Made in Switzerland, gefeiert im Ausland: Warum Spotspraying in der Heimat kämpft
Spotspraying reduziert die Mengen von Pflanzenschutzmitteln und die Risiken für die Umwelt auf den Feldern massiv. Tr...
Es beginnt oft unauffällig mit ein paar Pflänzchen. Nur der geübte Blick erkennt das Erdmandelgras auf dem Acker, es könnte auch eine Quecke sein. Es wäre der entscheidende Moment, um die invasive Ausbreitung der hartnäckigen gebietsfremden Pflanze noch aufzuhalten. Einfach mit der Stechschaufel die Pflanze samt Humus ausgraben und mit dem Kehricht entsorgen. Das wäre es. Diesen Schlüsselmoment verpassen aber viele Landwirte und Landwirtinnen. Sei es aus Zeitmangel oder schlicht aus Unkenntnis.
Tritt das Erdmangelgras aber erst einmal in grösserer Anzahl auf, ist das oft der Start in eine langwierige, mühsame und teure Geschichte. Denn der auch als Knöllchen-Zypergras bekannte Neophyt ist äusserst hartnäckig und konkurrenziert landwirtschaftliche Kulturen. Er vermehrt sich vorwiegend über hunderte Knöllchen, die sich an den unterirdischen Rhizomen bilden. Sie schlummern jahrelang im Boden, um im passenden Moment eine neue Pflanze zu bilden. Unter normalen Umständen würde sie sich eher langsam ausbreiten. Denn während das in der Landwirtschaft ebenfalls gefürchtete invasive einjährige Berufskraut seine Samen über den Wind ausbreitet, spielt die Ausbreitung über Samen beim Erdmandelgras nur eine untergeordnete Rolle. Die Verschleppung übernimmt hier der Mensch: Durch den Transfer von verseuchter Erde, um eine Strasse auszubessern beispielsweise. Oder häufiger über die überbetriebliche Verwendung von landwirtschaftlichen Maschinen. Ein paar Knöllchen am Rad eines Zuckerrübenernters aus einer verseuchten Parzelle reichen und eine andere Fläche ist neu infiziert.
Landwirt Stefan Liechti aus Schwarzhäusern im Kanton Bern kämpft auf seinen Flächen seit über zehn Jahren gegen das Erdmandelgras an. Er hat praktisch alle von Forschungsanstalten und Beratungsstellen vorgeschlagenen Bekämpfungsmöglichkeiten ausprobiert. Als eines der bewährten Verfahren bei der Erdmandelbekämpfung gilt das Aushungern der Pflanzen mit permanenter chemischer und mechanischer Bearbeitung. Dazu gehörte bis letztes Jahr der Einsatz des mittlerweile verbotenen Wirkstoffs S-Metolachlor mit Mais als Sanierungskultur in der Fruchtfolge. Eine andere gut bewährte Bekämpfungsmassnahme ist die sogenannte Schwarzbrache, die auch ohne Herbizide möglich ist. Dabei wird eine Ackerfläche für mehrere Jahre aus der Fruchtfolge genommen und bewusst nicht mehr mit Kulturen bepflanzt. Die permanente Bodenbearbeitung soll die Knöllchen zum einen austrocknen, zum anderen die ausgetriebenen Pflanzen gleich wieder beseitigen.
Landwirt Stefan Liechti war aber vor allem tagelang auf den befallenen Äckern unterwegs, um die Pflanzen samt Wurzeln und Mandeln von Hand auszugraben. «Ich habe sicher 400 Kubikmeter Erde abgetragen und in die Deponie gebracht», sagt er. Heute hat er die Situation einigermassen im Griff. Auch weil er regelmässig aufmerksam durch seine Felder geht. «Tritt ein Erdmandelgras an die Oberfläche, erkenne ich das sofort und ergreife entsprechende Massnahmen», erläutert er. Doch ganz weg wird es voraussichtlich nie mehr gehen. Auch deshalb überlegt er, mit dem Anbau von Kartoffeln aufzuhören. Weil das Erdmandelgras zum einen die Kultur beim Wachstum hindert. Aber auch, weil der Kartoffelanbau viel Potential zur Ausbreitung auf andere Äcker bietet.
Erdmandelgras (Cyperus esculentus) stammt ursprünglich aus wärmeren Regionen und ist heute weltweit verbreitet. In der Schweiz gilt es als invasiver Neophyt, der 1989 erstmals im Kanton Tessin beobachtet wurde. Er gelangte vermutlich über den internationalen Pflanzenhandel in die Schweiz. Es ist ein Sauergras und bildet unterirdische, essbare Knöllchen – sogenannte «Erdmandeln» –, die sich stark vermehren. In Spanien wird Erdmandelgras traditionell als Nutzpflanze angebaut, unter anderem zur Herstellung des Getränks «Horchata de chufa».
Die Sanierung einer erdmandelbefallenen Parzelle ist aufwändig und mit hohen Kosten verbunden. Nicht nur der hohe Arbeitsaufwand wiegt hier schwer, sondern auch der Ausfall der Ernte, insbesondere bei der Schwarzbrache. Dass bei letzterer die Direktzahlungen für die Fläche trotzdem bezahlt werden, ist nur ein Trostpflaster. Obwohl einzelne Kantone Unterstützungsbeiträge für Sanierungen ausrichten, bleibt der grosse Teil der Kosten an den Bauernfamilien hängen. Auch deshalb waren viele Landwirtinnen und Landwirte in den vergangenen Jahren zurückhaltend mit der Meldung eines Befalls bei den Pflanzenschutzstellen.
Doch seit diesem Jahr gilt eine landesweite Melde- und Bekämpfungspflicht für Erdmandelgras. Diese galt vorher nur in einzelnen Kantonen. Was bedeutet das nun? Bereits ab der ersten Pflanze müssen Betroffene die befallene Parzelle an die kantonale Pflanzenschutzstelle sowie an bei ihm tätige Lohnunternehmen melden. Denn letztere spielen eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung des Neophyten, weil sie täglich auf und zwischen Äckern auf verschiedenen Betrieben unterwegs sind. Im Rahmen der Bekämpfungspflicht ist zudem die Reinigung der Maschinen Pflicht, wenn sie auf befallenen Flächen unterwegs waren. Es gehe primär darum, die Verbreitung zu verhindern und andere Betriebe vor einem Befall zu schützen, erklärte Danilo Bächer von der Fachstelle Pflanzenschutz im Kanton Solothurn kürzlich an einer Flurbegehung zum Thema in Herzogenbuchsee. Die Region ist stark betroffen, wie der Blick auf das Online-Feldbuch von Info Flora bestätigt, in dem alle befallenen Flächen der Schweiz aufgeführt sind.
Der Gesetzgeber sieht bei Nichtmeldung eines Befalls Bussen von bis zu 40’000 Franken oder den Ausschluss von befallenen Flächen als direktzahlungsberechtigte landwirtschaftliche Nutzfläche vor. Doch derart extreme Sanktionen sieht Danilo Bächer als letzte Massnahme. Er setzt in seinem Kanton mehr auf Zusammenarbeit und schliesst bei befallenen Betrieben eine Vereinbarung zur Bekämpfung auf freiwilliger Basis ab. «Wir wollen vor allem unterstützen und so dafür sorgen, dass das Problem für die Landwirtschaft möglichst kleiner wird», erklärt er.
Ganz ausmerzen lässt sich Erdmandelgras in der Schweiz realistischerweise nicht mehr. Die Forschenden suchen seit Jahren nach wirkungsvolleren Bekämpfungsmassnahmen. Die eine Lösung gibt es bis jetzt nicht. Um den Befall entscheidend einzudämmen, hilft ein Mix aus mechanischen und chemischen Verfahren, angepassten Fruchtfolgen und einer möglichst permanenten Bodenbedeckung. Finanziell schmerzhafter ist der Verzicht auf Kulturen mit grosser Verschleppungsgefahr wie Kartoffeln, Zuckerrüben oder Feldgemüse. Die neuesten Hoffnungen weckt ein am Anlass vorgestelltes, neu entwickeltes Gerät, welches den Boden mit Dampf behandelt. Dampf hat sich als sehr effektiv gegen die Erdmandeln herausgestellt, ist allerdings teuer und energieintensiv und schädigt übrige Organismen im Boden. Es kommt deshalb eher bei kleinen, stark befallenen Flächen infrage. Erschwerend bei der Bekämpfung dazu kommt das Verbot des Wirkstoffs S-Metolachlor. Die Forschungsanstalt Agroscope forscht deshalb zurzeit an neuen möglichen Kombinationen von anderen Herbiziden.
Betroffenen Schweizer Betrieben bleibt also nichts anderes übrig, dem Erdmandelgras auf den Parzellen maximale Beachtung zu schenken, um die Ausbreitung einzudämmen. Den Kopf in den Sand stecken ist keine Option. Für Stefan Liechti ist klar, was passieren würde, wenn er nichts machen würde: «Dann ist es eine Frage der Zeit, bis ich nichts mehr anbauen kann.»
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