Peter Moser: «Ernährung ist zu wichtig, um die Steuerung dem Markt zu überlassen»
In Agrargesellschaften ist Mangel an Lebensmittel die Norm, in Industriegesellschaften der Überfluss. Krisen jedoch b...
«Die Versorgungssicherheit in der Schweiz ist ein Zusammenspiel zwischen Wirtschaft und Verwaltung», sagt Conradin Bolliger-Maiolino, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Réservesuisse, der Pflichtlagerorganisation für Nahrungs- und Futtermittel. Der Bund vergebe den gesetzlichen Auftrag an die Wirtschaft, Pflichtlager für Nahrungs- und Futtermittel, fossile Energie, Medikamente sowie Dünger anzulegen, um grössere Krisen zu bewältigen. Die Oberaufsicht hat das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung.
Conradin Bolliger-Maiolino ist Agrarökonom und Vorsitzender der Geschäftsleitung von réservesuisse, der Pflichtlagerorganisation für Nahrungs- und Futtermittel.
Im Bereich Nahrungs- und Futtermittel gibt es Pflichtlager für Reis, Kaffee, Zucker, Speiseöl, Getreide sowie Proteinträger wie Soja-, Raps- und Sonnenblumenschrot. Die Pflichtlager für Nahrungsmittel sollten für drei bis vier Monate reichen, bei Futtermittel für zwei bis drei Monate. Réservesuisse teilt den Unternehmen die Pflichtlagermengen zu und kontrolliert in Echtzeit, dass die Mengen auch eingelagert sind. Damit die Vorräte immer frisch sind, lagern die Unternehmen die Vorräte jedoch laufend um. Solche Mutationen zu melden, gehe manchmal vergessen. «Meist ist es nicht so, dass der Pflichtlagerhalter zu wenig Ware hat», bemerkt Conradin Bolliger-Maiolino. Trotzdem werde schon eine Pflichtlagerunterschreitung von wenigen Kilos beanstandet und gebüsst. «Wenn wir nicht sanktionieren, passiert das öfters», begründet er.
Weil nicht alle Unternehmen in einem Markt Pflichtlager halten müssen, werden die Pflichtlagerhalter entschädigt, um Wettbewerbsgleichheit zu schaffen. Das Geld stammt von Garantiefondsbeiträgen, die auf Importen erhoben werden. «Die Lagerentschädigung ist im Durchschnitt kostendeckend», erklärt er.
«Versorgungssicherheit» ist das Thema der 21. Staffel von Agrarpolitik – der Podcast. Gespräche mit Expertinnen und Experten zeigt, wo der Begriff herkommt, was er für Gesellschaft und Politik bedeutet und wie eine sichere Versorgung in Zukunft aussehen könnte. Produziert wird die Staffel in Partnerschaft mit der Wissensplattform swiss-food.ch, getragen von Syngenta und Bayer.
Diese Folgen sind erschienen:
Dass während mehrerer Monate nicht importiert werden könne, komme nicht vor, temporäre Bedarfsmengenunterschreitungen gäbe es jedoch regelmässig. So Ende September bei Proteinträgern für Futtermittel. Da wurden 20 Prozent der Pflichtlagern freigeben, ohne die Verteilung zu regulieren. Angebot und Nachfrage würden erst reguliert, wenn die Krise schwerwiegender sei. Die Freigabe Ende September war ein Novum in der rund 25-jährigen Geschichte von réservesuisse. «Hoffentlich braucht es uns in Zukunft nicht häufiger», bemerkt Conradin Bolliger-Maiolino.
Grund für die Proteinmangellage waren Logistikengpässe, weil die grossen Schiffstransportkapazitäten auf Rhein und Donau wegen tiefen Wasserständen weggefallen sind und der Transport auf Bahn und Strasse umgelagert werden musste. Auch die Trockenheit in ganz Europa spielte eine Rolle. «Beides führt zu einem Rattenschwanz an Konsequenzen, obwohl genügend Ware vorhanden ist», erklärt er.
«Die Bedeutung von Pflichtlagern und ihre gesellschaftliche und politische Wahrnehmung haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt», beobachtet Conradin Bolliger-Maiolino. Ein Thema sei, das System weiterzuentwickeln. So sei eine Strommangellage zurzeit das schlimmste Szenario. Diskutiert werde auch, ob die Pflichtlager noch richtig zusammengesetzt seien. «Macht ein Pflichtlager für Hartweizen noch Sinn, wenn in der Schweiz die Pastahersteller fehlen», nennt er ein Beispiel.
«Agrarpolitik – der Podcast» zeigt Entwicklungen, Lösungswege und Handlungsachsen der Schweizer Agrarpolitik. Moderiert werden die Sendungen von Andreas Wyss, die Produktion verantwortet Hansjürg Jäger. Der Podcast ist auf allen gängigen Plattformen verfügbar und kann als Newsletter abonniert werden. Mehr unter www.agrarpolitik-podcast.ch.
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