Opfer der eigenen Effizienz

Die Schweizer Schweinebranche produziert mehr, als der Markt aufnehmen kann. An der Delegiertenversammlung von Suisseporcs wurde deshalb ein erstes Mal über ein freiwilliges Stilllegungskonzept diskutiert. Es soll Betriebe zum Ausstieg bewegen – und die Preise stabilisieren.
Zuletzt aktualisiert am 7. Mai 2026
von Renate Hodel
4 Minuten Lesedauer
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Die Schweineproduzentinnen und -produzenten liefern aktuell rund 4’000 Tiere wöchentlich zu viel in den Markt. (jin)

Die Schweizer Schweinebranche steckt in einer paradoxen Lage: Sie ist effizienter geworden, professioneller, leistungsfähiger und genau das wird ihr nun zum Problem. Woche für Woche kommen mehr Schlachtschweine auf den Markt, als abgesetzt werden können. Laut Suisseporcs werden derzeit rund 47’000 bis 48’000 Schlachtschweine pro Woche verarbeitet, der Markt kann aber nur etwa 44’000 Tiere aufnehmen. Der Überschuss drückt auf die Preise: Der Kilogrammpreis für Schlachtschweine ist innert eines Jahres um rund einen Franken gefallen.

Der Grund liegt nicht in einer plötzlichen Ausweitung der Bestände. Vielmehr steigt die Produktion auch bei gleichbleibender Tierzahl weiter an.

Ein System auf Menge – mit Folgen für den Markt

Das System ist stark auf Menge ausgelegt: Unter anderem die sogenannte arbeitsteilige Ferkelproduktion (AFP) ist ein spezialisiertes Produktionssystem in der Schweizer Schweinehaltung, das durch Kooperation von spezialisierten Betrieben die Effizienz steigert. Strukturiert ist die AFP meist durch einen Deck- und Wartebetrieb, der mit mehreren Abferkel- und Aufzuchtbetrieben sowie Mastbetrieben einen AFP-«Ring» bildet. Die Zuchtsauen werden auf dem Deckbetrieb belegt, kommen zur Trächtigkeit in den Wartebetrieb und vor der Geburt in den Abferkelbetrieb. Die Ferkel kommen dann in den Aufzucht- respektive Mastbetrieb. Der Vorteil des Systems: Höhere Ferkelzahlen pro Sau und Jahr, Spezialisierung, optimierte Arbeitsabläufe und höhere Wirtschaftlichkeit.

So führen Zuchtfortschritte, bessere Tiergesundheit, höhere Ferkelzahlen pro Sau und schnellere Gewichtszunahmen dazu, dass die Schweizer Schweinefleischproduktion jedes Jahr um etwa 1,5 Prozent wächst. Die Branche ist damit in gewissem Sinn Opfer ihrer eigenen Effizienz geworden. Um das Angebot stabil zu halten, müssten laut Suisseporcs jährlich rund 1’500 Muttersauen aus dem Kreislauf genommen werden.

So erinnerte auch Suisseporcs-Zentralpräsident Andreas Bernhard zu Beginn der Versammlung daran, wie er noch ein Jahr davor die Schweineproduktion für ihre Effizienz gelobt habe, als es nach einer Phase, in der es zu wenig Schweine auf dem Markt gab, den Produzentinnen und Produzenten gelungen sei, in kurzer Zeit diese Löcher zu stopfen. Die Schweineproduktion mit ihren vielen grossen und professionellen Betrieben ist nun aber dermassen effizient geworden, dass sich diese Effizienz nun von Segen in Fluch gewandelt hat. Die Struktur der Branche habe sich verändert, sagte Andreas Bernhard: Kleinere Betriebe würden verschwinden, während grössere und professionellere Betriebe investiert hätten und deshalb später aus der Produktion ausstiegen. Der Markt reguliere sich deshalb nicht mehr gleich wie früher.

Freiwilliger Ausstieg gegen Prämie

An der Delegiertenversammlung von Suisseporcs in St. Urban im Kanton Luzern wurde deshalb ein erstes Mal über ein neues Stilllegungskonzept diskutiert. Es soll Zuchtbetriebe, die ohnehin vor der Aufgabe stehen oder nicht mehr langfristig investieren wollen, finanziell zu einem früheren Ausstieg bewegen. Wer mitmacht, verpflichtet sich, den entsprechenden Zuchtschweineplatz während 25 Jahren nicht mehr zu nutzen. Zudem dürfen auf dem Betrieb während zehn Jahren keine neuen Schweineställe gebaut werden.

Die Idee dahinter: Weniger Zuchtsauen bedeuten weniger Ferkel – und damit mittelfristig weniger Schweinefleisch auf dem Markt. Finanziert werden soll das Konzept über einen Fonds bei der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft Proviande, der von Produzentinnen und Produzenten mitgetragen wird. Suisseporcs argumentiert, dass Entschädigungen von 5 bis 10 Millionen Franken langfristig einen Mehrerlös von rund 100 Millionen Franken ermöglichen könnten, wenn sich dadurch die Preise stabilisieren.

Branche ringt um den richtigen Weg

An der Delegiertenversammlung zeigte sich allerdings, dass der Weg umstritten ist. Während ein Teil der Branche rasches Handeln fordert, kritisierten insbesondere Vertreter der Sektion Ostschweiz das Vorgehen. Delegierte der Sektion Ostschweiz bemängelten unter anderem, dass es keine Vernehmlassung gegeben habe und das Konzept nicht sauber ausgearbeitet sei.

Andere Stimmen betonten dagegen, dass die Branche handeln müsse und es höchste Zeit sei, eine nachhaltige Lösung zu suchen – nicht nur eine kurzfristige Antwort auf die aktuelle Krise. Das Stillegungskonzept könne ein erster Schritt in diese Richtung sein. Einigkeit bestand zumindest darin, dass mehr Preisstabilität nötig ist.

Die Sektion Ostschweiz beantragte zusätzliche Abklärungen, blieb damit aber in der Minderheit. Die finale Diskussion und Abstimmung über die Zukunft der Stilllegungsprämie in der Schweizer Schweineproduktion soll Ende Mai stattfinden: Die ausserordentliche Delegiertenversammlung zur Abstimmung über das Konzept Mengensteuerung für einen nachhaltig gesunden Schweinemarkt wird am 27. Mai 2026 in Olten stattfinden.

Klar ist schon jetzt: Die Branche sucht nach einem Weg, wie sie ihre Stärke – die hohe Effizienz – wieder besser mit der Nachfrage in Einklang bringen kann.

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