Fünf Jahre Gemüsebauforschung: Viele Ansätze, noch keine einfachen Lösungen

Weniger Pflanzenschutzmittel, aber weiterhin einwandfreies Gemüse: Vor dieser Aufgabe stehen Schweizer Gemüsebetriebe. Die Versuchsstation Ins sucht seit fünf Jahren gemeinsam mit Produzentinnen und Produzenten nach praxistauglichen Lösungen. Bei einem Anlass auf dem Betrieb Occhini und Löffel zog sie eine offene Zwischenbilanz und stellte Pläne für die Forschung im Gewächshaus vor.
Zuletzt aktualisiert am 21. September 2026
von Renate Hodel
5 Minuten Lesedauer
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Gründüngungen haben innerhalb einer Fruchtfolge zahlreiche positive Eigenschaften und können auch im Gemüsebau helfen. Der Versuch in Ins will Risiken und Nutzen einzelner Gründüngungspflanzen in Gemüsebaufruchtfolgen einordnen. (rho)

Als 2017 ein wichtiges Pflanzenschutzmittel im Rosenkohlanbau wegfiel, suchten Gemüseproduzentinnen und Gemüseproduzenten aus dem Seeland nach einer Alternative. Dabei zeigte sich, wie aufwendig die Suche nach neuen Verfahren ist. «Jedes Gemüse ist eine Forschung für sich», sagte Peter Herren, Geschäftsführer der Gemüseproduzentenvereinigung der Kantone Bern und Freiburg GVBF, beim Anlass in Ins. Die Branche brachte deshalb gemeinsam mit Agroscope und den Kantonen Bern und Freiburg die Versuchsstation Gemüsebau Ins auf den Weg. Sie wurde 2021 gegründet – die Feldversuche laufen seit 2022.

Heute untersucht die Station unter anderem, wie sich Unkräuter in Zwiebeln bekämpfen, Schädlinge im Kohl eindämmen und Gemüsekulturen bedarfsgerecht düngen lassen. Auf Versuchsflächen der beiden Kantone wurden bisher 37 Versuche in zehn Projekten durchgeführt. Hinzu kommen 56 sogenannte On-Farm-Versuche auf Feldern von Praxisbetrieben. Dort übernehmen die Betriebe den Anbau der Kulturen, während das Forschungsteam die Versuche betreut und auswertet.

  • Michael Gugger von Agroscope, der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt des Bundes, leitet die Versuchsstation in Ins. (rho)
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  • Je zwei Rotationsbrache- und Nützlingsstreifenmischungen befinden sich inzwischen im vierten Jahr. Im letzten Jahr war die Verunkrautung des Nützlingsstreifens so stark, dass das Wachstum des Gemüses im Vergleich zur übrigen Versuchsparzelle eingeschränkt war und dieses Jahr hat sich der Nützlingsstreifen in die nachfolgende Gemüsekultur ausgebreitet. (rho)
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Eine Wirkung allein genügt nicht

Die Bilanz nach den ersten Jahren ist gemischt. Einzelne Verfahren zeigen eine Wirkung, doch gerade bei starkem Befall lassen sich Ertrag und Qualität häufig noch nicht zuverlässig sichern. Das zeigte sich beispielsweise bei Versuchen gegen Kopffäule in Broccoli: Bei starkem Befall erzielte die bisherige Pflanzenschutzstrategie die besten Ergebnisse. Pflanzenstärkungsmittel und Mikroorganismen konnten eine Reduktion der eingesetzten Wirkstoffe nicht ausreichend ausgleichen. Andere Versuche liessen sich wegen des Wetters oder fehlenden Krankheitsdrucks gar nicht aussagekräftig auswerten.

Michael Gugger, Leiter der Versuchsstation bei Agroscope, will deshalb die Arbeit stärker bündeln. Bislang habe man sehr viele Probleme gleichzeitig bearbeitet, teils mit nur wenigen Versuchen pro Jahr. Wenn das Wetter nicht mitspiele, fehle rasch ein ganzes Jahr an verwertbaren Ergebnissen. Künftig möchte die Station sich auf zwei oder drei besonders dringliche Fragen konzentrieren und Versuche gezielter wiederholen.

Auch die Wirtschaftlichkeit gehört zur Beurteilung. «Die Lösungsansätze, die wir angewendet haben, erhöhen den Produktionsaufwand – sie sichern aber die Ernte noch nicht zuverlässig ab», sagte Michael Gugger. Für einen Gemüsebetrieb ist entscheidend, ob eine Methode über mehrere Anbausaisons hinweg funktioniert und am Ende Gemüse liefert, das sich verkaufen lässt.

  • In einem Versuch werden Strategien ohne gewisse Pflanzenschutzmittel in der Läusebekämpfung in Salaten untersucht. (rho)
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  • Die neuen Strategien bei der Bekämpfung von Läusen in Salat läuft mehr oder weniger erfolgreich. (rho)
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Läuse im Salat zeigen den Zielkonflikt

Wie eng Pflanzenschutz und Marktanforderungen zusammenhängen, erklärte Torsten Schöneberg von Agroscope anhand der grünen Salatblattlaus. Sie setzt sich auch im Innern des Salatkopfs fest und ist dort mit Mitteln, die bei direktem Kontakt wirken, schwer zu erreichen. Schon wenige Läuse können genügen, damit ein Salat die Erwartungen beim Verkauf nicht erfüllt – selbst wenn die Pflanze selbst kaum geschädigt ist.

In einem aktuellen Versuch verglich das Forschungsteam vier Behandlungsverfahren. Bei einer ersten Auszählung fanden sich in der unbehandelten Variante durchschnittlich rund 125 Läuse pro Kopf. Eine Variante mit den künftig noch verfügbaren Mitteln schnitt zu diesem Zeitpunkt nicht besser ab. Zwei in Deutschland über Notfallzulassungen eingesetzte Wirkstoffe zeigten im Versuch eine deutlich stärkere Wirkung. Daraus ergibt sich jedoch noch keine Empfehlung für die Schweizer Praxis: Weitere Auswertungen stehen aus und die Zulassungssituation ist eine andere. Torsten Schöneberg will mit Folgeversuchen klären, welche Strategie mit verfügbaren oder künftig zugelassenen Mitteln zuverlässig funktionieren könnte.

An einem zweiten Beispiel zeigte Michael Gugger, dass gut gemeinte Massnahmen unerwartete Folgen haben können. Auf einer Versuchsfläche hatten Nützlingsstreifen in den Vorjahren Insekten gefördert. Nach deren Aufhebung säten sich jedoch unter anderem Fenchel und Dill in der nachfolgenden Gemüsekultur aus. Die Fläche muss nun von unerwünschten Pflanzen befreit werden. Für Michael Gugger unterstreicht dies, dass bei solchen Massnahmen auch die Wirkung auf spätere Kulturen geprüft werden muss.

  • Dieser Rotkohl hat Fäulnis und landet in der Biogasanlage oder im Abfall. (rho)
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  • Nach Fäulnis verursacht durch Pilzbefall schaffen es auch diesen Tomaten nicht mehr ins Gemüseregal. (rho)
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Forschung soll ins Gewächshaus wachsen

Die GVBF möchte die bestehende Zusammenarbeit künftig auf den geschützten Anbau ausweiten. Geplant ist ein Forschungsgewächshaus mit rund 40 Aren Versuchsfläche nahe dem Inforama Seeland. Es soll mit Flächen für Bildung, Beratung und Weiterbildung verbunden werden und das bestehende, veraltete Gewächshaus ersetzen.

Die weitergehende Vision der Vereinigung umfasst einen gemeinsamen Forschungs- und Produktionsstandort. Auf rund 15 Hektaren sollen mehrere Gemüsebaubetriebe eigene Gewächshäuser erstellen können. Neue Verfahren könnten zunächst im Forschungsgewächshaus untersucht und danach unter den Bedingungen der Betriebe auf grösserer Fläche erprobt werden. Dafür wären eine Intensivlandwirtschaftszone, langfristige Baurechte sowie Entscheide über Finanzierung und Infrastruktur nötig.

Eine Voranfrage zur Planung wurde eingereicht und die raumplanerischen Abklärungen laufen. GVBF-Präsidentin und Nationalrätin Katja Riem sagte, der Verband brauche nun ein klares Signal, um die aufwendige Planung weiterzuführen. Die anwesenden Regierungsvertreter Didier Castella aus Freiburg und Raphael Lanz aus Bern betonten ihre Unterstützung für die Zusammenarbeit.

Die Station hat damit nach fünf Jahren vor allem eines gezeigt: Forschung direkt auf den Gemüsebetrieben ist möglich und liefert Erkenntnisse, auch wenn ein Versuch keine fertige Lösung hervorbringt. Die schwierigere Frage bleibt, wie sich geringere Umweltbelastung, sichere Ernten und die Erwartungen an Qualität und Preis zugleich erfüllen lassen. Michael Gugger sieht dafür auch Handel und Konsumentinnen und Konsumenten in der Verantwortung: Neue Anbauverfahren würden für die Betriebe erst tragbar, wenn die gesamte Wertschöpfungskette den zusätzlichen Aufwand mittrage.