Robert Finger: «Versorgungssicherheit ist eine Versicherung»

Für eine sichere Lebensmittelversorgung braucht die Schweiz eine starke Inlandproduktion und sicheren Handel. «Für eine starke Inlandproduktion gibt die Vision Land- und Ernährungswirtschaft 2050 eine klare Stossrichtung vor», sagt Robert Finger, Professor für Agrarwirtschaft und Agrarpolitik, im Agrarpolitik-Podcast. Die Agrarpolitik 2030+ sei jedoch noch keine Ernährungssystempolitik.
Zuletzt aktualisiert am 2. November 2026
von Edith Nüssli
4 Minuten Lesedauer
Robert Finger Professor Agraroekonomie Agrarpolitik ETH Zuerich Zvg
Robert Finger ist Professor für Agrarwirtschaft und Agrarpolitik an der ETH Zürich. (zvg)

«Ein resilientes Ernährungssystem ist eine Versicherung, dass die Bevölkerung auch in Krisen versorgt ist», sagt Robert Finger, Professor für Agrarwirtschaft und Agrarpolitik an der ETH Zürich. Eine gesicherte Ernährung erlaube, den Worst Case abzuwenden und sich auf andere Dinge zu fokussieren. Für eine Versicherung setze man mehr Geld ein, als man rausbekomme. «Das ist kein gewinnmaximierender Ansatz», betont er.

Zur Person

Robert Finger ist Ökonom und seit Anfang 2016 Professor für Agrarökonomie und Agrarpolitik an der ETH Zürich.

Eine starke Inlandproduktion und Handel sind wichtig

Für eine hohe Versorgungssicherheit braucht es laut Robert Finger eine starke eigene Produktion und Handel. «Eine sich abschottende Welt ist ein Problem, weil die Schweiz immer auf Importe angewiesen sein wird», bemerkt er. Hilfreich sei, aus möglichst vielen verschiedenen Länder, zu importieren. Denn es sei wenig wahrscheinlich, dass alle zeitgleich in die gleiche Krise schlitterten und keine Nahrungsmittel mehr exportierten.

Jedoch erhöhten sich die Risiken, je mehr Nahrungsmittel importiert würden. «Nur Lebens- und Futtermittelimporte zu betrachten, greift zu kurz», ergänzt der Ökonom. Bei Saatgut, Dünger, Pflanzenschutzmittel und Maschinen seien die Abhängigkeiten stärker. Tendenzen zur Abschottung hätte es jedoch schon immer gegeben. Trotzdem sei die Schweizer Bevölkerung sehr gut versorgt und der Anteil der Haushaltsausgaben für Nahrungsmittel relativ tief.

Was bedeutet Versorgungssicherheit?

«Versorgungssicherheit» ist das Thema der 21. Staffel von «Agrarpolitik – der Podcast». Gespräche mit Expertinnen und Experten zeigt, wo der Begriff herkommt, was er für Gesellschaft und Politik bedeutet und wie eine sichere Versorgung in Zukunft aussehen könnte. Produziert wird die Staffel in Partnerschaft mit der Wissensplattform swiss-food.ch, getragen von Syngenta und Bayer.

Diese Folgen sind erschienen:

Klares Zukunftsbild für die Landwirtschaft ist vorhanden

Für eine starke Inlandproduktion gibt die Vision Land- und Ernährungswirtschaft 2050 laut Robert Finger eine klare Stossrichtung vor. Jedoch koste die Land- und Ernährungswirtschaft heute schon relativ viel. «Viele Instrumente, die wir heute nutzen, sind nicht allzu wirksam», findet der ETH-Professor. So fehle der Durchbruch bei Fragen von Biodiversität und Klimaschutz.

«Wir müssen fragen, ob wir nicht bessere Instrumente nutzen können, um gewisse Zielkonflikte zu lösen», postuliert er. Es gebe viele spannende Ansätze, die helfen würden, mit einem tieferen ökologischen Fussabdruck genauso viel oder mehr Nahrungsmittel wie heute zu produzieren: neue Produktionsformen, neue Technologien und digitale Lösungen.

Umweltziele stärken die Ernährungssicherheit

«Ökologie und Selbstversorgung stehen nicht in Widerspruch», betont Robert Finger. Im Gegenteil: Viele Umweltziele würden auch zur langfristigen Ernährungssicherheit beitragen. Etwas gegen den Klimawandel zu machen, helfe der Landwirtschaft, da Klimawandel für sie ein sehr grosses Problem sei. Genauso sei es bei der Biodiversität. «Wir brauchen stabile Ökosysteme, um in der Schweiz und in anderen Ländern in Zukunft ausreichend Nahrungsmittel produzieren zu können», fügt er an. Entsprechend sei die Investition in Nachhaltigkeit in allen drei Dimensionen, Ökologie, Soziales und Ökonomie, ganz essentiell.

Agrarpolitik – der Podcast

«Agrarpolitik – der Podcast» zeigt Entwicklungen, Lösungswege und Handlungsachsen der Schweizer Agrarpolitik. Moderiert werden die Sendungen von Andreas Wyss, die Produktion verantwortet Hansjürg Jäger. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar und kann als Newsletter abonniert werden. Mehr unter www.agrarpolitik-podcast.ch.

Agrarpolitik 2030+ ist keine Ernährungssystempolitik

«Die Agrarpolitik 2030+ ist eine Agrarpolitik und keine Ernährungssystempolitik», bemerkt Robert Finger. Sie sei nicht viel anders als die heutige Agrarpolitik und bringe keine holistische Perspektive für ein nachhaltiges und resilientes Ernährungssystem. Eine Systemperspektive in Strategiepapiere aufzunehmen, sei das eine; diese auf den Boden bringen, etwas anderes. «Die Systemperspektive zu stärken, ist ganz wichtig», denkt der ETH-Professor.