Made in Switzerland, gefeiert im Ausland: Warum Spotspraying in der Heimat kämpft

Spotspraying reduziert die Mengen von Pflanzenschutzmitteln und die Risiken für die Umwelt auf den Feldern massiv. Trotzdem behandeln die Behörden die Technologie stiefmütterlich. Ihr Potenzial wird so nicht ausgeschöpft.
Zuletzt aktualisiert am 18. Mai 2026
von David Eppenberger
6 Minuten Lesedauer
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Das Gerät sieht ungewohnt aus, welches Urs Amacher hinten an seinem Traktor über die Reihen mit den ausgesäten Zwiebeln zieht. Doch unter den schlicht daherkommenden drei «Kästen» befindet sich Hightech: Intelligente Kameras erkennen dort Unkräuter und geben das Signal blitzschnell an die Düsen weiter, welche nur einen feinen Spritzer mit Herbizid exakt auf das unerwünschte Pflänzchen abgeben. Und das geschützt vom Wind, es kommt deshalb zu keiner Abdrift mit Pflanzenschutzmitteln. Die Technologie heisst Spotspraying.

Die ausgesäten Zwiebeln hier im Furttal im Kanton Zürich sind erst wenige Zentimeter gross an diesem Tag in der letzten Aprilwoche. Umso wichtiger ist es, dass andere Pflanzen sie im Kampf um Wasser und Nährstoffe nicht konkurrenzieren. Seit drei Jahren setzt Gemüsegärtner Urs Amacher vom Geigelmooshof in Dänikon bei der Unkrautbekämpfung in seinen Zwiebeln auf Spotspraying. Die dafür verwendete Präzisionsspritze ARA von Ecorobotix ist Technologie «Made in Switzerland». Dabei handelt es sich um eine wahre Erfolgsgeschichte: Erst kürzlich vermeldete das Start-up-Unternehmen die Auslieferung des tausendsten Modells. Die Hauptabsatzmärkte für die ARA befinden sich allerdings längst ausserhalb der Schweiz. Auf Gemüsefeldern in Europa, USA, Kanada oder auch in Australien.

  • Urs Amacher verwendet bei der ARA von Ecorobotix einen deutlich kleineren Spritztank als bei üblicher Spritztechnologie. (ep)
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  • Dieses noch winzige Unkraut wurde in einem früheren Spritzgang erfolgreich mit Spotspraying behandelt und stirbt nun ab. (ep)
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  • Die ARA von unten: Zwei hochsensible Kameras steuern die roten Düsen auf der Seite. (ep)
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Umwelt profitiert

Urs Amacher setzt die ARA vorwiegend in den Zwiebeln ein, wo die Technologie bewährt ist. Teilweise aber auch in Salat und Kohl. Bevor er losfährt, stellt er auf dem Bildschirm ein, welches Unkraut behandelt werden soll. Heute sind die breitblättrigen Unkräuter dran, wofür es ein spezifisch wirkendes Pflanzenschutzmittel benötigt. Welche Menge davon am Ende des Vorgangs auf dem Unkraut landet, ist abhängig von der Unkrautdichte. «Die Düse öffnet sich nur selektiv, wenn ein Unkraut erkannt wird», erklärt er. Tatsächlich ist nach der Überfahrt mit der Hochpräzisionsspritze auf den Unkräutern nur bei sehr genauem Hinsehen etwas Flüssigkeit sichtbar. Bei Standard-Spritztechnologie hingegen wird mehr oder weniger die ganze Fläche besprüht. Also auch dort, wo ein Herbizid eigentlich nicht hingehört: auf den Boden und die Kultur selbst. Urs Amacher ist überzeugt: «Obwohl die Zwiebeln dies ertragen, leiden sie immer ein wenig.» Mit dem Spotsprayer bleiben die Zwiebeln verschont, weshalb die Erträge am Ende tendenziell etwas steigen. Für Amacher ein weiterer Grund, in die Technologie zu investieren. Der Vorteil liege für ihn aber vor allem darin, dass sich die Risiken von Pflanzenschutzmittelrückständen in den geernteten Kulturen stark reduzierten. Zudem könne er so die hohen Umweltvorschriften besser einhalten. Er ist überzeugt: «Die Umwelt profitiert beim Spotspraying massiv.»

Abschluss des Projektes «Pflanzenschutzoptimierung mit Precision Farming» (PFLOPF)

Ist es möglich, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln durch die gezielte Verwendung von präzisen und neuen Technologien um 25 Prozent zu reduzieren? Dieser Frage ging ein achtjähriges Projekt in den Kantonen Aargau, Thurgau und Zürich nach. Der Projektname Pflopf leitet sich von «Pflanzenschutzoptimierung mit Precision Farming» ab.

Kantonale Beratungsstellen sowie nationale Partner wie Agroscope oder Agridea arbeiteten dabei intensiv zusammen. Das Projekt kostete rund 6 Millionen Franken, wovon das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) den grössten Teil übernahm. Im Zentrum standen 60 landwirtschaftliche Betriebe, die unterstützt von Fachleuten auf rund 2’000 Hektaren insgesamt sieben technologiebasierte Massnahmen für Pflanzenschutzmitteleinsparungen testeten.

Am 5. Mai fand in den Räumlichkeiten des Lohnunternehmens Haller im aargauischen Birrhard der Schlussanlass von Pflopf statt. Das Fazit: Das angestrebte Einsparpotenzial wurde deutlich erreicht. «Wir konnten aufzeigen, dass die Landwirtschaft die Herausforderungen im Pflanzenschutz unter Ausnutzung neuster digitaler Technologien professionell angeht», sagte Christian Eggenberger, Leiter Beratung, Entwicklung und Innovation am Arenenberg. Technologien wie satellitenbasierte Lenksysteme sind bereits etabliert und verhindern in der Praxis etwa unnötige Überspritzungen von Pflanzenschutzmitteln. Einen anderen Lösungsansatz stellen Prognosemodelle dar, welche das «Timing» von Behandlungen optimieren. Hier besteht aber noch viel Verbesserungspotential.

Auch Spotspraying wurde getestet und ein Einsparpotenzial von 50 Prozent bei Pflanzenschutzmittelgaben bestätigt. Jetzt gehe es darum, die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse in künftigen Bestimmungen und Ausführungen in die Agrarpolitik einfliessen zu lassen, sagte BLW-Vertreter Patrik Mouron am Schlussanlass.

Mehr Informationen: www.pflopf.ch

Präzise Krankheiten behandeln

Mit Spotspraying sinken die Kosten für Pflanzenschutzmittel, weil weniger davon benötigt wird. Zudem liesse sich das Verfahren auch «umkehren», sodass Wirkstoffe gegen Krankheiten oder flüssiger Dünger gezielt auf die Kultur und nur dorthin abgegeben werden. Die Hauptanwendung liegt zurzeit aber in der Unkrautbekämpfung. Weshalb wird die Technologie zurzeit erst selten eingesetzt? Heute gäbe es in der Schweiz nicht einmal eine spezifische Förderung für Spotspraying, erklärt Bernhard Läubli von Bucher Landtechnik AG, welche die Geräte von Ecorobotix in der Schweiz vertreibt. Trotz überzeugender Argumente hinkt die Nachfrage nach Spotspraying-Technologie in der Schweiz auch deshalb dem Ausland hinterher. Das hat auch mit der Grösse der Betriebe zu tun, für welche sich die Anschaffungskosten von 180’000 Franken pro ARA sowie die jährlichen Lizenzgebühren oft nicht rechnen. Rund 50 Geräte stehen in der Schweiz im Einsatz, viele bei Lohnunternehmen, welche die für die Wirtschaftlichkeit nötigen Flächenleistungen aufbringen können. Die meisten Geräte werden in der Schweiz zur Bekämpfung von Blacken auf Wiesland genutzt. Und hier sind die Einsparungen der ARA besonders beeindruckend: Anstatt 250 Liter Spritzmittelbrühe braucht es dort nur noch 12 Liter pro Hektar.

  • Im Anschluss an den Anlass von Pflopf wurden den Medienschaffenden einzelne Technologien wie hier das präzise An- und Abschalten von Einzeldüsen an der Feldspritze vorgestellt. (ep)
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  • Nach dem Schlussanlass von Pflopf wurde ein intelligentes Hackgerät vorgestellt, das zusätzlich mit Spotspraying-Technologie ausgestattet ist. (ep)
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Zulassung von Wirkstoffen unter Auflage?

Das Thema Pflanzenschutzmittel ist in der Schweiz emotional aufgeladen. Das für die Zulassungen zuständige Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zieht immer mehr Wirkstoffe aus dem Verkehr und lässt kaum neue zu, was zu Ertragsproblemen auf den Feldern führt. Mit Spotspraying böte sich eine Alternative zu dieser «Verbotsstrategie» an. Dank der Präzision wäre mit der Technologie nämlich auch das Spritzen von Pflanzenschutzmitteln mit hohen Risiken für die Umwelt verantwortbar. Diese wirken oft spezifischer und erweitern die Möglichkeiten für die im chemischen Pflanzenschutz essenziellen Resistenzstrategien. Bernhard Läubli wünschte sich hier mehr kreative Lösungen von den Behörden: «Eigentlich sollte es möglich sein, Wirkstoffe mit hohen Risiken mit der Auflage der Nutzung eines Spotsprayers zuzulassen», findet er. Doch das BLV weicht entsprechenden Fragen aus und verweist auf die einzuhaltende Übernahme von EU‑Vorgaben. Das BLV könne keine Aussage dazu machen, ob es dort Überlegungen zur Spotspray-Technologie im Rahmen von Zulassungsverfahren von Wirkstoffen gebe, weil sie nicht direkt in den EU-Zulassungsprozess integriert sei, schreibt die Mediensprecherin auf Anfrage. «Den Ämtern und der Politik geht die Entwicklung wohl etwas zu schnell», sagt Bernard Läubli ernüchtert.

Unterdessen fährt die ARA weiter in den Zwiebelfeldern von Urs Amacher. Und mit jedem weiteren Durchgang in den nächsten Wochen muss er pro Hektar weniger spritzen. Er schätzt, dass er so während der ganzen Saison 50 bis 70 Prozent Spritzmittel einspart. Neben den Zwiebeln stellt Ecorobotix seit einem Jahr auch nutzbare Algorithmen für Karotten zur Verfügung. Sie werden in der Praxis bereits verwendet und ermöglichen dort den umweltschonenden Pflanzenschutz in der wichtigsten Gemüsekultur der Schweiz. Bernhard Läubli hofft nun, dass dies dazu beiträgt, der Spotspraying-Technologie auch in der Schweiz zu mehr Beachtung zu verhelfen.