«Queere Menschen gibt es überall»

Wer arbeitet auf einem Bauernhof – und wer bleibt unsichtbar? Prisca Pfammatter untersucht, wie queere Perspektiven traditionelle Rollenbilder aufbrechen und neue Formen der sozialen Nachhaltigkeit innerhalb der Schweizer Landwirtschaft ermöglichen.
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von Elin Wittwer
9 Minuten Lesedauer
Prisca Pfammatter Universitaet Bern Forschung Queerness Ewi
Seit mehreren Jahren forscht Prisca Pfammatter zum Thema Queerness in der Landwirtschaft. (ewi)
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LID: Nach Ihrem Masterabschluss in ökologischer Landwirtschaft im Jahr 2021 und Ihrer Masterarbeit zum Thema Queerness in der Landwirtschaft haben Sie vor knapp zwei Jahren mit Ihrer Dissertation begonnen. Woran forschen Sie momentan?

Prisca Pfammatter: Ich mache dort weiter, wo ich aufgehört habe. Die Masterarbeit war vergleichsweise klein, für diese hatte ich ungefähr zwei Monate Feldarbeit betrieben und weitere vier Monate gebraucht, um sie zu schreiben. Das Thema Queerness in der Landwirtschaft ist mir aber sehr geblieben und ich wurde immer wieder angefragt, meine Arbeit zu präsentieren. Ich fand es so heftig, dass es die einzige Arbeit zu diesem Thema ist. Für die Dissertation habe ich nun vier Jahre Zeit, wo ich das Thema genauer, länger und mit mehr Menschen untersuchen kann. Für die Masterarbeit hatte ich mit ungefähr sechs Personen einen intensiven Austausch, während ich nun mit etwa 40 Menschen in Kontakt bin.

Können Sie das etwas ausführen?

In meiner Dissertation geht es um Geschlecht und Sexualität und wie diese die landwirtschaftliche Arbeit beeinflussen. Dies untersuche ich aus einer queeren Perspektive, aus dem Ansatz heraus, dass Menschen, die nicht in diese Normen reinpassen, auch einen genaueren Blick auf die Normen haben.

Anfangs ging es mir darum, herauszufinden, wie Geschlechternormen und Sexualität mit sozialer Nachhaltigkeit zusammenhängen. Führen unterschiedliche Performances oder unterschiedliche Geschlechterkonstellationen oder Beziehungen zu mehr oder weniger sozialer Nachhaltigkeit? Die Rolle der Frauen in der Landwirtschaft hat seit den 1970er Jahren in der Forschung an Achtung gewonnen und trotzdem hat sich kaum was verändert: Rund 93 Prozent der Schweizer Bauernhöfe werden von Männern geführt. Obwohl die Arbeit der Landwirtinnen und Bäuerinnen grundlegend ist, bleibt diese oft unbezahlt. Für mich kam da die Frage auf, inwiefern Weiblichkeit auch mit einer bestimmten Performance oder Reproduktionsarbeit zusammenhängt. Und wie es alternativ aussehen könnte – beispielsweise, wenn Maschinenarbeit nicht zwangsläufig mit Männlichkeit verbunden wird.

Über Prisca Pfammatter

Prisca Pfammatter ist im Tessin aufgewachsen und machte 2021 an der niederländischen Universität Wageningen ihren Masterabschluss. In einem Interview mit dem LID im Januar 2022 erzählte sie von ihrer Masterarbeit «Beyond farming women: queering gender, work, and the family farm». Im Rahmen ihrer Dissertation forscht sie seit 2024 am Geographischen Institut der Universität Bern darüber, wie Geschlecht und sexuelle Normen in der Schweizer Landwirtschaft verhandelt werden, um Implikationen für eine sozial nachhaltigere Landwirtschaft aufzuzeigen.

Wie gingen Sie an dieses Thema heran?

Anstatt zu sagen, wie man es machen könnte, wollte ich aufzeigen, wie es bereits gemacht wird und man sich organisiert, wenn diese starre binäre Geschlechterachse nicht da ist. Ich denke, dass diese Geschlechterachse auch auf traditionellen Betrieben nicht so starr ist, aber dass die produktive Arbeit der Frauen oftmals als Aushelfen bezeichnet wird.

Die erste Publikation zu meiner Dissertation ist eine Kritik am Begriff der sozialen Nachhaltigkeit, weil die bisherige Forschung implizit nur auf traditionellen heterosexuellen Betrieben stattgefunden hat. Zum Beispiel werden in einer wissenschaftlichen Publikation nationale Indikatoren für soziale Nachhaltigkeit mit der Wahrnehmung von Landwirt*innen verglichen. Dabei zeigt sich, dass ausschliesslich Betriebsleitende interviewt wurden. Dadurch werden vor allem männlich dominierte Perspektiven erfasst, da diese Positionen überwiegend von Männern mit Zugang zu Land besetzt sind. Die Sichtweisen von Angestellten – ebenso wie alternative Betriebsformen sowie die rund 35'000-40’000 saisonalen Arbeitsmigrant*innen – werden ausgeblendet.

Wie definieren Sie Queerness in Ihrer Forschung?

In meiner Forschung arbeite ich nur mit Menschen, die in Bezug auf Geschlecht und Sexualität queer sind, aber verstehe Queerness in der Landwirtschaft auch als ein Nicht-Reinpassen in dieses idealisierte und romantisierte Narrativ des Familienbetriebs. Es ist also eine Auseinandersetzung mit dem Konzept des Familienbetriebs und wie viele Körper dadurch unsichtbar gemacht werden.

Wie betreiben Sie Ihre Forschung?

Ich arbeite ethnografisch, das heisst, dass ich nicht nur Interviews mache, sondern für eine Weile auf den Betrieben lebe und arbeite. Anfangs habe ich mit etwa 40 Menschen offene Interviews geführt und geschaut, was diese Menschen interessiert und was sie wissen möchten. Daraus habe ich drei Betriebe gewählt, die auf bestimmten Achsen so unterschiedlich wie möglich sind, beispielsweise eine familieninterne Hofübergabe hatten oder von einem Kollektiv geführt werden.

Wie sehen diese Betriebe konkret aus?

Einer der untersuchten Betriebe hält Mutterkühe. Es ist kein Bio-Betrieb und wird von einer Person allein geführt, die lesbisch lebt und den Betrieb von den Eltern übernommen hat. Ein anderer Hof ist in der Westschweiz und gehört der Solidarischen Landwirtschaft an, wird kollektiv bewirtschaftet und hat eine etwas politischere Agenda. Dort arbeiten viele queere Menschen, auch in Bezug auf Geschlechteridentität, nicht nur Sexualität. Dann habe ich noch auf einem Gemüsebetrieb gearbeitet, da gab es eine queere Person, die angestellt war. Es ging auch darum, dass Betriebsleitende, Angestellte und kollektive Bewirtschaftung vorkommen.

Auf diesen drei Betrieben habe ich Daten gesammelt, um das Thema zu vertiefen und Fragen für die Interviews vorzubereiten. Danach habe ich strukturiertere Interviews mit etwa 15 Menschen gemacht. Die Fragen kamen von den Vorinterviews, aber auch von der Feldarbeit. Viele Themen spricht man erst an, wenn man länger in Kontakt ist, beispielsweise psychische Gesundheit. Gleichzeitig ist es auch ganz anders zu spüren, was es heisst, im landwirtschaftlichen Alltag zu arbeiten und dabei zu sein.

Der experimentellere Teil der Forschung sind Tanzworkshops, in denen wir Methoden der US-amerikanischen Choreografin und Tänzerin Anna Halprin nutzen, welche an der Schnittstelle Tanz, Aktivismus und Tanztherapie liegen. So versuchen wir, den Körper zu involvieren und das verkörperte Wissen abzuholen.

Wer profitiert von einer queeren und gendergerechten Landwirtschaft?

Alle, auch wenn das etwas plakativ klingt. So wie es jetzt in der Landwirtschaft läuft, läuft es für viele nicht gut und viele sind an ihrer Erschöpfungsgrenze. Es ist nicht nur, dass Frauen nicht bezahlt werden, auch die Suizidrate bei Männern ist höher als in der restlichen Gesellschaft. Es fehlt sehr stark an einer Auseinandersetzung mit Männlichkeit und dem damit verbundenen Durchziehen und Durchbeissen. Die ganze Verantwortung, die auf einen einzelnen Menschen fällt, ist extrem. Auch die Tatsache, dass man nie Ferien nimmt, ist in der Landwirtschaftskultur sehr stark verankert.

Eine Auseinandersetzung mit Queerness oder mit einer alternativen Art und Weise, mit sich selbst und Geschlecht umzugehen, kann sehr hilfreich sein, und auch zeigen, was passiert, wenn wir anders miteinander umgehen. Wenn wir Tätigkeiten von den Geschlechtern trennen und Hilfe akzeptieren können, damit diese Achse nicht mehr so starr ist.

Beispielsweise haben weiblich gelesene Personen in den Tanzworkshops erzählt, wie sie sich beweisen müssen: Sie begeben sich dafür in eine Härte, die mit Männlichkeit assoziiert wird. In der Landwirtschaft ist Härte und Männlichkeit stark mit Macht und Kontrolle verbunden. Weiblich gelesene Personen performen dies dann, indem sie beispielsweise beim Gespräch mit dem Nachbarn ebenfalls breit dastehen mit den Händen in den Hosentaschen und kaum Vulnerabilität zeigen. Sie erzählten aber auch, dass sich die Beziehungen positiv veränderten, wenn beispielsweise über Schwierigkeiten gesprochen wurde und man sich von dieser Härte etwas lösen konnte.

Welche Vor- und Nachteile bestehen auf queeren Betrieben?

Das Spannende an queeren Betrieben ist, dass sie oft sowieso nicht reinpassen, wodurch sie auch mehr Freiheiten haben und Traditionen stärker in Frage stellen. Teilweise gibt es gar keine Traditionen, weil sie den elterlichen Betrieb nicht übernehmen durften. Oftmals übergibt der Vater den Betrieb an den Sohn. Wenn dieser jedoch schwul ist, geht der Betrieb eher an ein Geschwister. In der Statistik wird das positiv wahrgenommen: Mehr Frauen in der Landwirtschaft, weniger Sexismus. Aber gleichzeitig ist es Homophobie, die stattfindet, also auch Sexismus – weil die Tochter nur übernehmen kann, weil erwartet wird, dass sie noch einen Mann heiratet und den traditionellen Familienbetrieb erhält. Ihr Wert wird durch ihre reproduktive Kapazität bestimmt.

Hat sich die Schweizer Landwirtschaft bezüglich Queerness in den letzten Jahren verändert?

Ich finde sehr. Es gibt vielmehr einen Diskurs um queere Landwirtschaft, vor fünf Jahren gab es einfach nichts. Jetzt gibt es Vernetzungen, und auch europaweit gab es eine starke Veränderung. Beispielsweise hat La Via Campesina ein Heft herausgegeben zu Vielfalt und Geschlecht in der Landwirtschaft. Das FiBL hat einen Podcast mit zwei queeren Landwirtinnen und mir gemacht, welcher letztes Jahr der zweitmeistgehörte war. Es besteht Interesse an dem Thema, und es wird darüber berichtet und geredet. Gleichzeitig gibt es aber auch ein starkes Backlash, was Geschlecht und Sexualität angeht. Sichtbarkeit kann auch Angst und Gewalt bedeuten, und nicht immer positiv sein.

Gibt es bestimmte Hofkonzepte oder Betriebsformen, die eine queere Landwirtschaft fördern?

Es gibt mehrere, die den Wunsch haben, Kollektivhöfe zu bewirtschaften, was nur bedingt – durch die Gründung einer GmbH – geht. Allgemein bleibt der Zugang zu Land aber eines der grössten Probleme, insbesondere für queere Landwirt*innen. Bei ausserfamiliären Hofübergaben wird beispielsweise häufig mehr oder weniger implizit nach traditionellen Familienmodellen gesucht – also nach heterosexuellen Paaren mit Kindern. Dadurch werden andere Lebens- und Betriebsformen systematisch ausgeschlossen.

Was braucht es, damit queere Betriebe in der Schweiz bestehen können?

Es gilt, neue Bilder zu schaffen. Am Anfang meiner Forschung meinten einige, es gebe keine queeren Menschen in der Landwirtschaft. Das hat mit Metronormativität zu tun, also der Annahme, dass Land sei nur konservativ und heterosexuell, und Queerness gebe es nur in der Stadt, weil es unnatürlich sei. Für mich ist klar: Queere Menschen gibt es überall. Es gilt, dieses Bild des Familienbetriebs aufzulockern, infrage zu stellen und auseinanderzunehmen.

Das ist einerseits Arbeit des Bundes. Beispielsweise wird im Video für die Agrarpolitik 2022 ein Familienbetrieb dargestellt, in welchem der Vater den Traktor fährt, die Mutter einen Zopf bäckt, und der Sohn schon vom Traktorfahren träumt – das sind ganz klare Bilder, die dort gefestigt werden!

Nebst Zugang zu Land ist auch die Ausbildung ein wichtiger Faktor. Von den Landwirt*innen, mit denen ich geredet habe, hat eine Person das EFZ als Erstausbildung gemacht, alle anderen haben einen anderen Weg gewählt. Die Person, welche die Landwirt*innenausbildung gemacht hat, hat mir eine Liste mit 150 Sätzen geschickt, mit denen sie in Bezug auf ihr Geschlecht und ihre Sexualität angegriffen wurde. Ich denke, die Erstausbildung kann ein Ort grosser Diskriminierung sein. In der Zweitausbildung ist das anscheinend weniger der Fall.

In der Ausbildung müsste viel Sensibilisierung stattfinden. Ich bin recht beeindruckt von der Fachstelle OH BOY*, die Workshops für Schulen zur Auseinandersetzung mit Männlichkeit durchführt. Viele junge Leute arbeiten mit so viel körperlichen Schmerzen und reden nie darüber und arbeiten weiter, solange der Körper funktioniert. Auch hier findet wenig in der Ausbildung statt – das wäre genau der Ort, wo man psychische und physische Gesundheit thematisieren müsste.

Was wünschen Sie sich für die Schweizer Landwirtschaft der Zukunft?

Das frage ich auch immer in den Interviews mit den Landwirt*innen. Der gemeinsame Wunsch ist, dass mehr Menschen Zugang zur Landwirtschaft haben, einen Bezug zu ihrem Essen haben und auch mehr Geld in die Landwirtschaft kommt. Und dass Landwirtschaft auch mehr als Sorgearbeit angesehen wird: Dass man Sorge zum Boden trägt, dass man die Beziehungen zueinander, zu Tieren und Pflanzen pflegt und darüber nachdenkt, wie wir das pflegen wollen.

Ich wünsche mir eine Auseinandersetzung mit der landwirtschaftlichen Kultur und Männlichkeit in der Landwirtschaft. Diese Härte hat sicher auch seine Vorteile – wenn geheut werden muss, muss eben geheut werden. Aber dass es dann auch Pausen gibt und man Zeit hat, zu kommunizieren und diskutieren «Wie machen wir das jetzt? Ist das gut, wie wir es machen?».

Auch ein heterosexuelles Paar, in dem beide eine Ausbildung in der Landwirtschaft haben, aber anders arbeiten möchten, gerät oft in tradierte Modelle hinein, weil es am Anfang vielleicht einen kleinen Unterschied gibt: Vielleicht hat der Mann mehr Maschinenerfahrung, weil er stets dazu ermutigt wurde. Wenn immer so viel Stress ist, dann wird der Mann die Maschinenarbeit übernehmen und die anfänglich kleine Lücke wird immer grösser. Wenn man sich das bewusst macht und jede Arbeit, auch Sorgearbeit, wertschätzt, dann entstehen andere Modelle und man kann anders miteinander umgehen. So entsteht die Möglichkeit, dass man auch Arbeiten macht, in denen man vielleicht nicht so gut ist. Dadurch wird man vielleicht besser, oder schätzt die Arbeit mehr. Es braucht mehr Ressourcen in der Landwirtschaft, dass man verlangsamen, dekonstruieren und wieder aufbauen kann. Das alles kann unter diesem ganzen Druck nicht passieren.

Die Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind, leisten alle eine Riesenarbeit. Ob in einem Familienbetrieb oder nicht, fast alle arbeiten bis zur Erschöpfung. Und ich frage mich schon, wie wir aus dem rauskommen und schaffen, dass es auch anders möglich ist. Ich selbst merke nach einem Monat durcharbeiten, wie schwierig es ist, wieder zu verlangsamen. Da frage ich mich, was passiert, wenn jemand 40 Jahre lang nie ein Wochenende oder eine Pause gemacht hat.

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