So wird Biodiversität über dem Gubrist gefördert

Wo täglich tausende Autos durch den Gubristtunnel brausen – oder oft auch stehen –, krabbelt, brummt, summt und piepst es darüber auf dem Hof Sonnenberg munter. Für Johanna und Armon Fliri ist die Förderung der Vielfalt ein wichtiges Betriebsziel. Dabei geht es ihnen nicht nur um einzelne Biodiversitätsförderflächen. Boden, Pflanzen, Tiere und Menschen sollen zusammenspielen.
Zuletzt aktualisiert am 17. September 2026
von Jasmine Baumann
6 Minuten Lesedauer
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Eine Baumallee, kombiniert mit Strukturelementen wie Steinhaufen, bietet vielen Arten Lebensräume. Armon Fliri stellt diese vor.(Bilder jba)

Wie Biodiversität auf einem Landwirtschaftsbetrieb ganzheitlich gefördert werden kann, zeigte das Betriebsleiterpaar anlässlich der Lancierung des neuen Praxishandbuchs «Biodiversität in der Landwirtschaft» von FiBL und Schweizerischer Vogelwarte.

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Die Angus-Mutterkühe grasen in der Gründüngung über dem Gubristtunnel. (Bild jba)

Alles gehört zum Kreislauf

Die Angus Mutterkühe grasen in einem hohen Gewächs. Oft sind nur ihre schwarzen Rücken zu sehen, zwischendurch taucht ein Kopf auf, wenn sich ein Tier weiterbewegt.  Was hier wächst, ist keine gewöhnliche Wiese, sondern eine Gründüngungsmischung mit 15 Arten. Das hohe grasartige Gewächs ist die Sorghumhirse.

Gesät haben die Fliris die Mischung nach der Ernte des Sommerweizens. Nun beweiden die daheimgebliebenen Tiere der Mutterkuhherde den Bestand. Was die Tiere stehen lassen, wird später in den Boden eingearbeitet.

«Die Pflanzenreste sowie der Kot und Harn der Tiere bringen den Bodenlebewesen Nahrung», erklärt Armon Fliri. Auf diese ist er besonders stolz: «Die Bodenlebewesen machen mehr Gewicht aus als die Kühe, Pferde, Ziegen und anderen Tiere auf dem Hof.»

Für das Betriebsleiterpaar beginnt Vielfalt deshalb nicht erst bei einer Buntbrache oder einem Weiher. Sie beginnt auch im Boden. Eine Spatenprobe zeigt einen krümeligen Boden. Trotz des trockenen Sommers hatte er noch genügend Restfeuchte, damit die Gründüngung keimen konnte.

«Es ist elementar, dass wir zum Boden gut achtgeben, damit wir die Menschen ernähren können», sagt Johanna Fliri. Die Struktur im Boden müsse über Jahre aufgebaut werden.

Auch die Tierhaltung ist für die Fliris Teil dieses Kreislaufs. Ein Ziel des Betriebes lautet «Feed no Food»: Auf den Ackerflächen soll möglichst Nahrung für Menschen und nicht für Tiere produziert werden. Die Tiere sollen mit dem Gras und Heu von Wiesen und Weiden auskommen. Deshalb verbringt ein Grossteil der Mutterkuhherde den Sommer auf einer Alp im Bergün.

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Johanna Fliri zeigt in einer Spatenprobe, wie krümelig der Boden unter der Gründüngung ist. Die Pflanze in ihrer Hand ist Sorghum. (Bild jba)

Viele Lebensräume, ein Netz

Die 40 Hektaren des Betriebs in Unterengstringen bieten entsprechend viele verschiedene Lebensräume. 26,5 Prozent der Fläche sind Biodiversitätsförderflächen. Dazu gehören extensive Wiesen und Weiden, Säume auf Ackerflächen, Bunt- und Rotationsbrachen, Hochstamm-Feldobstbäume, Hecken, Ast- und Steinhaufen sowie ein Weiher.

Doch auch zwischen diesen klassischen Biodiversitätsförderflächen finden sich Lebensräume. Eingearbeitete Wurzelstöcke bieten Kleinstlebensräume. An bestimmten Stellen haben Fliris Humus abgeschürft, um magere Bedingungen zu schaffen, von denen unter anderem Glühwürmchen profitieren. Steinhaufen gehen bis zu 80 Zentimeter tief in den Boden. So können sich Amphibien in frostgeschützte Bereiche zurückziehen.

Auch Hecken und Futterhecken sind Teil des Konzepts. Sie bieten Nahrung und Lebensraum und ziehen unterschiedliche Tiere an. «Biodiversität ist schön und macht uns Freude», sagt Johanna Fliri. Auf ihrem Betrieb beobachten die Fliris mehr als 20 Schmetterlingsarten. Auch die Wildschweine erfreuen sich an der Biodiversität.

Entscheidend sei aber nicht nur die Anzahl der einzelnen Elemente. Sie sollen miteinander verbunden sein und sich gegenseitig ergänzen.

«Der Nutzen aus der Biodiversität ergibt sich nicht aus addierbaren Einzelbestandteilen», erklärte Jürg Sanders vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL an einem Medienanlass auf dem Hof Sonnenberg. Entscheidend seien die Wechselwirkungen: Nicht allein die Anzahl der Arten sei ausschlaggebend, sondern welche Organismen miteinander in Beziehung stehen.

Damit wird aus vielen einzelnen Strukturen ein Netzwerk. Genau diese Vernetzung ist auch auf dem Hof Sonnenberg über die Jahre gewachsen.

Praxishandbuch «Biodiversität in der Landwirtschaft»

Biodiversität fördern – in der Praxis

Das neue Praxishandbuch von FiBL und Schweizerischer Vogelwarte zeigt, wie Biodiversität auf Landwirtschaftsbetrieben gezielt gefördert werden kann. Es richtet sich an Landwirtinnen und Landwirte ebenso wie an Beratung, Ausbildung und weitere Fachpersonen.

Im Zentrum stehen nicht nur Biodiversitätsförderflächen, sondern auch Strukturelemente und Lebensräume rund um Hof und Feld sowie deren Zusammenspiel. Das Handbuch enthält konkrete Informationen und Praxistipps und eignet sich für Bio-, IP-Suisse- und ÖLN-Betriebe.

Herausgegeben von: Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL und Schweizerische Vogelwarte

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Hubert Schuermann von der Schweizerischen Vogelwarte mit dem neuen Praxishandbuch. (Bild jba)

20 Jahre bis das Netz stand

Dass ein solches Netzwerk nicht von heute auf morgen entsteht,w eiss Christian Schürch aus eigener Erfahrung. Der ehemalige langjährige Vorstand von IP-Suisse und Biodiversitätspionier war dabei, als IP-Suisse gemeinsam mit der Schweizerischen Vogelwarte 2010 eines der ersten grösseren Biodiviersitätsprojekte lancierte.

Damals sei die Skepsis gross gewesen, erinnert er sich. «Hört auf mit dem Vögelischissdreck», habe es geheissen. Auch die Frage habe im Raum gestanden: Wer versteht überhaupt das Wort Biodiversität?

Heute habe sich die Wahrnehmung verändert. Landwirtinnen und Landwirte seien stolz, wenn sie auf ihrem Betrieb ein Hermelin oder ein Glögglifrösch entdecken, sagte Schürch. Er selbst setzte auf seinem eigenen Betrieb konsequent auf Biodiversitätsförderung. «Es dauerte 20 Jahre bis der Betrieb vernetzt war, und 30 Jahre, dass ich einen Preis dafür erhielt.»

Biodiversität braucht damit nicht nur Fläche, sondern auch Zeit. Und sie braucht Menschen, die die Entwicklung begleiten.

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Vielfalt schafft Stabilität

Wie wichtig die Leistungen der Natur für die Landwirtschaft sind, zeigte Urs Brändli, Präsident von Bio Suisse, in seinem Eröffnungsreferat. Der grosse Wassermangel dieses Sommers führe deutlich vor Augen, wie wichtig die Natur sei. «Vielfalt schafft Stabilität», sagte er.

Jürg Sanders verwies zudem auf die Bedeutung der Bestäubung. Er zitierte Bundesrat Albert Rösti mit den Worten: «Ohne Bestäubung, ohne Insekten gibt es kein Leben auf der Welt. Ohne biologische Vielfalt gibt es keine Zukunft.»

Die Biodiversität ist damit nicht nur eine Frage schöner Landschaften oder seltener Arten. Sie erfüllt Funktionen, von denen auch die Landwirtschaft profitiert. Agroscope schätzt den wirtschaftlichen Wert der Bestäubungsleistung in der Schweiz auf bis zu 500 Millionen Franken.

Dass Biodiversität dabei nicht nach einem einfachen Baukastenprinzip funktioniert, macht die Sache anspruchsvoll. Welche Massnahmen sinnvoll sind und wie sie am besten kombiniert werden, hängt vom Standort und vom Betrieb ab.

Wissen für die Praxis

Genau hier setzt das neue Praxishandbuch «Biodiversität in der Landwirtschaft» an, das FiBL und die Schweizerische Vogelwarte gemeinsam herausgeben. Hubert Schürmann von der Vogelwarte berichtete bei der Vorstellung des Buches, dass die Vogelwarte seit 102 Jahren Erfahrungen in der Förderung von Vögeln sammelt. Vieles davon sei in das neue Handbuch eingeflossen.

Das Buch richtet sich nicht nur an Biobetriebe. Auch IP-Suisse-Produzenten und ÖLN-Betriebe können die Empfehlungen nutzen. Beschrieben werden nicht nur Möglichkeiten auf dem Feld, sondern auch rund um Hof und Gebäude.

FiBL-Beraterinnen und -Berater sollen das Handbuch ebenso nutzen können wie Landwirtinnen und Landwirte direkt. Denn diese seien grundsätzlich bereit, mehr für die Biodiversität zu tun, sagte Sanders. Dafür brauche es aber auch gute Beratung.

Adrian Krebs vom FiBL brachte die Freude über das gemeinsame Werk mit einem Bild auf den Punkt: Man sei auf das Buch stolz «wie ein Marienkäfer auf einer Knospe». Dahinter steht auch die Zusammenarbeit verschiedener Formen der Landwirtschaft: Biodiversitätsförderung soll nicht einer einzelnen Produktionsrichtung vorbehalten sein, sondern möglichst vielen Betrieben offenstehen.

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Der Sonnenberghof in Unterengstringen liegt direkt neben der Agglo von Zürich. Der Austausch mit Besucherinnen und Besuchern ist für Johanna und Armon Fliri wichtig für die Brückenbildung zwischen Stadt und Landwirtschaft. (Bild jba)

Landwirtschaft und Stadt zusammenbringen

Auf dem Hof Sonnenberg kommt noch eine weitere Form der Vernetzung hinzu. Der Betrieb liegt unmittelbar an der Agglomeration Zürich. An schönen Wochenenden sind bis zu 2000 Menschen auf dem Hof oder auf den Feldwegen unterwegs.

Johanna und Armon Fliri suchen den Dialog mit den Spaziergängern bewusst. «Wir müssen Stadt und Landwirtschaft zusammenbringen», sagt Johanna Fliri. Oft ergäben sich gute Gespräche. Die beiden versuchen, den Menschen aus der Stadt zu helfen, die Natur und Landschaft bewusster wahrzunehmen und für einen Moment aus ihrem Alltagstunnel auszubrechen.

«Die Schlimmsten sind die mit den Kopfhörern in den Ohren. Die nehmen gar nichts wahr rundherum», sagt sie mit einem Lachen.

Für die Fliris gehört auch das zum Hof. Biodiversität ist nicht nur etwas, das zwischen Hecken, Wiesen und Steinhaufen passiert. Sie wird von Menschen geschaffen, gepflegt und wahrgenommen.

Dass dies Arbeit bedeutet, verschweigen die Fliris nicht. «Biodiversität ist schön und macht uns Freude. Aber es braucht auch Einsatz unsererseits. Wir würden gerne mehr machen, sind aber limitiert. Wenn wir mehr für unsere Produkte erhalten würden, könnten wir jemanden einstellen, der uns unterstützt.»

Trotzdem spüren sie im Alltag, dass ihre Arbeit etwas bewirkt. Über dem Gubrist rauschen die Autos weiter. Auf dem Hof Sonnenberg krabbelt, brummt, summt und piepst es weiter. Und zwischen den verschiedenen Lebensräumen entsteht ein Netz, das über die einzelnen Flächen hinausreicht.

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Auch Soja bauen die Fliris an, um Menschen zu ernähren statt Tiere. Trotzdem gehört die Tierhaltung für sie unabdingbar zum Kreislaufsystem auf dem Betrieb. (Bild jba)

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