PFAS: Viele Landwirte fürchten um ihre Existenz

Ein Antrag eines Ostschweizer Landwirts an die Schweizer Milchproduzenten macht den Handlungsdruck deutlich. Er fordert, dass nicht allein die Betriebe die Folgen tragen, sondern die Verantwortung von der gesamten Gesellschaft übernommen wird.
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von Jasmine Baumann
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2013 Braunvieh Im Kanton Appenzell Ausserrhoden Lid
Der Bundesrat will betroffene Landwirtschaftsbetriebe in wirtschaftlichen Härtefällen gezielt unterstützen. (Bild lid)

«Die Bauernfamilien sind nicht schuld»: Mit diesem Satz eröffnet ein Landwirt seinen Antrag an die Schweizer Milchproduzenten (SMP), an deren Delegiertenversammlung. Darin warnt er vor den Folgen der PFAS-Belastung für zahlreiche Betriebe im Appenzellerland. Rund ein Drittel aller Milchproben in den beiden Appenzeller-Kantonen überschreiten die EU-Richtwerte. Wie viele Betriebe schweizweit betroffen sind, ist nicht bekannt, da die Daten von den Kantonen erhoben werden. Eine Studie der ETH zeigt aber, dass PFAS in Schweizer Böden flächendeckend nachweisbar sind. 

Die sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS seien ein gesamtgesellschaftliches Problem, sagt der Ostschweizer Landwirt. Deshalb müsse die Lösung gemeinsam von Landwirtschaft, Politik, Wirtschaft und den Konsumentinnen und Konsumenten gefunden werden.

«Klärschlamm wurde von den Kantonen empfohlen»

Die Quellen für die PFAS-Einträge sind vielfältig. Der Landwirt nennt insbesondere den Klärschlamm. Dieser sei bis in die 1990er-Jahre von den Kantonen sogar empfohlen worden. «Die Bauern wurden beraten und beim Austragen unterstützt, Güllekästen wurden teil ungefragt mit Klärschlamm gefüllt», sagt er.

Er fordert deshalb gezielte Unterstützung für betroffene Betriebe, klare gesetzliche Grundlagen bei Haftung und Entschädigung sowie praxisnahe Grenzwerte mit Übergangsfristen. Auch die Forschung müsse gestärkt werden, um umsetzbare Lösungen zu entwickeln. Zudem müssten importierte Produkte gleich kontrolliert werden wie einheimische.

Grosser Beratungsbedarf und politischer Druck

Das Anliegen sei für die SMP nicht neu, sagt Kommunikationsleiterin Christa Brügger. Der Verband befasse sich seit zwei Jahren mit der Thematik. «Der Druck und die Verunsicherung in den betroffenen Regionen sind deutlich gestiegen. Das nehmen wir ernst.» Es gehe nun darum, Haftungs- und Entschädigungsfragen politisch zu klären.

Gleichzeitig zeige sich ein Engpass in der Beratung. «Die betroffenen Produzenten brauchen Unterstützung.» Wenn viele Analysen vorlägen und der Landwirt nicht wisse, was er damit soll, sei niemandem geholfen. Wichtig sei, dass Betriebe ihre individuelle Situation kennen.

Wirtschaftliche Folgen und psychische Belastung

Auch beim Schweizer Bauernverband (SBV) ist die Problematik ein zentrales Thema. «Neben den wirtschaftlichen Folgen entsteht auch eine erhebliche psychische Belastung – sowohl für betroffene als auch für möglicherweise betroffene Familien», sagt Selina Fischer vom Schweizer Bauernverband (SBV).

Die gesetzlich geregelte Grundlage zur Haftung und Entschädigung bei PFAS sei derzeit ungenügend. Zwar gelte grundsätzlich das Verursacherprinzip, doch lasse sich dieses bei PFAS oft kaum anwenden, da die Belastungen über lange Zeiträume und aus verschiedenen Quellen entstanden seien.

Bessere Koordination gefordert

Der SBV verfolge die Problematik eng und bringe sich aktiv politisch ein. Priorität hätten insbesondere finanzielle Unterstützung für betroffene Betriebe, die Schaffung rechtlicher Grundlagen sowie verhältnismässige Grenzwerte und Übergangsfristen, die mit den Realitäten der Landwirtinnen und Landwirte vereinbar sind.

Der Verband fordert von den entsprechenden Bundesämtern eine klare Führung und somit eine bessere Koordination zwischen Bund, Kantonen und der Landwirtschaft ohne überstürzte Entscheide. Gleichzeitig müsse die parlamentarische Arbeit rasch vorangebracht werden, etwa mit der Motion 25.3907 von Mike Egger, zur Existenzsicherung und der Motion 25.3421 der UREK-S.

«Die PFAS-Problematik wird nicht allein durch die Festlegung und Umsetzung von Höchst- und Grenzwerten gelöst», sagt Fischer.

Konsumentenschutz und Grenzwerte im Fokus

Für das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) steht neben der Situation der Betriebe insbesondere der Schutz der Konsumentinnen und Konsumenten im Vordergrund. PFAS können über belastete Böden, Wasser oder Futtermittel in die Lebensmittelkette gelangen und sich in Produkten wie Fleisch, Milch oder Eiern anreichern.

Eine langfristige Aufnahme könne gesundheitliche Risiken erhöhen, etwa eine verminderte Immunantwort bei Kindern oder erhöhte Cholesterinwerte, schreibt das BLV. Deshalb seien für einige Lebensmittel tierischer Herkunft bereits Höchstgehalte festgelegt worden. Weitere, etwa für Milch, könnten folgen.

Die Unterschiede bei den Grenzwerten je nach Lebensmittel erklärt die Behörde mit verschiedenen Faktoren. «Der Gesundheitsschutz ist ein wichtiges Kriterium, es werden aber unter anderem auch Konsumgewohnheiten und die praktische Umsetzbarkeit berücksichtigt.» Ziel sei es, die Belastung schrittweise zu reduzieren, ohne auf einzelne Lebensmittelgruppen verzichten zu müssen.

Auch für Importprodukte gelten grundsätzlich die gleichen Anforderungen. Diese würden sowohl durch die Verantwortung der Importeure als auch durch risikobasierte Kontrollen der Behörden überprüft.

Bund reagiert mit ersten Massnahmen

Inzwischen kommt Bewegung auf politischer Ebene in die Thematik. Der Bundesrat will betroffene Landwirtschaftsbetriebe in wirtschaftlichen Härtefällen gezielt unterstützen. Als Sofortmassnahme wurde die Umsetzung der Motion 25.3421 in die Vernehmlassung geschickt. Diese sieht vor, dass PFAS-belastete Betriebe mehr Zeit für eine Produktionsumstellung erhalten und während dieser Phase wirtschaftlich abgesichert werden.

Bis März 2027 soll zudem eine gesetzliche Grundlage für finanzielle Unterstützung bei besonders betroffenen Betrieben vorliegen. Parallel dazu werden die Kantone verpflichtet, die bestehenden PFAS-Höchstgehalte einheitlich umzusetzen. Das BLV hat dazu entsprechende Weisungen erlassen.

Klar ist: Die PFAS-Problematik beschränkt sich nicht auf die Ostschweiz. Was sich dort derzeit besonders deutlich zeigt, betrifft die gesamte Schweiz – und darüber hinaus Europa und andere Weltregionen.

Die ersten politischen Schritte sind eingeleitet. Für die betroffenen Landwirte bleibt die Situation dennoch angespannt: Für sie geht es nicht nur um Grenzwerte und Übergangsfristen – sondern um die Zukunft ihrer Betriebe.