Mehr Schweiz in der Flasche, als man denkt

Seit 90 Jahren wird Coca-Cola in der Schweiz produziert. Ein Besuch bei Coca-Cola HBC Schweiz in Dietlikon zeigt, dass hinter der globalen Marke auch eine lokale Produktion steht. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie sich ein Süssgetränk in Zeiten von Zuckerreduktion, Nachhaltigkeit und verändertem Konsum behauptet.
Zuletzt aktualisiert am 7. Juli 2026
von Renate Hodel
6 Minuten Lesedauer
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Coca-Cola ist längst nicht mehr nur Coca-Cola: Zum Portfolio gehören auch Fanta, Sprite, Fusetea, Energydrinks und viele mehr. (rho)

Wenn die Temperaturen steigen, ist Erfrischung besonders wichtig. Eine Marke ist dabei besonders präsent und feiert dieses Jahr in der Schweiz ein Jubiläum. Seit 90 Jahren gibt es Coca-Cola hierzulande. Was 1936 mit der ersten Lizenz und der Produktion in Lausanne begann, ist heute ein Unternehmen mit Produktionsstandorten in Dietlikon im Kanton Zürich und Vals im Kanton Graubünden mit hunderten Mitarbeitenden.

Dass Coca-Cola aus den USA kommt, wissen viele. Dass ein grosser Teil der in der Schweiz konsumierten Getränke auch hier produziert wird, ist weniger bekannt. «Da ist mehr Schweiz drin, als man denkt», sagt Patrick Wittweiler, Country Operational Sustainability und QSE Manager bei Coca-Cola HBC Schweiz AG, beim Besuch am Standort Dietlikon. Coca-Cola sei zwar ein internationaler Konzern, in der Schweiz aber gleichzeitig auch ein lokal verankertes Unternehmen: «Wir sind ein internationaler Konzern und ein KMU in der Schweiz», so Patrick Wittweiler.

Vom Weltgetränk zur Schweizer Produktion

Die Geschichte von Coca-Cola beginnt 1886 in Atlanta, wo der Apotheker John Stith Pemberton eine Rezeptur mischte, aus der später eine der bekanntesten Marken der Welt wurde. In die Schweiz kam Coca-Cola über Max Stooss, einem Importeur von Autos aus Lausanne. Max Stooss hatte das Getränk auf einer USA-Reise kennengelernt und erhielt 1936 die Lizenz für die Produktion in Teilen der Westschweiz. Noch im selben Jahr startete der erste Abfüllbetrieb in Lausanne.

Es folgten weitere Standorte, unter anderem in Zürich. 1963 wurde der Abfüllbetrieb in Dietlikon eröffnet – bis heute der wichtigste Produktionsstandort für Coca-Cola, Fanta, Sprite und weitere Softdrinks in der Schweiz. Seit der Übernahme der Valser Mineralquellen gehört auch Vals zur Schweizer Coca-Cola-Welt. Dort wird das bekannte Mineralwasser abgefüllt.

Am Standort Dietlikon wird derzeit ausserdem sichtbar investiert. Coca-Cola HBC Schweiz hat eine neue rPET-Abfülllinie in Betrieb genommen und baut ein rund 40 Meter hohes Hochregallager mit 25’000 Palettenplätzen. Insgesamt investiert das Unternehmen rund 43 Millionen Franken in den Standort, davon rund 8 Millionen in die neue PET-Linie. Auf dieser können bis zu 42’000 Halbliter-rPET-Flaschen pro Stunde abgefüllt werden. Das Hochregallager soll die Logistik vereinfachen. Heute braucht Coca-Cola HBC Schweiz Aussenlager, künftig sollen mehr Produkte direkt am Standort gelagert und von dort zu den Kunden gebracht werden.

Heute ist das System von Coca-Cola in der Schweiz zweigeteilt: Die Coca-Cola Company ist Eigentümerin der Marken und liefert Konzentrate und Grundstoffe. Coca-Cola HBC Schweiz ist der strategische Abfüllpartner und kümmert sich hierzulande um Produktion, Verpackung, Distribution, Verkauf und Kundenbetreuung. Die Schweizer Gesellschaft gehört zur Coca-Cola Hellenic Beverage Company mit Hauptsitz in Zug, die in 29 Ländern tätig ist.

  • Auf den beiden Abfülllinien in Dietlikon können gesamthaft bis zu 84’000 Flaschen pro Stunde abgefüllt werden. (rho)
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«Nicht einfach ein Pülverchen»

Wer an Coca-Cola-Produktion denkt, stellt sich vielleicht einen Sirup vor, der mit Wasser verdünnt wird. Ganz so einfach sei es nicht, betont Patrick Wittweiler. «Es ist nicht einfach so, dass wir ein Pülverchen haben und das mit Wasser verdünnen und dann ist es gut – es gibt verschiedene Verarbeitungsschritte», erklärt er. Je nach Produkt unterscheiden sich Rezeptur, Rohstoffe und Technologie. Fanta ist anders aufgebaut als Sprite, Coca-Cola Zero anders als das originale Coca-Cola.

Gleichzeitig ist Standardisierung zentral. Die Qualität müsse unabhängig vom Produktionsland vergleichbar sein, verweist Patrick Wittweiler auf die weltweiten Vorgaben bei Qualität und Wasseraufbereitung: Ob in der Schweiz oder in einem anderen Land – die Anforderungen seien dieselben. Wer eine Coca-Cola kauft, erwartet überall ein vertrautes Produkt.

Das berühmte Rezept bleibt dabei ein Teil des Mythos. Im Alltag der Produktion geht es aber weniger um Geheimniskrämerei als um präzise Abläufe. Die Konzentrate und Bestandteile werden nach definierten Vorgaben verarbeitet. Gleichzeitig müssen Behörden, Qualitätssicherung und interne Kontrollsysteme wissen, was für die Lebensmittelsicherheit nötig ist. Das Wissen sei organisiert und verteilt, erklärt Wittweiler sinngemäss – nicht alles liege bei einer Person. Trotzdem kennen nur wenige Personen das Rezept für das Konzentrat, welches schlussendlich Coca-Cola ausmacht.

Schweizer Wertschöpfung

Laut Coca-Cola HBC Schweiz werden rund 80 Prozent der in der Schweiz verkauften Coca-Cola-Getränke lokal produziert. Rund 95 Prozent der Zutaten stammen von Schweizer Lieferanten, dazu gehört insbesondere Zucker aus der Schweiz und natürlich Wasser. Auch Verpackungsmaterialien, technische Dienstleistungen und Logistik werden, wo möglich, lokal bezogen.

Das Unternehmen beschäftigt in der Schweiz nach öffentlichen Angaben rund 650 Mitarbeitende. Entlang der Wertschöpfungskette werden laut Coca-Cola HBC Schweiz zusätzlich über 7’700 Arbeitsplätze unterstützt – etwa in Gastronomie, Detailhandel, Logistik, Industrie und Landwirtschaft. Die lokale Wertschöpfung beziffert das Unternehmen auf rund 833 Millionen Franken.

Solche Zahlen sind Unternehmensangaben und entsprechend einzuordnen. Sie zeigen aber, dass hinter der roten Marke nicht nur Marketing steht, sondern auch eine industrielle Infrastruktur: Anlagen, Lager, Aussendienst, Kühlschränke, Schankanlagen, Technikerinnen und Techniker, Lieferanten und Kundenbeziehungen.

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24/7-Getränke

Coca-Cola ist längst nicht mehr nur Coca-Cola. Das Unternehmen versteht sich heute als «24/7 Beverage Company» – also als Anbieter von Getränken für unterschiedliche Tageszeiten und Konsummomente. Zum Portfolio gehören neben Coca-Cola, Fanta und Sprite auch Valser, Fusetea, Energydrinks, Costa Coffee, Peace Tea oder Spezialitäten wie Three Cents. «Unser Ziel ist, dass wir ein Getränk für jede Tageszeit haben», sagt Patrick Wittweiler. Am Morgen kann das Kaffee sein, über Mittag ein Wasser oder ein Softdrink, am Nachmittag ein Eistee oder Energy Drink, am Abend vielleicht ein Mixer.

Diese Breite ist auch eine Antwort auf veränderte Konsumgewohnheiten. Der Getränkemarkt ist vielfältiger geworden, Konsumentinnen und Konsumenten achten stärker auf Zucker, Kalorien, Funktionalität, Verpackung und Portionsgrösse. Das spürt auch Coca-Cola. Während das klassische Softdrinkgeschäft zuletzt unter Druck stand, legten in der Schweiz gemäss Unternehmensangaben unter anderem Coke Zero, Sprite, Energy Drinks, Kaffee, Wasser und Ready-to-Drink-Tee zu. 2025 sank das Absatzvolumen von Coca-Cola HBC Schweiz insgesamt leicht um 0,7 Prozent auf 68,2 Millionen Verkaufseinheiten. Umgerechnet entspricht das rund 389 Millionen Litern Getränken. Der Markt bleibt also gross – aber Wachstum ist auch für eine Kultmarke kein Selbstläufer.

Genussmittel unter Beobachtung

So stehen Süssgetränke seit Jahren in der Kritik, weil ein hoher Zuckerkonsum gesundheitlich problematisch sein kann. Coca-Cola verweist auf zuckerfreie und zuckerreduzierte Varianten, kleinere Verpackungsgrössen und freiwillige Reduktionsziele. In der Schweiz sind gemäss Unternehmen heute rund 60 Prozent der verkauften Getränke kalorienfrei oder kalorienreduziert.

Das Original bleibt allerdings, was es ist: ein Süssgetränk mit Zucker. Beim originalen Coca-Cola Original am klassischen Zuckergehalt festgehalten, weil der Geschmack für viele Konsumentinnen und Konsumenten zentral sei. Gleichzeitig beteiligt sich Coca-Cola an der Zuckerreduktionsdiskussion und hat die Erklärung von Mailand unterzeichnet, mit der sich Unternehmen zu Reduktionszielen im Getränkeportfolio verpflichten.

Damit bewegt sich Coca-Cola in einem Spannungsfeld: Die Marke lebt von Genuss, Wiedererkennung und Emotion. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Lebensmittelunternehmen, Verantwortung für Gesundheit, Umwelt und Ressourcen zu übernehmen. Für Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet das: Coca-Cola bleibt ein Genussmittel – eines, das bewusst konsumiert werden sollte.