Wenn der Quelle das Wasser ausgeht: Wie Schweizer Alpbetriebe der Trockenheit trotzen
Wenn auf der Alp plötzlich kein Wasser mehr aus der Quelle fliesst, wird aus einem trockenen Sommer schnell eine exis...
Wo heute mitten in Zürich Kartoffeln in grossen Paloxen aufgeschichtet sind, lagerten sie schon vor mehr als hundert Jahren. Die Wasserkirche, in der Swisspatat zur Medienkonferenz rund um die Kartoffelernte 2026 geladen hat, diente während des Ersten Weltkriegs als Notlager und Markthalle für Lebensmittel – darunter Kartoffeln. Damals fehlten wegen Handelsblockaden und ausbleibender Importe Brot und Getreide. Kartoffeln wurden angebaut, wo immer noch ein Stück Boden frei war.
Heute herrscht keine vergleichbare Versorgungskrise. Und doch könnte der Veranstaltungsort kaum passender sein. Denn auch 2026 geht es um die Frage, wie zuverlässig die Kartoffel die Schweizer Bevölkerung ernähren kann.
Die Antwort fällt in diesem Jahr ernüchternd aus: Die Hochrechnungen aus den Probegrabungen von Mitte bis Ende August ergeben eine Gesamternte von rund 333’000 Tonnen – so wenig wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Zwischen 2020 und 2025 waren es im Durchschnitt 411’000 Tonnen. Mit 29,4 Tonnen pro Hektare liegt auch der Flächenertrag historisch tief. Weniger gab es letztmals vor mehr als 60 Jahren. Die Knollen sind zudem kleiner als üblich, ihre Qualität wird dagegen als gut beurteilt. Hauptgründe für die geringe Ernte sind die Hitze und die langen Trockenperioden dieses Frühlings und Sommers.
Damit reiht sich 2026 in eine lange Geschichte ein. Denn kaum eine Kulturpflanze zeigt so deutlich wie die Kartoffel, wie eng Ernährung, Klima, Krankheiten, technische Entwicklung und gesellschaftlicher Wandel miteinander verbunden sind.
Begonnen hat diese Geschichte weit weg von der Schweiz. Vor rund 10’000 Jahren domestizierten Menschen im Hochland um den Titicacasee im heutigen Peru und Bolivien wilde Kartoffeln. In den Anden wurde die Knolle zu einem Grundnahrungsmittel. Die Inkas konservierten sie sogar mit einer Art natürlicher Gefriertrocknung: Frost und Sonne verwandelten die Kartoffeln in «Chuño», das jahrelang haltbar war.
Mit spanischen Schiffen gelangten die ersten Kartoffeln im späten 16. Jahrhundert nach Europa. Begeisterung lösten sie zunächst nicht aus. Die Pflanze aus der Familie der Nachtschattengewächse landete vor allem in botanischen Gärten. Man bewunderte ihre Blüten – und misstraute den Knollen unter der Erde.
Ausgerechnet ein Schweizer sorgte jedoch früh dafür, dass die Kartoffel zumindest wissenschaftlich einen Namen bekam. Der Basler Arzt und Botaniker Caspar Bauhin beschrieb sie 1596 als «Solanum tuberosum». Carl von Linné übernahm diese Bezeichnung später in sein botanisches Ordnungssystem.
Bis die Kartoffel auch auf Schweizer Tellern ankam, dauerte es länger. Der erste schriftlich belegte landwirtschaftliche Kartoffelanbau stammt aus dem Jahr 1697 aus dem Kanton Glarus. Gerade in den Voralpen und Alpen konnte sich die neue Kultur vergleichsweise früh verbreiten. Dennoch haftete ihr lange ein schlechtes Image an: Kartoffeln galten als Arme-Leute-Essen oder wurden an Tiere verfüttert.
Es waren Krisen, die den Durchbruch brachten. Als nasskaltes Wetter zwischen 1770 und 1772 in Europa Missernten und Hunger verursachte, zeigte die Kartoffel einen entscheidenden Vorteil: Während Getreide unter den schwierigen Bedingungen litt, lieferte sie weiterhin Nahrung.
Noch dramatischer waren die Jahre nach dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815. Asche in der Atmosphäre führte auch in Europa zu ungewöhnlicher Kälte, Dauerregen und Missernten. 1816 ging als «Jahr ohne Sommer» in die Geschichte ein. Auch die Schweiz erlebte 1816 und 1817 eine schwere Hungersnot. Spätestens jetzt wandelte sich das Bild der Kartoffel: Aus der verdächtigen fremden Knolle wurde eine Kultur, die Menschen in Notzeiten ernähren konnte.
Doch ausgerechnet die Pflanze, die Hunger lindern konnte, wurde wenige Jahrzehnte später selbst zum Auslöser einer der bekanntesten europäischen Ernährungskatastrophen. Denn ab 1845 verbreitete sich die Kraut- und Knollenfäule in Europa. Der pilzähnliche Erreger «Phytophthora infestans» kann Kartoffelkraut und Knollen innerhalb kurzer Zeit zerstören. Besonders verheerend waren die Folgen in Irland. Aber auch in der Schweiz führten Ernteausfälle zu Armut und Auswanderung.
Bemerkenswert ist, wie aktuell diese fast 200 Jahre alte Geschichte geblieben ist. Die Kraut- und Knollenfäule gehört bis heute zu den bedeutendsten Herausforderungen des Kartoffelanbaus. Schon im 19. Jahrhundert war sie ein Anstoss dafür, Kartoffelsorten gezielter auszulesen und zu kreuzen – mit dem Ziel, Ertrag, Qualität und Widerstandskraft zu verbessern.
Trotz Krankheiten setzte sich die Kartoffel durch. Mitte des 19. Jahrhunderts war sie in der Schweiz zum Grundnahrungsmittel geworden. Während der Industrialisierung wuchsen Städte und Fabrikbevölkerung. Kartoffeln waren vergleichsweise günstig, sättigend und nährstoffreich – und damit gerade für die wachsende Arbeiterschaft von grosser Bedeutung.
Gleichzeitig wurde aus dem Nahrungsmittel ein Stück Schweizer Identität. Im 19. Jahrhundert verdrängten gebratene Kartoffeln in vielen Regionen Suppen und Breie als Frühstück. Daraus entwickelten sich verschiedene regionale Varianten der Rösti. Der Begriff selbst tauchte allerdings erst nach 1900 vermehrt in Kochbüchern auf. Später wurde die Rösti zum Nationalsymbol – und gab sogar dem «Röstigraben» seinen Namen.
Wie wichtig die Kartoffel tatsächlich für die Versorgung geworden war, zeigte sich in den beiden Weltkriegen. Im Ersten Weltkrieg wurden Kartoffeln auf Gärten, Parks und öffentlichen Flächen angebaut. Die Zürcher Wasserkirche, heute Schauplatz der Ausstellung zur Kartoffelgeschichte, wurde damals Teil dieser Versorgungsinfrastruktur.
Im Zweiten Weltkrieg rückte die Knolle endgültig ins Zentrum der Ernährungspolitik. Mit dem «Plan Wahlen» wurde die Schweizer Ackerfläche von 183’000 auf 352’000 Hektaren ausgeweitet. Rasen, Sportplätze und öffentliche Plätze wurden umgebrochen – vom Sechseläutenplatz in Zürich bis zum Platz vor dem Westflügel des Bundeshauses. Die Kartoffel gehörte zu den zentralen Kulturen der sogenannten Anbauschlacht und wurde zum Symbol des Durchhaltewillens.
Doch ein neuer Gegenspieler war bereits angekommen: 1937 wurde in der Schweiz erstmals der Kartoffelkäfer nachgewiesen. Käfer und Larven konnten ganze Bestände kahlfressen. Während der Kriegsjahre war die Bedrohung so ernst, dass Behörden Bekämpfungsaktionen organisierten und sogar Schulkinder an sogenannten «Käfersuchtagen» die Tiere von Hand einsammelten.
Fast gleichzeitig begann sich die Kartoffelwirtschaft stärker zu organisieren. 1939 entstand die Schweizerische Kartoffelkommission, welche Produktion und Verwertung koordinieren sowie Standards, Sortenlisten und Qualitätskontrollen vereinheitlichen sollte. Im Jahr 2000 wurde daraus Swisspatat.
Auch die Forschung wurde nach dem Krieg intensiviert. Die Vorgängerorganisationen von Agroscope prüften Sorten, beschäftigten sich mit Lagerung und Qualität und entwickelten Strategien gegen Krankheiten und Schädlinge. Gleichzeitig nahm die Mechanisierung den Produzentinnen und Produzenten einen grossen Teil der körperlichen Arbeit ab. Legemaschinen und Kartoffelvollernter ersetzten ab den 1950er-Jahren zunehmend die Arbeit von Hand.
Und auch auf dem Teller veränderte sich die Kartoffel. Pommes frites, Chips, Fertigrösti und Kartoffelstock gewannen an Bedeutung. Während der Konsum frischer Kartoffeln ab den 1960er-Jahren zurückging, wurde ein wachsender Anteil industriell verarbeitet. Aus dem klassischen Grundnahrungsmittel wurde ein vielseitiger Rohstoff.
Heute baut die Schweiz auf rund 11’000 Hektaren Kartoffeln an. In guten Jahren werden mehr als 400’000 Tonnen geerntet, im Durchschnitt isst jede Person rund 46 Kilogramm Kartoffeln pro Jahr. Doch kaum eine andere grosse Ackerkultur reagiert derart empfindlich auf die Witterung: Während der Knollenbildung ist eine gleichmässige Wasserversorgung entscheidend. Hitze und Trockenheit bremsen Wachstum und Ertrag. Zu viel Niederschlag wiederum kann Erosion fördern und schafft günstige Bedingungen für Krankheiten. Wärmere Temperaturen können zudem dazu führen, dass Schädlinge wie der Kartoffelkäfer zusätzliche Generationen bilden.
Das Jahr 2026 führt dies eindrücklich vor Augen. Für die Produzentinnen und Produzenten war der Wassermangel während entscheidender Wachstumsphasen unmittelbar spürbar, erklärte Niklaus Ramseyer, Kartoffelproduzent und Präsident der Vereinigung Schweizerischer Kartoffelproduzenten VSKP. Die Frage sei deshalb, wie die Kartoffelpflanzen unter den veränderten Bedingungen künftig ausreichend geschützt und versorgt werden könnten.
Wie entscheidend Wasser bereits heute ist, zeigen auch die diesjährigen Probegrabungen besonders deutlich: Rund die Hälfte der Schweizer Kartoffelfläche wurde bewässert. Auf diesen Feldern lag der Ertrag im Durchschnitt 55 Prozent höher als auf Flächen ohne Bewässerungsmöglichkeit. Für Swisspatat ist deshalb klar, dass die Kartoffelproduktion künftig in die Entwicklung von Wasserstrategien einbezogen werden muss.
Die schlechte Ernte hat Folgen: Swisspatat rechnet 2026 mit einer Fehlmenge von rund 130’000 Tonnen, die durch Importe gedeckt werden muss. Der Selbstversorgungsgrad dürfte bei rund 70 bis 75 Prozent liegen statt bei durchschnittlich etwa 85 Prozent. Eine eigentliche Kartoffelknappheit für Konsumentinnen und Konsumenten oder die Industrie erwartet die Branche nicht. Schweizer Kartoffeln könnten jedoch teurer und ausländische Ware in den Regalen häufiger werden.
Damit schliesst sich ein Kreis zur Kartoffelgeschichte. Schon nach den Missernten des 19. Jahrhunderts suchte man nach Sorten, die mehr Ertrag lieferten und Krankheiten besser widerstanden. Heute heisst das Schlagwort «robuste Sorten».
Sie sollen möglichst mehrere Eigenschaften miteinander verbinden: Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten wie die Kraut- und Knollenfäule, einen geringeren Bedarf an Pflanzenschutzmitteln sowie eine bessere Toleranz gegenüber Hitze und Trockenheit.
Seit 2024 besteht dazu eine Zielvereinbarung zwischen der Kartoffelbranche und dem Bund. Bis 2040 sollen robuste Sorten 80 Prozent der Schweizer Kartoffelfläche ausmachen. Heute liegt ihr Anteil laut Swisspatat bereits bei rund 20 Prozent.
Das Problem ist die Zeit. Die Entwicklung neuer Sorten dauert viele Jahre, während sich die Produktionsbedingungen durch den Klimawandel rasch verändern. «Solche Zeit haben wir nicht», sagte Swisspatat-Präsident Urs Reinhard mit Blick auf die langen Züchtungszeiträume. Neue Züchtungstechnologien könnten seiner Ansicht nach helfen, Kartoffelsorten schneller an die sich verändernden klimatischen Bedingungen anzupassen.
Etienne Bucher, Leiter Genomdynamik der Pflanzen bei Agroscope, zeigte an der Medienkonferenz deshalb auf, welches Potential neue Züchtungsverfahren haben. Während bei älteren Verfahren Veränderungen teilweise zufällig entstehen, können moderne Methoden wesentlich gezielter an bestimmten Stellen des Erbguts ansetzen. Für die Kartoffelzüchtung eröffnet das die Möglichkeit, Eigenschaften wie Krankheitsresistenz oder Trockenheitstoleranz gezielter und schneller weiterzuentwickeln.
Swisspatat fordert deshalb, dass die Schweiz bei der Regulierung neuer Züchtungstechnologien mit der Europäischen Union Schritt hält. Für Geschäftsführer Christian Bucher entscheidet sich daran mit, wie zuverlässig Schweizer Kartoffeln künftig verfügbar sein werden: «Wollen wir auch in Zukunft eine hohe Versorgungszuverlässigkeit mit Schweizer Kartoffeln garantieren, müssen wir in Sachen neue Züchtungstechnologien mit der EU Schritt halten können.» Neben der Züchtung brauche es auch eine ausreichende Wasserversorgung und deshalb müsse die Kartoffelbranche bei der Ausarbeitung künftiger Wasserstrategien einbezogen werden – in beiden Fällen sei der Bund gefragt, so Christian Bucher.
So unterschiedlich die Herausforderungen der vergangenen drei Jahrhunderte waren, zieht sich ein Muster durch die Geschichte der Schweizer Kartoffel. Nasskalte Hungerjahre machten sie einst gross. Die Kraut- und Knollenfäule zwang die Landwirtschaft zur Sortenzüchtung. Der Kartoffelkäfer führte zu neuen Pflanzenschutzstrategien. Zwei Weltkriege machten die Knolle zu einem Pfeiler der Versorgungssicherheit. Mechanisierung und Lebensmittelindustrie veränderten Anbau und Konsum.
Nun sind es Klimawandel, Wasserknappheit, ein hoher Krankheits- und Schädlingsdruck sowie weniger verfügbare Pflanzenschutzmittel, die den nächsten Anpassungsschritt verlangen.
Die Paloxen in der Zürcher Wasserkirche stehen damit nicht nur für die Vergangenheit. Die Ausstellung erzählt zwar davon, wie die Kartoffel in gut drei Jahrhunderten vom Arme-Leute-Essen zu einem festen Bestandteil der Schweizer Küche wurde. Gleichzeitig erinnert die historisch kleine Ernte 2026 daran, dass diese Geschichte noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Kartoffel hat der Schweiz in schwierigen Zeiten immer wieder Ernährungssicherheit gegeben. Nun stellt sich die Frage, ob es gelingt, die Knolle selbst für schwierigere Zeiten fit zu machen.
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