Für die Landwirtschaft wird das Klima zum Versicherungsrisiko

Erst vertrockneten die Felder, dann kam der Hagel: 2026 wird für die Schweizer Landwirtschaft zum aussergewöhnlichen Schadenjahr. Die SHGroup (Schweizer Hagel) rechnet mit 59,2 Millionen Franken Entschädigungen. Für Direktor Adrian Aebi ist das ein Warnsignal: «Jedes Zehntel Grad zählt.»
Zuletzt aktualisiert am 25. September 2026
von Jonas Ingold
4 Minuten Lesedauer
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Dieses Jahr mussten viele Felder bewässert werden. Künftig werden Bewässerungssysteme an Bedeutung zunehmen. (jin)

Erste Schäden meldeten sich bereits im Juni: Kundinnen und Kunden befürchteten aufgrund der Trockenheit bei Winterweizen und Raps grosse Ertragseinbussen. Am Ende erwiesen sich die Winterkulturen jedoch als widerstandsfähig, die Erträge fielen schweizweit insgesamt gut aus, mit regional leichten Einbussen.

Deutlich schwieriger präsentierte sich die Lage bei den Sommerkulturen, wie Gaylor Monnerat, Leiter Schweiz der SHGroup, an einer Medienorientierung sagte. Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben und Sonnenblumen litten stark unter der anhaltenden Trockenheit.

Auch die parametrischen Versicherungen, die indexbasiert ausschliesslich auf meteorologischen Daten ohne Schadenbegutachtung basieren, verzeichnen aussergewöhnliche Schadensummen: Bei einem Faktor von rund 1:10 stehen eingenommenen Prämien bei den parametrischen Versicherungen Auszahlungen in zehnfacher Höhe gegenüber.

Bei den schadenbasierten Versicherungen zeigt sich ebenso ein klares Bild. In der Westschweiz, wo aufgrund früherer Trockenjahre mehr Betriebe versichert sind, wurden die meisten betroffenen Flächen gemeldet. Im Kanton Neuenburg etwa waren fast drei Viertel der versicherten Ackerflächen betroffen und es gingen Schadenmeldungen ein. Insgesamt sind von den 275’000 Hektar offene Ackerfläche in der Schweiz rund 46’000 Hektar (knapp 17 Prozent) gegen Trockenheit versichert, beim Grasland liegt dieser Anteil bei unter einem Prozent.

Die Schäden nehmen zu, aber grosse Teile der Landwirtschaft sind gegen Trockenheit gar nicht versichert. Gaylor Monnerat rechnet denn auch mit einem Anstieg der versicherten Flächen. Jedoch hänge das auch davon ab, wie sich die letzten Monate des Jahres trockenheitsmässig zeigen. Es ist zudem durchaus möglich, dass aufgrund des hohen Risikos Prämienerhöhungen kommen werden.

Ungewöhnliche Schadenverteilung

Ungewöhnlich ist dieses Jahr die Schadenverteilung: Während normalerweise rund 70 Prozent der Schäden auf Hagel entfallen, teilt sich 2026 die Schadensumme etwa hälftig zwischen Trockenheit (45%) und Hagel (48%) auf. Die restlichen Schäden entfallen auf weitere Schadenursachen.

Zum Trockenheitsproblem gesellte sich der Hagelzug vom 28. August: Innerhalb von zwei Stunden entstanden rund 1500 Schadenfälle, teils mit Totalausfällen. Die Expertinnen und Experten waren bereits am Folgetag im Einsatz, um die Schäden abzuschätzen. Für diesen Hagelzug allein wird mit einer Entschädigungssumme von 15 Millionen Franken gerechnet.

Provisorisch erwartet die SHGroup für die Schweiz insgesamt rund 5800 Schadenfälle mit einer Gesamtentschädigung von 59,2 Millionen Franken. «Letztes und vorletztes Jahr hatten wir grundsätzlich gute Jahre. Auch deshalb können wir diese Schäden jetzt tragen, aber das können wir natürlich nicht jedes dritte Jahr tun», warnte Direktor Adrian Aebi. 

Klimawandel bedroht Landwirtschaft: «Jedes Zehntel Grad zählt»

Hitze und Trockenheit verstärken sich gegenseitig, ein Kreislauf, der laut Adrian Aebi immer bedrohlicher wird. Die ausgetrockneten Böden können die Luft nicht mehr durch Verdunstung kühlen, was die Hitze weiter anheizt. Aebi verweist auf die Folgen: Wasserknappheit während der Vegetationsphase, Krankheitsbefall an gestressten Pflanzen und auch die Einwanderung neuer Schädlinge.

Hinzu kommen Starkniederschläge, die auf ausgetrocknete Böden treffen und zu Oberflächenabfluss statt Versickerung führen. Für Aebi ist die Kombination aus Trockenheit und schweren Unwettern mit teilweise intensiven Hagelereignissen ein «klares Muster einer sich erwärmenden Atmosphäre».

Eindrücklich schildert Aebi die Zerstörungskraft der Hagelzüge vom 28. August: Ein Maisfeld habe ausgesehen, «wie wenn der Maishäcksler einfach die Pflanze verteilt hätte». Solche Ereignisse werden die Versicherer laut Aebi künftig sehr viel Geld kosten.

«Anpassung allein reicht nicht mehr»

Für Aebi ist klar: Die alleinige Strategie, sich an den Klimawandel anzupassen, genügt nicht. Man müsse jetzt die Erwärmung selbst begrenzen: «Jedes Zehntel Grad zählt», so Aebi. Die Anpassungsgeschwindigkeit der Landwirtschaft werde mit dem Tempo des Klimawandels nicht mithalten können, wenn nicht gegengesteuert werde. Auch das Ziel der neuen Agrarpolitik, einen Selbstversorgungsgrad von 50 Prozent zu erreichen, hält er unter diesen Bedingungen für unrealistisch.

Der Klimaschutz sei kein reines Landwirtschaftsthema, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Aebi wünscht sich aber, dass die Landwirtschaft ihre bisher eher zurückhaltende Position aufgibt und selbst aktiv auf Veränderung drängt. Damit würde sie auch die Gesellschaft in die Pflicht nehmen.

Gleichzeitig betont er die Bedeutung der Anpassung: Bodenaufbau und standortgerechte Kulturenwahl seien wichtig. Das nütze aber nur, wenn auch die gesamte Wertschöpfungskette mitziehe. Neue Kulturen nützten nichts, wenn sie am Ende nicht gekauft würden. Der Ball liegt also auch bei den Konsumentinnen und Konsumenten.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bewässerungseffizienz: Wasserzugang und effizienter Einsatz zum richtigen Zeitpunkt seien entscheidend, ebenso der Aufbau entsprechender Infrastruktur. Solche Vorhaben bräuchten Zeit, weshalb man früh beginnen müsse: «Hier zählt jedes Jahr.»

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Die Trockenheit prägte dieses Jahr praktisch die ganze Schweiz und sie hält weiter an. (jin)

«Es braucht keine neuen Gremien, sondern Taten»

Aebi übte an der Medienorientierung auch Kritik: Er verweist darauf, dass bereits 2005 Klimaberichte die aktuelle Entwicklung vorhergesagt hätten, teils sogar noch untertrieben. Er könne deshalb nicht nachvollziehen, wenn einige Politiker sich jetzt überrascht zeigten. Sein Fazit: Es brauche keine neuen Studien oder Gremien mehr, sondern konkrete Taten.

Aebi warnt, dass bei einer Erwärmung um drei Grad die Möglichkeiten zur Anpassung an vielen Standorten stark eingeschränkt wären: Bodenaufbau und Kulturenwahl allein könnten dann nicht mehr ausreichen.

Konkrete Projekte

Aebi macht deutlich, dass die SHGroup gemeinsam mit der Landwirtschaft und im Rahmen ihrer Möglichkeiten nach Lösungen suchen will, um auch unter veränderten Bedingungen die Produktion zu sichern.

Die SHGroup setzt bei der Anpassung an den Klimawandel nicht nur auf Prävention, sondern auch auf konkrete Projekte über das Programm HagelAdapt. Bettina Koster, Leiterin Nachhaltigkeit, unterscheidet dabei drei Stufen: kurz- bis mittelfristiges Widerstehen, mittelfristige Anpassung von Anbausystemen sowie langfristig die Transformation ganzer Systeme. Als Beispiele für letzteres nennt Koster etwa regenerative Praktiken oder Agroforst. Dabei unterstützt die Versicherung auch diverse Projekte und lanciert neue Zusammenarbeiten.

Laut Bettina Koster werden zudem verschiedene Ansätze geprüft, wie HagelAdapt näher an die Versicherungsprodukte gebracht werden könnte, z.B. mittels management-abhängigen Tarifen.

Das Schadenjahr der SHGroup im Ausland

  • In Frankreich kam es zu grossen Ernteverlusten aufgrund von Hitze und Trockenheit. In Frankreich ist zudem deutlich mehr Grasland indexbasiert versichert als in der Schweiz, was die Schadensumme erhöht. Die Hagelschäden in Frankreich blieben jedoch moderat.
  • Ganz anders in Italien, wo gleich vier verheerende Hagelzüge zu Totalverlusten führten. Adrian Aebi spricht von enormen Schäden durch diese Ereignisse. Die Schadenquoten dürfte bei 130% liegen, d.h. für einen Franken einbezahlte Prämie werden 1.30 ausbezahlt.
  • Besser sieht die Situation in Portugal aus, wo aber auch das Umsatzvolumen deutlich tiefer ist als in den vorgenannten Ländern. Ebenso gab es auch in Serbien nicht allzu viele Schäden, wobei die SHGroup dort auch keine Trockenheitsversicherungen anbietet.