Mit Theorie im Kopf und Praxis im Blut

Antonia und Gabriel Ruckli führen ihren Hof als Geschwisterteam weiter. Die beiden zeigen, wie sich ein Familienbetrieb mit Wissen, Vertrauen und klarer Arbeitsteilung gemeinsam weiterentwickeln lässt. Zwischen Stall, Studium und neuen Haltungssystemen wird ihr Hof zum Ort, an dem Forschung und Praxis direkt zusammenfinden.
Zuletzt aktualisiert am 20. Mai 2026
von Renate Hodel
8 Minuten Lesedauer
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Antonia und Gabriel Ruckli setzen Haltungssysteme wie Gruppensäugen und TMR-Fütterung erfolgreich im Stall um. (rho)

Antonia und Gabriel Ruckli sind mit der Landwirtschaft gross geworden. «Wir sind immer zwischen den Kühen herumgestägert», erzählt Antonia Ruckli. Ihr Vater habe sie schon früh in den Betrieb mit einbezogen – von der Frage, welche Tiere man kauft, bis hin zu grösseren Weichenstellungen auf dem Hof. Gabriel wollte als Kind lieber rote Kühe, Antonia schwarze. Also stand schliesslich ein Mix im Stall. Was nach einer kleinen Familienanekdote klingt, erzählt viel darüber, wie die beiden ihren Weg in die Landwirtschaft gefunden haben: Nicht über Druck, sondern über Mitverantwortung, Neugier und die Selbstverständlichkeit, dass ihre Meinung zählt.

Heute führen die Geschwister den elterlichen Betrieb in Sulz oberhalb des Baldeggersees gemeinsam weiter. Vor drei Jahren haben sie den Hof übernommen. Auf 24 Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche halten sie 120 Zuchtsauen und 220 Mastschweine, dazu kommt Ackerbau mit Futtergetreide für den Eigenverbrauch. Gabriel arbeitet zu 100 Prozent auf dem Betrieb, Antonia ist daneben Teilzeit ausserhalb des Hofs in Forschungsprojekten tätig. Auch ihr Vater arbeitet weiterhin voll mit.

Dass das funktioniert, hat mit Vertrauen zu tun, aber auch klaren Regeln. Das Einkommen vom Betrieb und externen Tätigkeiten gehen ins Betriebskonto, beide erhalten gleich viel und wichtige Fragen sind vertraglich geregelt – vom Konfliktfall bis zum Todesfall. Vor allem aber verbindet sie ein gemeinsamer Blick auf die Landwirtschaft: Sie wollen den Betrieb nicht einfach verwalten, sondern bewusst weiterentwickeln.

Zwischen akademischem «Umweg» und früher Hofverbundenheit

Obwohl mitten in der Landwirtschaft aufgewachsen, suchte Antonia im Teenageralter etwas Abstand und sah ihre berufliche Zukunft zunächst nicht auf dem Betrieb. Während des Gymnasiums konnte sie sich unter anderem ein Medizinstudium vorstellen. Doch die Herausforderung, wie man Tierwohl, Umwelt, Wirtschaftlichkeit und Arbeitsqualität unter einen Hut bringt, interessierte sie immer mehr. Darum entschied sich dann für ein Agronomiestudium an der ETH in Zürich. Was sie dort besonders faszinierte, war die Frage, wie sich das natürliche Verhalten von Tieren wieder stärker in landwirtschaftliche Haltungssysteme integrieren lässt. Dieses Interesse führte sie weiter nach Holland und Wien und schliesslich bis zur Dissertation über nachhaltige Schweinehaltung.

Gabriel hingegen war schon als Kind ganz auf den Hof ausgerichtet. «Für mich war immer klar, dass ich den Betrieb übernehmen werde», sagt er und ergänzt: «Ich habe nie an etwas anderem rumstudiert.» Er half in jeder freien Minute mit und erlebte die Landwirtschaft schon früh als das, was ihm am meisten bedeutete. «Das Dreschen war für mich beispielsweise immer das Highlight und die Landwirtschaft war immer für mich die Nummer 1», erzählt er. Trotzdem führten gute Noten auch ihn an die Kantonsschule und inspiriert von seiner Schwester Antonia schliesslich ebenfalls zu einem Agronomiestudium an der HAFL. Dort fand er genau die Mischung, die zu ihm passte: Praxisnah und so angelegt, dass er weiterhin auf dem Betrieb mithelfen konnte.

«Wir haben heute quasi unseren eigenen Forschungsbetrieb, wo wir selbst neue Systeme entwickeln können.»
Antonia Ruckli
Agronomin und Betriebsleiterin

Zwischen Theorie und Praxis

Dass daraus einmal ein gemeinsames Betriebsmodell entstehen würde, war nicht von Anfang an vorgezeichnet. Eigentlich war vorgesehen, dass Gabriel den Hof übernimmt. «Mir wurde dann bewusst, dass die Hofübernahme durch Gabriel auch die Konsequenz haben würde, dass ich irgendwann den Hof komplett verlassen müsste», erzählt sie. Und so stellte sie die entscheidende Frage: Ob man den Hof nicht auch gemeinsam übernehmen könne? Die Familie war offen dafür – und von da an verfolgten die Geschwister die gemeinsame Übernahme konsequent weiter.

Und sie merkten rasch, dass sie ein gutes Team bilden. «Ich komme meistens mit etwas, das mir beispielsweise in der Wissenschaft begegnet ist und Gabriel überlegt dann, ob und wie wir das umsetzen können», erzählt Antonia Ruckli. Überspitzt formuliert, bringt Antonia die Theorie und Gabriel schaut, wie es praktisch umzusetzen ist. Genau diese Arbeitsteilung macht sie als Team stark: Sie denken die Systeme weiter und prüfen, ob sie im Stall und auf dem Feld bestehen – Theorie und Praxis ergänzen sich.

Dass sich die beiden gegenseitig antreiben, ist deutlich spürbar. Der Wissenshunger ist bei beiden gross – und offenbar auch familiär mitgeprägt. «Es ist, glaube ich, auch etwas genetisch bedingt», sagt Antonia und lacht. Beide Eltern seien immer offen gewesen, der Vater habe gerne ausprobiert, investiert und umgebaut, die Mutter sei als Physiotherapeutin selbstständig gewesen. «Das Inspirierende, würde ich schon sagen, haben wir von unseren Eltern», erklären die beiden.

  • Während eines Austauschsemesters in Holland hörte Antonia von einem Gruppensäugesystem – seit 2018 wird das System auf dem Betrieb vollumfänglich umgesetzt. (Ruckli Landwirtschaft)
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  • Die sogenannte TMR-Fütterung geht auf eine Semesterarbeit von Gabriel zurück. (rho)
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  • Die Fütterungsmischung besteht aus Heu, Silage und Kraftfutter – und im Sommer dürfen die Sauen auch draussen Gras fressen. (Ruckli Landwirtschaft)
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Aus Studienarbeiten wird Stallrealität

Besonders greifbar wird der Wert ihrer Aus- und Weiterbildungen dort, wo daraus ganz konkrete Veränderungen auf dem Hof entstanden sind. Antonia und Gabriel sprechen von ihren zwei «Steckenpferden»: dem Gruppensäugen mit Laktationsrauschung und der TMR-Fütterung der Sauen. Beides sind keine theoretischen Modelle geblieben, sondern gelebte Praxis auf dem Betrieb.

Die TMR-Fütterung, also die Total-Misch-Ration, geht auf eine Semesterarbeit von Gabriel zurück. Dabei beschäftigte er sich intensiv mit Raufutter in der Schweinefütterung. Die Literatur zeigte ihm klar, dass Schweine in natürlicher Umgebung sehr gerne grasen. Er entwickelte ein Fütterungstool, mit dem sich Grasmischungen in die Fütterungsberechnung einbeziehen lassen. Heute bekommen die Sauen jeden Morgen eine Mischung aus Heu, Silage und Kraftfutter, welche teilweise mit aussortierten Äpfeln oder Karotten ergänzt wird. Das Kraftfutter wurde deutlich reduziert. «Die zwei grossen Hauptvorteile sind sicher, dass man nicht nur bedarfsgerecht füttern kann, sondern auch artgerecht», sagt Gabriel Ruckli. Gleichzeitig könne ein Teil des Proteinbedarfs mit hofeigenem Raufutter gedeckt werden. Das senke die Futterkosten, reduziere die Konkurrenz zur menschlichen Ernährung und passe auch gut zur Fruchtfolge. «Jetzt können wir fast alles Grundfutter unserer Flächen selbst verbrauchen und wir müssen dafür weniger Getreide zukaufen», erklärt er.

Auch das zweite grosse Projekt ist direkt aus einer wissenschaftlichen Arbeit heraus entstanden. Während eines Austauschsemesters in Holland hörte Antonia von einem Gruppensäugesystem, bei dem Sauen bereits während der Laktation wieder besamt werden. Die Sauen werden ab der fünften Laktationswoche jeweils 10 Stunden pro Tag von den Ferkeln getrennt und können so nach ein paar Tagen besamt werden. Die Idee faszinierte sie sofort: «Ich hatte vorher noch nie gehört, dass man das überhaupt machen kann», sagt sie. Während bei Schweinen in der üblichen Praxis erst abgesetzt und danach wieder besamt wird, interessierte sie das alternative System sofort. Sie organisierte sich die Daten eines Versuchs, schrieb ihre Masterarbeit darüber – und brachte die Idee anschliessend mit nach Hause.

«Mit jedem Schritt, den man über das Minimum hinaus macht, mit jedem Schritt, den man weitergeht, wird das Netzwerk grösser.»
Gabriel Ruckli
Agronom und Betriebsleiter

Ein Hof als Lernort – auch für andere

Angefangen hat alles improvisiert: Mit zusammengesetzten alten Abferkelbuchten und ersten kleinen Testversuchen. Doch die Resultate überzeugten und die Sauen kamen auch ohne klassisches Absetzen gut in die Rausche. Also wurde schrittweise weiterentwickelt, umgebaut und angepasst. Seit 2018 werden auf dem Betrieb alle Sauen in diesem System gedeckt und die Ferkel entsprechend abgesetzt. Der Gruppensäugestall wurde so konzipiert, dass er einfach mit dem Hoflader auszumisten und einzustreuen ist. «Wir verfolgen ein Low-Cost-System gekoppelt mit hohen Tierwohlansprüchen», sagt Antonia. So halten sich Produktion und Tierwohl trotzdem wirtschaftlich die Balance. Denn «wirtschaftlich muss es stimmen», betonen beide. Hier verdichtet sich vieles von dem, was die beiden antreibt: Nicht maximale Leistung um jeden Preis, sondern ein System, das Tierwohl, Wirtschaftlichkeit und Praxistauglichkeit miteinander verbindet.

«Wir haben heute quasi unseren eigenen Forschungsbetrieb, wo wir selbst neue Systeme entwickeln können», sagt Antonia Ruckli. So beeinflussen sich Studium und Betrieb gegenseitig – bis heute. «Von zuhause her war ich total fasziniert von Schweinen und darum habe ich das dann auch so intensiv während meinem Studium verfolgt – die Freude am Tier hat mich angetrieben» erklärt sie und ergänzt: «Heute beeinflussen unsere Studien wiederum den Betrieb und so ist der Kreislauf geschlossen.»

«Es ist wichtig, dass studierte Leute wieder zurück in die Praxis gehen»

Was auf dem Hof entsteht, bleibt zudem nicht auf dem Hof. Antonia und Gabriel werden regelmässig für Vorträge eingeladen, bei denen sie das Haltungssystem und das Fütterungssystem vorstellen. So erweitern beide bis heute ihr Netzwerk – für Gabriel ein zentraler Punkt von Bildung und Weiterbildung. «Mit jedem Schritt, den man über das Minimum hinaus macht, mit jedem Schritt, den man weitergeht, wird das Netzwerk grösser», sagt er. Gerade bei Semester-, Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten arbeite man meist in Projekten mit verschiedenen Fachpersonen und Institutionen zusammen. «Es ist wichtig Brücken zwischen Praxis, Politik und Forschung zu bilden», erläutert er.

Trotzdem gebe es immer wieder die Reaktion, dass es doch keinen Sinn mache, so viel zu studieren und dann wieder auf den Hof zurückzukehren. Für Antonia ist gerade das zu kurz gedacht: «Gerade weil wir so viel studiert haben, ist es wichtig, dass gut ausgebildete Menschen wieder in die Praxis gehen – um Systeme weiterzuentwickeln, Wissen zu teilen und Veränderungen direkt vor Ort umzusetzen», sagt sie. «Wir sehen uns als Inspiratoren für eine nachhaltige Landwirtschaft», betont sie weiter.

Auch Gabriel ist überzeugt, dass Bildung in der Landwirtschaft kein Luxus ist. «Unser Vater hat immer gesagt, an der Bildung trägst du nicht schwer», erzählt er. So ist Bildung für Antonia und Gabriel Ruckli Werkzeug, Antrieb und Brücke zugleich: Zwischen Forschung und Stall, zwischen Idee und Umsetzung, zwischen dem, was Landwirtschaft heute ist, und dem, was sie morgen sein könnte. Und wenn man den beiden zuhört, spürt man schnell: Dieser Betrieb ist mehr als ein Arbeitsplatz – er ist Familiengeschichte, Zukunftsprojekt und gemeinsamer Denkraum. Und so ziehen beide am gleichen Strick für eine Landwirtschaft, die offen bleibt, sich weiterentwickelt und das vorhandene Wissen nicht nur sammelt, sondern wirken lässt.

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