Das weisse Gold der Schweiz: Salz zwischen Monopol, Geschichte und Versorgung

Salzland Schweiz – Teil 1: Einer der wenigen Rohstoffe über den die Schweiz verfügt ist Salz. Für das Land ist es Gold wert, aber auch ein Sonderfall, der gelegentlich für Kontroversen sorgt. Salz ist in der Schweiz reichlich vorhanden. Es wird durch ein einziges Unternehmen abgebaut, verarbeitet und vermarktet.
Zuletzt aktualisiert am 28. Mai 2026
von Harry Rosenbaum
7 Minuten Lesedauer
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Die Schweizer Salinen AG fördert jährlich insgesamt bei 400’000 bis 600’000 Tonnen Salz. (saline.ch)

Dieses Unternehmen, die Schweizer Salinen AG, ist ein Monopolbetrieb. Er gehört zu gleichen Teilen den 26 Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein. Die Herrschaft über das Salz im Land wird im sogenannten «Salzregal» begründet. Dieses ist gewissermassen das Grundgesetz für den Umgang mit dem weissen Gold. Es wird nur an drei Orten abgebaut: Im basellandschaftlichen Schweizerhalle, im aargauischen Riburg und im waadtländischen Bex. Salz wird auf drei Arten gewonnen: Durch Verdunsten von Meerwasser, bergmännisch in Minen und durch Tiefenbohrungen. In der Schweiz wird mit der Bohrmethode Salz gewonnen. Nur in der Saline de Bex erfolgt der Abbau bergmännisch.

Salz ist eine chemische Verbindung. Es besteht aus verschiedenen Elementen und ist für Mensch und Tier lebensnotwendig. Speisesalz setzt sich aus Natrium und Chlor zusammen, daher auch als Natriumchlorid bekannt. Speisesalz ist ein zentrales Fundament für unser Wohlbefinden. Es regelt den körpereigenen Wasserhaushalt, unterstützt das Nervensystem und die Muskeln. Dem Speisesalz wird in verschiedenen Ländern, so auch in der Schweiz, Jod und Fluor zugefügt. Jod verhindert das Anschwellen der Schilddrüse und somit eine Kropfbildung, die zu Druck- und Schluckbeschwerden führt. Mit Jod im Speisesalz können auch Stoffwechsel- oder Wachstumsstörungen bei Kindern verhindert werden. Fluor wiederum härtet den Zahnschmelz und schützt so vor Karies.

Auch unsere Nutztiere benötigen regelmässig Salz um gesund und fit zu bleiben. Beispielsweise brauchen Kühe pro Tag bis zu 50 Gramm Natrium, je nachdem ob es sich um Jungtiere, Milchkühe oder Rinder handelt. Das Salz wird dem Kraftfutter beigemischt oder als Salzleckstein im Stall aufgehängt und an Weidezäunen angebracht.

Von Ziegen zur Salzmine

Wie das Salz in die Schweiz kam und wie es abgebaut wird, darüber gibt es im «Besucherzentrum Salina Helvetica» im Industriegebiet Schweizerhalle in Pratteln, am Hauptsitz der Schweizer Salinen, Aufklärung. Hier empfängt mich die Guide Nadia Winzenried für einen Rundgang und sie erzählt mir, dass tatsächlich Ziegen das Salz in der Schweiz entdeckt haben. Denn vor über 450 Jahren hätten Hirten in der Region Bex beobachtet, dass ihre Tiere immer zur gleichen Quelle wanderten, um zu trinken. Das Wasser war salzhaltig und somit ein Hotspot für die Ziegen. Die Stelle sei schliesslich näher untersucht worden, erzählt Nadia Winzenried die Legende weiter. Dabei sei man auf das Salz im Berg gestossen.

Die Salzmine, in der seit 1684 das weisse Gold abgebaut wird, ist die älteste Saline der Schweiz. Sie ist vor allem für ihr «Sel des Alpes» und spezielle Gourmetsalze bekannt. Die historische Saline de Bex kann besucht werden. Eine Stollenbähnchen fährt Touristinnen und Touristen in den Berg hinein.

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Auf dem Gelände der Saline Riburg lassen sich auch noch alte Bohrtürme bestaunen. (saline.ch)

Salzvorkommen in der Schweiz

Vor über 200 Millionen Jahren bedeckte das Urmeer «Tethis» das Land. Durch Verdunstung des Wassers entstanden in der Nordwestschweiz, im Jura und im Mittelland bis zu 100 Meter dicke Salzschichten. Sie sind durch jüngeres Gestein überdeckt. In der Schweiz wird – ausser in der Saline de Bex – das Steinsalz durch Bohrungen und eine spezielle Siede- und Laugentechnik gewonnen. «Die Bohrungen erfolgen in die Salzschichten in 140 bis 400 Meter Tiefe», sagt Nadia Winzenried. «Dann wird Trinkwasser hinabgepumpt und die Sole – die durch diesen Vorgang gewonnene Salzlösung – wird an die Oberfläche gepumpt und erhitzt», erklärt sie weiter. «Durch die Verdampfung der Sole kristallisiert das Salz aus und es entsteht reines, feines Salz», so Nadia Winzenried. Das geschieht in speziellen Verdampfungskesseln. In der Salina Helvetica ist ein gigantisches Exemplar zu bestaunen.

Salz suchen und auch noch finden ist keine einfache Sache. Das erfuhr der deutsche Unternehmer und gelernte Salinist Carl Christian Friedrich Glenck. Auf dem Rundgang erzählt Nadia Winzenried von seiner zunächst in verschiedenen Kantonen erfolglosen Suche nach dem weissen Gold. Schliesslich habe er von einem Basler Professor erfahren, dass es in der Nordwestschweiz im Boden Muschelkalk gebe. Das weise darauf hin, dass die Region einst vom Urmeer bedeckt war. Carl Christian Friedrich Glenck begann in der Rheinschleife bei Riburg zu bohren. «Im Jahr 1836 stiess er in Muttenz auf Salz», sagt Nadia Winzenried. «Dieser Erfolg führte dazu, dass in der Region gerade mehrere Salinen gleichzeitig entstanden», erklärt sie. Verwitterte Holzhäuschen mit kleinen Türmen, die heute unter Denkmalschutz stehen, erinnern an die Bohrstellen. «Ich bin in der Gegend aufgewachsen – als Kind dachte ich, das seien norwegische Kirchen», lacht Nadine Winzenried.

Die Nutzung von Salz

Die Salzgewinnung hat die Entwicklung der Schweiz während Jahrhunderten massgeblich beeinflusst. Sie legte unter anderem den Grundstein für die heutigen Weltkonzerne der chemischen-pharmazeutischen Industrie. Salz stand mit dem Bau von Solebädern auch am Anfang des Schweizer Wellnesstourismus. Im Solebad ist das Wasser ist mit hochreiner Natursole angereichert. Es entspannt das Nervensystem, fördert die Durchblutung, lockert die Muskeln und lindert Hautprobleme.

In den Schweizer Salinen werden acht Salzsorten produziert. Die jährliche Salzförderung liegt insgesamt bei 400’000 bis 600’000 Tonnen. Den weitaus grössten Absatz verzeichnen die Schweizer Salinen mit dem Auftausalz – der Anteil liegt bei 30 bis 55 Prozent. Je nachdem wie streng die Winter sind, schwankt die Auslieferung. Auftausalz ist das meistgefragte Produkt bei den Schweizer Salinen, weil es die Mobilität im Land gewährleistet. Hinter dem Enteisungsmittel folgen Gewerbe- und Industriesalz mit 15 bis 25 Prozent, Regeneriersalz mit 16 Prozent, Speisesalz mit 8 Prozent, Landwirtschaftssalz mit 5 Prozent, Sole mit 4 Prozent sowie Pharma- und Badesalzsalz mit je 1 Prozent.

Regeneriersalz dient der Wasserenthärtung in Haushaltsgeräten und bei Industrieanlagen. Industrie- und Gewerbesalz ist ein hochreines Salz für die Lebensmittelproduktion für Chemie und Pharmazie. Landwirtschaftssalz umfasst Viehsalz und Lecksteine, beides unverzichtbar in der Nutztierhaltung. Badesalz wiederum wird für die Körperpflege verwendet. Die Schweizer Salinen produzieren über 50 Salzprodukte und liefern das weisse Gold für mehr als 10’000 Fremdprodukte und industrielle Anwendungen. Das Unternehmen zählt an die 300 Beschäftigte und erzielte in den letzten Jahren Umsätze zwischen 90 und 120 Millionen Franken.

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Die Schweizer Salinen AG unterhält verschiedene Produktionsstandorte – hier die Saline Schweizerhalle in Pratteln. (saline.ch)

Die Geschichte der Salinen und ihr Auftrag

Die Salzgewinnung ab 1554 in Bex war der Startschuss für das erste Salzbergwerk, die Saline de Bex, die 1664 mit dem Stollenbau begann und die industrielle Salzgewinnung in der Schweiz auslöste. In der Rheingegend in der Nordwestschweiz stiess man 1836 erstmals auf Salzvorkommen. Nur ein Jahr später ist hier die erste Saline gegründet worden. Sie erhielt den Namen «Schweizerhalle» nach dem griechischen Wort für Salz «Hals». Die Saline Schweizerhalle baute ihre Produktion stetig aus, während in der Region viele weitere Salinen gegründet wurden.

Diese Entwicklung hatte einen starken Konkurrenzkampf zur Folge: Die Aargauer Salinen Riburg, Rheinfelden und Kaiseraugst schlossen sich 1874 zu den Schweizerischen Rheinsalinen zusammen, um gegen Schweizerhalle bestehen zu können. Nach 35 Jahren kam es zur Fusion. In Schweizerhalle etablierten sich die vereinigten Schweizerischen Rheinsalinen. 2014 erfolgte schliesslich der Zusammenschluss der Schweizer Rheinsalinen mit der Saline de Bex SA zum heutigen Unternehmen Schweizer Salinen AG.

Dieses hat den Auftrag, die ganze Schweiz verlässlich und solidarisch mit Salz zu versorgen. Dabei müssen ausreichend Vorräte, stabile und einheitliche Preis sowie eine flächendeckende Versorgung sichergestellt werden. Durch die landeseigene Salzgewinnung bewahrt die Schweiz ihre Unabhängigkeit von einer Versorgung durch das Ausland.

Das Salzregal verschafft der Schweiz «Salzautonomie»

Das sogenannte Salzregal, das heute bei den Kantonen immer noch sakrosankt ist, reicht mit seiner Entstehungsgeschichte bis weit ins 17. Jahrhundert zurück. Es ist das Grundgesetz für den versorgungs-, preis- und qualitätssichernden Umgang mit dem weissen Gold im Land. Das Regal soll insbesondere für Solidarität und einen funktionierenden Service Public unter den Kantonen sorgen. Denn Salz ist eben nicht nur für Mensch und Tier lebenswichtig, sondern auch für eine Staatsgesellschaft.

Mit dem Regal halten die Kantone an einer autonomen Schweizer Salzversorgung fest. In früheren Zeiten ging es dabei primär um die Gewährleistung der Ernährungssicherheit unter Beibehaltung der Unabhängigkeit gegenüber ausländischen Mächten. Heute ist der Fokus auf die Sicherstellung der Mobilität gerichtet – insbesondere in den Wintermonaten. War früher die Konservierung von Lebensmitteln wesentlich, so ist es heute die Verhinderung von wirtschaftlichem Schaden. Denn durch winterliche Verhältnisse kann die Mobilität im Land stark eingeschränkt werden oder gar völlig zusammenbrechen.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist die zentrale Lagerhaltung. Die Schweizer Salinen produzieren und lagern Salz für die ganze Schweiz. Die bestehenden Lager- und Verladeanlagen, die Nähe zu den Kunden sowie das eingespielte Verteilsystem ermöglichen auch ein kurzfristiges Abrufen grosser Auftausalzmengen. Kantone und Gemeinden können sich dadurch auf den Winterdienst und eine vergleichsweise kleine, operative Lagerhaltung konzentrieren.

Die Schweizer Salinen bieten mit ihrer stark ausgebauten Lagerinfrastruktur schweizweit Gewähr für stets ausreichende Auftausalzvorräte. Dies ist auch der Fall in Extremwintern mit sehr hohem Bedarf und schlechten Transportwegen. Wenn Salz irgendwo in Europa knapp wird, ist es meist auch in sämtlichen europäischen Ländern nicht mehr in ausreichender Menge vorhanden und beschaffbar. Erfahrungen mit harten Wintern zeigen, dass es in der Schweiz im Gegensatz zu gewissen europäischen Ländern bisher nie zu einem eigentlichen Versorgungskollaps gekommen ist. Auch waren andere Marktsegmente wie das Industrie- und Gewerbesalz oder das Speisesalz nie Mangelware.