Mit offenem Blick zum Meister
Beat Hofer kam auf dem zweiten Bildungsweg zur Landwirtschaft. Heute führt er den elterlichen Betrieb im bernischen M...
Der erste Eindruck ist ungewohnt. Wer in der Schweiz an Schweinehaltung denkt, denkt an Stallungen auf Bauernhöfen, vielleicht an Auslauf, aber auch an Spannungsfelder wie Emissionen, Futterimporte und in jüngster Zeit sicher auch an Überproduktion. Auf der Heikkilä Farm im südwestfinnischen Rusko beginnt die Schweineproduktion dagegen hinter Glas. Besucherinnen und Besucher blicken in eine Art Showroom. Dahinter bewegen sich Sauen und Ferkel in Buchten.
Timo Heikkilä führt den Familienbetrieb in fünfter Generation. Seit 1883 ist der Hof in Familienbesitz, seit Jahrzehnten ist er auf Schweine spezialisiert. Heute gehört Timo Heikkilä zu den bedeutendsten Ferkelproduzenten Finnlands. Der Betrieb produziert über 100’000 Ferkel pro Jahr – rund fünf Prozent der finnischen Ferkelproduktion – und hält Platz für 3’500 Sauen. Rund 67 Prozent der Sauen ferkeln in sogenannten freien Abferkelbuchten ab.
Auf den ersten Blick produzieren die Schweiz und Finnland ähnlich viel Schweinefleisch. In Finnland wurden 2025 rund 164’000 Tonnen Schweinefleisch produziert. Damit lag Schwein praktisch gleichauf mit Geflügel, das mit 155’000 Tonnen weiter wächst, während Rindfleisch mit 81’000 Tonnen deutlich dahinter liegt. Insgesamt produzierte Finnland 2025 knapp 402’000 Tonnen Fleisch.
Auch in der Schweiz ist Schweinefleisch mengenmässig die wichtigste Fleischart. 2025 wurden hierzulande ebenfalls knapp 164’000 Tonnen Schweinefleisch produziert. Das gesamte Angebot an Schweinefleisch lag bei gut 177’000 Tonnen – der Inlandanteil somit bei hohen 92,2 Prozent. Beim gesamten Fleisch aller Arten betrug die Inlandproduktion knapp 363’000 Tonnen, das Gesamtangebot gut 469’000 Tonnen und der Inlandanteil 77,3 Prozent.
Finnland hatte im Final der Eishockeyweltmeisterschaft in Zürich die Nase vorn. Nach 70 Minuten und 42 Sekunden platzte der Schweizer Traum vom Heimtitel und es blieb erneut nur Silber zuhause vorbei. Doch wie sieht es aus, wenn nicht Tore zählen, sondern Tiere, Felder, Wälder, Wertschöpfung und Versorgungssicherheit?
Eine Reise mit dem europäischen Netzwerk der Agrarjournalistinnen und Agrarjournalisten ENAJ nach Südwestfinnland zeigt: Der Vergleich zwischen der Schweiz und Finnland ist kein einfaches Kräftemessen. Die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich – und gerade deshalb spannend. Finnland hat viel Fläche, viel Wald, lange Winter, dünnere Besiedlung und grössere Distanzen. Die Schweiz hat wenig Fläche, hohe Bevölkerungsdichte, starke Berg- und Graslandwirtschaft, hohe Preise, Grenzschutz und eine sehr direkte Nähe zwischen Landwirtschaft, Konsum und Politik.
In der Miniserie «Schweiz vs. Finnland» vergleichen wir vier Bereiche der Landwirtschaft: Fleischproduktion, Milchviehhaltung, Ackerbau und Waldwirtschaft.
Deutlicher wird der Unterschied beim Konsum. In der Schweiz lag das Pro-Kopf-Angebot an Schweinefleisch 2025 bei 19,3 Kilogramm. Schweinefleisch bleibt damit die beliebteste Fleischart vor Geflügel und Rindfleisch.
In Finnland wird deutlich mehr Fleisch gegessen – zumindest gemessen an den dortigen Versorgungsbilanzen. 2024 lag der gesamte Fleischkonsum bei rund 78,2 Kilogramm pro Kopf, wenn Wild und Innereien mitgezählt werden. Auf Rind, Schwein, Lamm und Geflügel entfielen 76,2 Kilogramm. Schweinefleisch machte davon 27,4 Kilogramm aus, Geflügel 30,7 Kilogramm und Rindfleisch 17,7 Kilogramm. Geflügel hat Schwein in Finnland bereits überholt, doch Schweinefleisch bleibt ein zentraler Bestandteil der Ernährung.
Auch bei Atria, einem der grossen finnischen Fleischunternehmen, zeigt sich dieser Wandel. Vor zehn Jahren sei Schweinefleisch bei Atria noch klar stärker gewesen, heute habe Geflügel aufgeholt, so das Unternehmen. Atria produziert in Finnland rund 57’000 Tonnen Schweinefleisch, 40’000 Tonnen Rindfleisch und 63’000 Tonnen Geflügel. «We can really see how consumption is changing», so Maria Mustakallio von Atria.
«The curly tail shows that a pig is happy», steht auf einem Plakat im Besucherbereich der Heikkilä Farm und wird dort zum sichtbaren Zeichen für Tierwohl ausgelobt. Auch Atria greift dieses Bild offensiv auf: Das Schwein mit intaktem Schwanz steht für gute Haltungsbedingungen, wenig Stress und eine Produktion, die sich vom europäischen Durchschnitt abheben soll.
Aus finnischer Sicht ist das nachvollziehbar: In vielen EU-Ländern werden Schwänze trotz Verbot in der Praxis weiterhin routinemässig kupiert, wie verschiedene Vorstösse im Europäischen Parlament zeigen. Finnland betont deshalb, dass die Schweine ihre Schwänze behalten – und macht daraus ein Qualitätsmerkmal. Auch in der Schweiz ist das Kupieren von Schweineschwänzen verboten, wird hierzulande allerdings schon lange konsequent umgesetzt. Der Ringelschwanz gehört hier nicht zu einem besonderen Premiumstandard, sondern zur gesetzlichen Normalität.
Ähnlich ist es beim Haltungssystem der Schweine. Auf Heikkilä Farm wird hervorgehoben, dass rund zwei Drittel der Sauen in freien Abferkelbuchten abferkeln. Das ist für einen sehr grossen finnischen Betrieb bemerkenswert und zeigt, dass auch grosse Strukturen in Tierwohl investieren können. In der Schweiz ist diese Form der Schweinehaltung allerdings längst Mindeststandard und gehört hier zur gängigen Praxis. Seit 2007 dürfen in der Schweiz nur noch Abferkelbuchten mit frei beweglicher Muttersau eingesetzt werden und Schweizer Schweinezüchterinnen und Schweinezüchter haben bereits vor über 20 Jahren begonnen, diese sogenannte Freilaufhaltung erfolgreich umzusetzen. Die Abferkelbucht muss so eingerichtet sein, dass die Sau fressen, ruhen, koten und ihre Ferkel in einem geschützten, geheizten Nest säugen kann. Beschäftigungsmaterial ist ebenfalls vorgeschrieben.
In der Schweiz lebt nur rund ein Drittel der Mastschweine nach den konventionellen Mindestvorschriften. Rund zwei Drittel der Tiere werden in Tierwohlprogrammen des Bundes oder in Labels gehalten – mit besonders tierfreundlicher Stallhaltung, regelmässigem Auslauf ins Freie, mehr Gesamtfläche pro Tier oder weiteren Zusatzanforderungen. Wenn auf Heikkilä Farm also Finnlands glücklichste Ferkel leben, bleibt aus Schweizer Sicht doch die Frage, wie es dann den weniger glücklichen Schweinen wohl geht.
Die Produktionsbedingungen im Norden sind anspruchsvoll. Die Vegetationszeit ist kurz, die Kosten sind hoch und die Landwirtschaft ist stark auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Direktzahlungen und öffentliche Unterstützung sind in Finnland strukturell zentral: Die Agrarsubventionen machen etwa 30 Prozent der durchschnittlichen landwirtschaftlichen Produktion aus. In einigen Regionen und Produktionszweigen liegt dieser Anteil deutlich höher. Ohne Subventionen wäre das derzeitige Produktionsniveau wirtschaftlich nicht tragfähig. Die jährlichen Agrarbeihilfen – EU-Mittel und nationale Mittel zusammen – belaufen sich auf etwa 1,9 bis 2 Milliarden Euro.
Tero Hemmilä, Präsident des finnischen Bauernverbandes MTK, sprach in Turku denn auch offen von einem Ungleichgewicht in der Wertschöpfungskette. Die Zahl der Betriebe sei seit dem EU-Beitritt 1995 von rund 80’000 auf unter 40’000 gesunken, gleichzeitig produziere Finnland weiterhin gleich viel Lebensmittel. Die Produktivität sei enorm gestiegen, doch der Gewinn bleibe nicht ausreichend bei den Bäuerinnen und Bauern hängen. Zwei grosse Detailhändler kontrollierten rund 80 Prozent des Konsumentenmarktes, so Tero Hemmilä.
Trotz kurzer Vegetationszeit, kühlem Klima und grossen jährlichen Wetterschwankungen deckt die finnische Landwirtschaft einen grossen Teil der inländischen Lebensmittelversorgung ab. Lange Sommertage helfen dabei, die tiefen Temperaturen teilweise auszugleichen.
Rund 2,3 Millionen Hektaren werden landwirtschaftlich genutzt – das entspricht etwa 8 Prozent der Landesfläche. Die durchschnittliche Betriebsgrösse lag 2024 bei 55 Hektaren – Tendenz steigend. Wie in vielen europäischen Ländern nimmt die Zahl der Betriebe ab, während die verbleibenden Betriebe grösser werden. Familienbetriebe prägen die Landwirtschaft aber weiterhin stark.
Im Pflanzenbau dominieren Kulturen, die mit kühlen Bedingungen und kurzen Saisons zurechtkommen. Dazu gehören vor allem Gerste, Hafer, Weizen, Roggen und Futtergräser. Etwa die Hälfte des Ackerlands dient der Futterproduktion. Eine zentrale Rolle spielt die Tierhaltung, insbesondere die Milchproduktion: Finnland produziert jährlich rund 2,3 Milliarden Liter Milch. Die durchschnittliche Milchleistung pro Kuh gehört mit rund 11’170 Kilogramm zu den höchsten Europas.
Finnland betont international besonders seine Standards bei Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit. Dazu gehören ein sehr tiefer Antibiotikaeinsatz, nationale Programme zur Krankheitsprävention sowie Verbote beziehungsweise der Verzicht auf Praktiken wie routinemässiges Schwanzkupieren bei Schweinen oder Schnabelkürzen bei Geflügel.
Ein struktureller Unterschied ist auch die Betriebsgrösse. In der Schweiz sind industrielle Schweinemastbetriebe, wie man sie aus dem Ausland kennt, nicht möglich. Die Höchstbestandesverordnung begrenzt die Tierzahl pro Betrieb und so dürfen pro Betrieb maximal 1’500 Mastschweinen oder 250 Zuchtschweinen gehalten werden.
Derweil beeindruckt die Heikkilä Farm durch ihre Dimension. Mehr als 100’000 Ferkel pro Jahr, Platz für über 3’000 Sauen und damit rund fünf Prozent der finnischen Ferkelproduktion auf einem Betrieb: Aus finnischer Sicht zeigt das Professionalität, Effizienz und Spezialisierung. Aus Schweizer Sicht löst eine solche Grössenordnung aber auch Fragezeichen aus. Die Debatte um die Massentierhaltungsinitiative hat gezeigt, wie sensibel die Bevölkerung auf sehr grosse Tierbestände reagiert – selbst wenn diese unter hohen Standards geführt werden.
Gleichzeitig produziert die Schweiz fast gleich viel Schweinefleisch wie Finnland – zwar mit deutlich kleineren Einheiten und einem höheren Platzstandard für die Tiere, aber auch mit mehr Betrieben. In Finnland gab es 2024 noch 357 auf Schweinehaltung spezialisierte Landwirtschaftsbetriebe – 2010 waren es noch 1’355 gewesen. In der Schweiz halten knapp 5’500 Landwirtinnen und Landwirte Schweine, nachdem die Zahl in den zwei Jahrzehnten zuvor um rund zwei Drittel gesunken war. Der Trend ist aber klar: Finnland produziert stärker konzentriert, die Schweiz breiter verteilt.
Gleichzeitig steht in beiden Ländern die Schweineproduktion wirtschaftlich unter Druck. Finnland ist stark in den EU-Binnenmarkt eingebettet. Die Produzentenpreise liegen deutlich tiefer als in der Schweiz: Für Mastschweine nennt das Finnische Institut für natürliche Ressourcen Luke für das Jahr 2024 einen durchschnittlichen Produzentenpreis von 2.10 Euro pro Kilogramm.
In der Schweiz ist der Markt derweil stark auf Inlandproduktion ausgerichtet. Und trotz einem hohen Inlandanteil profitieren Schweineproduzentinnen und -produzenten in den letzten Jahren auch von relativ guten Preisen – 2024 und 2025 bewegte sich der Preis für Schlachtschweine jeweils irgendwo zwischen 3.80 und 4.80 Franken pro Kilogramm Schlachtgewicht. Seit Anfang dieses Jahres prägen aber Überproduktion und stark sinkende Preise die Schweizer Schweineproduktion: Zuletzt gab es einen erneuten Preissturz auf 2.50 Franken pro Kilogramm Schlachtgewicht minus 10 Rappen für Marktentlastungsmassnahmen. Grosse Angebote an Frischfleisch und die Auslagerung von Tiefkühlfleisch führen zur verschärften Marktsituation.
Beim Eishockey war die Sache schlussendlich klar: Finnland gewann. Bei der Fleisch- und besonders der Schweineproduktion ist die Abrechnung schwieriger.
Bei der Produktion müssen sich Finnland und die Schweiz die Punkte teilen: Beide Länder produzieren ähnlich viel Schweinefleisch – Finnland einfach mit weniger, dafür deutlich grösseren und intensiveren Betrieben.
Beim Konsum hat Finnland klar mehr Appetit auf Fleisch. Pro Kopf wird dort deutlich mehr Fleisch und auch mehr Schweinefleisch verbraucht. Beim Tierwohl hingegen hat die Schweiz einen deutlichen Vorsprung: Was in Finnland teilweise als besonders fortschrittlich präsentiert wird, ist in der Schweiz gesetzliche Basis. Der grösste Teil der Schweizer Schweine hat mehr Platz und darüber hinaus eingestreute Liegebereiche und auch Auslauf im Freien. Die Schweiz punktet mit einer breiteren Verankerung von höheren Standards, Tierwohlprogrammen und Labels im Markt.
Bei der Wirtschaftlichkeit und beim Markterlös zeigt sich, dass die finnische Schweineproduktion stärker rationalisiert und auf Kosteneffizienz ausgerichtet ist. Die Schweizer Produktion ist kleinteiliger, teurer und tierwohlorientierter – erzielt im Normalfall aber auch höhere Produzentenpreise. Bei der Wertschöpfung dürfte die Schweiz darum vorne liegen.
Das Schlussresultat bezüglich Fleischproduktion fällt deshalb – wohl ebenfalls in der Overtime – zugunsten der Schweiz aus: Im ersten Duell der Serie gibt es ein 3:2 für die Schweiz.
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