogar bei über 13’000 Kilogramm energiekorrigierter Milch pro Kuh. Der Betrieb setzt dabei nicht auf eine reine Holsteinherde, sondern auf Kreuzungstiere: Holstein, Ayrshire, Montbéliarde, Brown Swiss und Jersey kommen in unterschiedlichen Kombinationen vor.

«Reine Holsteinkühe haben zwar gute Milchleistung gebracht, sind aber teilweise anspruchsvoller gewesen», begründet Antero Lähteenmäki. Die Kreuzungstiere seien robuster, gäben gut Milch und brächten bessere Schlachtkörperpreise. «Das Ziel ist, immer bessere Tiere zu haben», sagt er. Bei der Zucht achte man auf die ganze Kuh: Rahmen, Euter, Leistung, aber auch darauf, welche Tiere am wenigsten Probleme machen.

Auch in der Schweiz ist die Milchleistung gestiegen, allerdings sind die durchschnittlichen Herden kleiner, die topografischen Unterschiede grösser und die Produktion ist stärker mit Weide, Raufutter, Alpung und Käsequalität verbunden. Schweizer Milchviehhaltung ist nicht überall nur auf maximale Leistung pro Kuh ausgerichtet, sondern standortbedingt auch auf ein Zusammenspiel von Fütterung, Tierwohl, Verarbeitung und Markt.

Energiekorrigierte Milch

Die energiekorrigierte Milch ist eine standardisierte Kennzahl in der Milchviehhaltung. Sie rechnet die tatsächlich produzierte Milchmenge basierend auf ihrem Fett- und Eiweissgehalt in eine vergleichbare Menge Standardmilch – meist 4 % Fett und 3,4 % Eiweiss – um. Dies ermöglicht einen fairen Leistungsvergleich zwischen verschiedenen Kühen oder Herden.

Tierwohl: Weide, Stall und gesellschaftliche Erwartung

Beim Tierwohl haben beide Länder starke Argumente, aber unterschiedliche Schwerpunkte. Finnland verweist auf sehr tiefe Antibiotikaverwendung, strenge Tiergesundheitsprogramme und hohe Produktionsstandards. Moderne Laufställe und Melkroboter erlauben den Kühen mehr Bewegungsfreiheit als klassische Anbindeställe. Gleichzeitig zeigt die finnische Statistik, dass die Umstellung noch nicht abgeschlossen ist: In den erfassten Milchleistungsherden standen 2024 zwar 76 Prozent der Kühe in Laufställen, aber 24 Prozent noch in Anbindeställen.

Beim Auslauf ist das Bild ebenfalls gemischt. Gut die Hälfte der erfassten finnischen Betriebe liess die Tiere im Sommer weiden, im Winter blieben sie drinnen. 27 Prozent hielten die Tiere sowohl im Sommer wie im Winter im Stall. So bekommt auch auf Lähteenmäki Dairy Farm nur das Jungvieh Weidegang. Die nördlichen Bedingungen, kurze Weidesaison und lange Stallperiode prägen die Praxis in Finnland.

Die Schweiz punktet hier mit einer breiteren Verankerung von Auslauf- und Tierwohlprogrammen. Ein grosser Teil der Milchkühe nimmt am RAUS-Programm teil, viele Betriebe erfüllen zusätzlich BTS, also besonders tierfreundliche Stallhaltung. Seit 2024 gilt der Branchenstandard «swissmilk green» für Schweizer Milch. Er umfasst unter anderem Anforderungen zu Tierwohl, Fütterung, Nachhaltigkeit und Qualität.

Zudem spielt die gesellschaftliche Erwartung eine grosse Rolle. Die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten verbinden Milch stark mit Weide, Gras und, Alp und sicher auch mit kleineren Herden – der durchschnittliche Schweizer Milchbetrieb mit rund 30 Kühen passt besser zu diesem Bild als ein finnischer Betrieb mit 200 Kühen.

2026 Internationale Landwirtschaft Finnland Milchwirtschaft Milchviehbetrieb Laufstall Antti Und Antero Laehteenmaeki Laehteenmaeki Dairy Farm Rho
Antero und Antti Lähteenmäki haben den Hof vor Kurzem als alleinige Betriebsleiter von den Eltern übernommen. (rho)

Käse macht den Unterschied

Der entscheidende Schweizer Pluspunkt liegt in der Verwertung. Milch ist in der Schweiz nicht einfach Milch. Sie wird zu Käse, Rahm, Butter, Joghurt, Konsummilch und Spezialitäten verarbeitet. Besonders wichtig ist der Käse: Rund 46 Prozent der Schweizer Milch werden zu Käse inklusive Quark verarbeitet. Etwa ein Drittel der Milchverarbeitung erfolgt in gewerblichen Käsereien, zwei Drittel in industriellen Verarbeitungsbetrieben.

Diese Struktur schafft Wertschöpfung und Identität. Schweizer Käse ist ein Exportprodukt, ein Kulturgut und ein starkes Argument für die Milchproduktion im Grasland. Die Zulagen für verkäste Milch und für Fütterung ohne Silage zeigen zudem, wie stark die Schweizer Agrarpolitik diese Verwertung stützt. Für verkäste Milch beträgt die Zulage 15 Rappen pro Kilogramm, für silofreie Milch, die zu bestimmten Käsesorten verarbeitet wird, zusätzlich 3 Rappen. Daneben gibt es seit 2022 eine Verkehrsmilchzulage von 5 Rappen pro Kilogramm.

Finnland hat ebenfalls eine starke Molkereistruktur. Valio, an das auch Lähteenmäki Dairy Farm liefert, gehört über regionale Genossenschaften Tausenden Milchproduzentinnen und Milchproduzenten. Milchprodukte sind für Finnland eine wichtige Exportkategorie. Doch im internationalen Vergleich ist die finnische Milch weniger stark über ikonische Käsemarken und Herkunftserzählungen positioniert als die Schweizer Milch, die mit ihren Produkten für Tradition, Qualität und Herkunft steht.

Die finnische Landwirtschaft

Die Produktionsbedingungen im Norden sind anspruchsvoll. Die Vegetationszeit ist kurz, die Kosten sind hoch und die Landwirtschaft ist stark auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Direktzahlungen und öffentliche Unterstützung sind in Finnland strukturell zentral: Die Agrarsubventionen machen etwa 30 Prozent der durchschnittlichen landwirtschaftlichen Produktion aus. In einigen Regionen und Produktionszweigen liegt dieser Anteil deutlich höher. Ohne Subventionen wäre das derzeitige Produktionsniveau wirtschaftlich nicht tragfähig. Die jährlichen Agrarbeihilfen – EU-Mittel und nationale Mittel zusammen – belaufen sich auf etwa 1,9 bis 2 Milliarden Euro.

Tero Hemmilä, Präsident des finnischen Bauernverbandes MTK, sprach in Turku denn auch offen von einem Ungleichgewicht in der Wertschöpfungskette. Die Zahl der Betriebe sei seit dem EU-Beitritt 1995 von rund 80’000 auf unter 40’000 gesunken, gleichzeitig produziere Finnland weiterhin gleich viel Lebensmittel. Die Produktivität sei enorm gestiegen, doch der Gewinn bleibe nicht ausreichend bei den Bäuerinnen und Bauern hängen. Zwei grosse Detailhändler kontrollierten rund 80 Prozent des Konsumentenmarktes, so Tero Hemmilä.

Trotz kurzer Vegetationszeit, kühlem Klima und grossen jährlichen Wetterschwankungen deckt die finnische Landwirtschaft einen grossen Teil der inländischen Lebensmittelversorgung ab. Lange Sommertage helfen dabei, die tiefen Temperaturen teilweise auszugleichen.

Rund 2,3 Millionen Hektaren werden landwirtschaftlich genutzt – das entspricht etwa 8 Prozent der Landesfläche. Die durchschnittliche Betriebsgrösse lag 2024 bei 55 Hektaren – Tendenz steigend. Wie in vielen europäischen Ländern nimmt die Zahl der Betriebe ab, während die verbleibenden Betriebe grösser werden. Familienbetriebe prägen die Landwirtschaft aber weiterhin stark.

Im Pflanzenbau dominieren Kulturen, die mit kühlen Bedingungen und kurzen Saisons zurechtkommen. Dazu gehören vor allem Gerste, Hafer, Weizen, Roggen und Futtergräser. Etwa die Hälfte des Ackerlands dient der Futterproduktion. Eine zentrale Rolle spielt die Tierhaltung, insbesondere die Milchproduktion: Finnland produziert jährlich rund 2,3 Milliarden Liter Milch. Die durchschnittliche Milchleistung pro Kuh gehört mit rund 11’170 Kilogramm zu den höchsten Europas.

Finnland betont international besonders seine Standards bei Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit. Dazu gehören ein sehr tiefer Antibiotikaeinsatz, nationale Programme zur Krankheitsprävention sowie Verbote beziehungsweise der Verzicht auf Praktiken wie routinemässiges Schwanzkupieren bei Schweinen oder Schnabelkürzen bei Geflügel.

Klimabilanz im Fokus

Auf Lähteenmäki Dairy Farm liegt neben den Produktionsdaten auch eine Klimabilanz auf dem Tisch. Die Molkerei stellt den Betrieben ein Berechnungstool zur Verfügung. Für den Hof ergibt sich ein Fussabdruck von 0,79 Kilogramm CO₂-Äquivalenten pro Kilogramm energiekorrigierter Milch. Die grösste Emissionsquelle ist die Verdauung der Rinder, gefolgt von zugekauftem Futter und Emissionen aus den Feldern.

Der Betrieb hat 2019 eine Biogasanlage gebaut, die Wärme und Strombedarf des Hofes deckt. Die Anlage sei «nice to have», aber trotz höherer Förderung und gestiegener Energiepreise nicht wirklich profitabel, sagt Antero Lähteenmäki nüchtern. Sie bringe auch zusätzliche Arbeit.

Auch in der Schweiz rückt die Klimabilanz stärker in den Fokus. Die Milchbranche hat in den letzten Jahren verschiedene Nachhaltigkeits- und Klimaprogramme entwickelt, von «swissmilk green» über «KlimaStaR» bis zur freiwilligen Klimabilanzierung. Gleichzeitig bleibt Methan aus der Verdauung eine zentrale Herausforderung. Milch aus Grasland kann Flächen nutzen, die sonst kaum direkt der menschlichen Ernährung dienen. Trotzdem muss die Branche zeigen, wie sie Emissionen senkt und dabei sowohl Effizienz wie auch Nachhaltigkeit steigert.

Finnland zeigt mit Lähteenmäki Dairy Farm, wie präzise Betriebe Emissionen erfassen und Energie selbst produzieren können. Die Schweiz hat den Vorteil einer stark graslandbasierten Produktion, kurzer Wege und einer Verwertung über wertschöpfungsstarke Produkte. Beide stehen vor derselben Frage: Wie wird Milch klimafreundlicher, ohne die Grundlage der Betriebe zu schwächen?

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In der Schweiz werden über 80 Prozent der Milchkühe im Tierwohlprogramm RAUS gehalten und haben regelmässigen Auslauf im Freien. (rho)

Strukturwandel mit Ansage

Wirtschaftlich stehen beide Milchländer unter Druck. In Finnland ist die Produktion stark auf Effizienz und Skalierung angewiesen. Die Marktpreise orientieren sich stärker am EU-Umfeld, während die Produktionskosten wegen der nördlichen Lage hoch sind. Gebäude, Futterlager, Heizsysteme und Winterfütterung kosten. Öffentliche Unterstützung ist deshalb ein struktureller Bestandteil der Landwirtschaft.

Tero Hemmilä, Präsident des finnischen Bauernverbandes MTK, bringt das Problem auf den Punkt: Finnland produziere heute mit weniger als halb so vielen Betrieben wie beim EU-Beitritt 1995 weiterhin etwa gleich viel Nahrung. Die Produktivität sei enorm gestiegen. Doch die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern hätten nicht im gleichen Mass profitiert. Die Verhandlungsmacht in der Wertschöpfungskette sei schwach, zumal zwei Detailhändler rund 80 Prozent des Konsumentenmarktes kontrollierten.

Auch in der Schweiz ist die Milchwirtschaft kein Selbstläufer. Die Zahl der Betriebe sinkt, die Anforderungen steigen, der Arbeitsaufwand bleibt hoch. Gleichzeitig stützen Grenzschutz, Milchzulagen, Branchenorganisationen, Käseverwertung und Herkunftsmarketing die Produktion. Die Schweizer Milch ist teurer, aber sie kann sich stärker über Qualität, Tierwohl, Grasland und Käse differenzieren.

In Finnland ist die Antwort eher: grösser, technischer, effizienter. In der Schweiz lautet sie eher: hochwertiger, standortangepasster, stärker über Herkunft und Verarbeitung positioniert. Beide Strategien haben Chancen – und beide sind verletzlich.

Schweiz mit Wertschöpfungsvorteil

Beim Eishockey gewann Finnland. Bei der Milch ist das Resultat weniger eindeutig. Finnland punktet bei der Leistung pro Kuh, bei der Technisierung, bei grossen effizienten Betrieben und bei der professionellen Datennutzung. Lähteenmäki Dairy Farm zeigt eindrücklich, was moderne Milchproduktion im Norden leisten kann: hohe Milchleistung, Roboter, Kreuzungszucht, hofeigene Futterproduktion, Biogas und Klimabilanzierung. Unter schwierigen klimatischen Bedingungen ist das bemerkenswert.

Die Schweiz punktet bei der Gesamtmenge, der Breite der Produktion, der Verankerung im Grasland, der Käseverwertung und der gesellschaftlichen Identität. Sie produziert mehr Milch als Finnland, mit deutlich mehr, aber kleineren Betrieben. Der durchschnittliche Schweizer Milchbetrieb ist viel kleiner als Lähteenmäki Dairy Farm und gerade darin liegt ein Teil der Schweizer Stärke. Die Milchproduktion ist breit im Land verteilt, reicht vom Mittelland bis auf die Alpen und ist eng mit Landschaft, Kultur und Ernährung verbunden.

So gewinnt Finnland bei Effizienz und Milchleistung pro Kuh und die Schweiz gewinnt bei Wertschöpfung, Käsekultur und Breite des Systems. Im Gesamtduell hat die Schweiz knapp die Nase vorn, weil sie aus Milch deutlich mehr macht: ein Lebensmittel, einen Rohstoff für Käse, ein Stück Kulturlandschaft – und ein starkes Stück Schweizer Landwirtschaft.