Auf den Bergfeldern im Puschlav wächst wieder Getreide

Mit Pioniergeist und Überzeugung bauen Puschlaver Bauern seit elf Jahren wieder Getreide auf Höhen bis 1’000 Metern an. Das ermöglicht es Abnehmern wie Bäckern und Köchen, Produkte mit dem Label «100% Valposchiavo» anzubieten.
Zuletzt aktualisiert am 4. August 2026
von Monika Neidhart
6 Minuten Lesedauer
Berg Alpgebiete Berglandwirtschaft Val Poschiavo Pexels
Im Val Poschiavo auf bis zu 1’000 Meter über Meer zwischen Bergflanken, die bis auf 3’000 Meter hinauf ragen, wächst wieder Getreide. (pexels)

«Wer im Tal leben will, muss vom Tal leben» – das gilt besonders auch für die Bevölkerung des Puschlav. Es ist das südlichste der 150 Täler Graubündens. Der Kantonshauptort Chur liegt 120 Kilometer und über zwei Autostunden entfernt. Wer mit der Rhätischen Bahn auf der UNESCO-Welterbe-Strecke Albula/Bernina anreist, blickt nach Alp Grüm immer wieder ins Tal, das im Westen und Osten von über dreitausend Meter hohen Bergketten begrenzt wird. Zu sehen sind der Lago di Poschiavo und bald auch die schiefergedeckten Dörfer. Auffallend sind die goldgelben Felder zwischen dem Hauptort Poschiavo und Le Prese, die im Juli aus den grünen Wiesen herausleuchten. Dass hier auf knapp 1’000 Höhenmeter Weichweizen, Roggen, Dinkel, Gerste, Mais und das Pseudogetreide Buchweizen angebaut werden, ist eine Pionierleistung der Landwirtinnen und Landwirte, die sich vor knapp 20 Jahren auf ihr kulturelles Erbe besannen.

Jahrhunderte altes Wissen ging in den 1960er-Jahren verloren

Der Getreideanbau im Puschlav geht auf die Römer zurück. Sie brachten ihn um 16 v. Chr. ins Tal. Da das Korn auch über den Winter gelagert werden konnte, war fortan eine ganzjährige Besiedlung möglich. Doch die Voraussetzungen für den Ackerbau sind schwierig. Auf der schmalen Talebene ist der Boden lehmig und schwer. Die Terrassenlandschaft am Fusse der Berghänge, die wohl im 16. Jahrhundert angelegt wurde, ist klein und aufwändig in der Bewirtschaftung. Als die Importe immer billiger wurden, stellten die Landwirtschaftsbetriebe vollständig auf Milchwirtschaft um. Jahrhunderte altes Wissen und angepasstes Saatgut gingen verloren.

Daniele Raselli war einer von sieben Bauern, die 2007 gemeinsam einen Mähdrescher kauften und den Getreideanbau wieder aufnahmen: «Auf dem Feld hatte ich mässig Erfolg», erklärt er. «Ich probierte fünf, sechs Sorten Buchweizen aus – doch das Unkraut überwucherte alles», blickt der heute pensionierte Bauer, der einst an der ETH Agronomie studierte, auf die Anfänge zurück. Das Wissen muss Schritt für Schritt wieder aufgebaut werden. Das gilt auch für die Verarbeitung der Ernten und die Vermarktung. Zu diesen Zwecken wurde 2015 die Cooperativa Campicoltura gegründet. Aktuell gehören ihr 21 Landwirtschaftsbetriebe an, die auf 14 Hektar Getreide anbauen. Davon sind rund 74 Prozent Weichweizen, gefolgt von Gerste mit 10 Prozent und Buchweizen mit knapp 9 Prozent. Die Anbauflächen sind aufgrund des engen Tals klein und variieren zwischen 20 und 100 Aaren. «Statistisch können wir damit den Bedarf der 4’500 Einwohner und Einwohnerinnen des Tals zu 11 Prozent decken», weiss Rosalie Aebi Battilana.

«100% Valposchiavo»

Das Label «100% Valposchiavo» garantiert Produkte aus regionaler Wertschöpfung. Es werden ausschliesslich Rohstoffe mit Herkunft aus der Valposchiavo verwendet, die auch im Tal verarbeitet werden.

 

Fait sü in Valposchiavo

Produkte, die nach authentischen Rezepten und Wissen im Puschlav hergestellt. Die Rohstoffe können, falls sie nicht im Tal erhältlich sind, auch von ausserhalb stammen.

Die Genossenschaft Cooperativa Campicoltura übernimmt die Ernten

Die 40-jährige Jurassierin studierte Agronomie in Zollikofen und kam der Liebe wegen ins Tal. Als Bäuerin ist sie selbst mit Überzeugung dabei. Derzeit bringt die vierfache Mutter ihren Emmer zur Marktreife. Gleichzeitig ist sie in der Cooperativa für die Koordination zwischen den Produzentinnen und Produzenten, die Anbauplanung und das Saatgutmanagement zuständig. Sie berät ihre Kollegen so weit als möglich. Sie alle lernen von Jahr zu Jahr. So mussten sie 2024 grosse Ausfälle beim Weichweizen aufgrund von Mutterkorn hinnehmen.

Was hilft? Beim biologischen Anbau stehen wenige Möglichkeiten zur Verfügung. Wie bekämpfen wir das Unkraut und welche Bodenbearbeitung ist für welches Getreide die richtige? Reicht das Striegeln, braucht es ein Pflügen oder genügt die Federzahnegge, die den Boden zwar öffnet, aber deren Struktur nicht zerstört? Neben Beobachtung und Erfahrungen helfen ihnen vereinzelte Austausche mit dem Landwirtschaftszentrum Plantahof, dem Saatguthändler sowie die Überzeugung, dass der Getreideanbau im Tal Sinn macht. Denn ohne das geht es nicht. Trotz einiger Maschinen bleibt viel Handarbeit, sei es bei der Unkrautbekämpfung oder auch dem Pflücken der Maiskolben von Hand.

Die Genossenschaft nimmt ihren Mitgliedern die Ernte zu einem Preis ab, der dem von Gran Alpin entspricht. Da die Kapazität in der Getreidesammelstelle Molino Pastificio limitiert ist, muss jeder Betrieb sein Getreide selbst trocknen und lagern bis es abgerufen wird. Die glutenfreien Mais- und Buchweizenkörner werden in der historischen Mühle in San Carlo mit einer Steinmühle gemahlen. Weizen und Roggen werden in der Molino Pastificio in Poschiavo gemahlen. Die weitere Verarbeitung ist dem Betrieb bei den kleinen Mengen allerdings zu aufwändig. Entsprechend musste die Vereinigung Lösungen ausserhalb des Tales finden. Das Entspelzen und die Vermahlung von Dinkel und Emmer übernimmt die Maismühle Landolt in Näfels. In Promontogno werden Dinkel- und Weizenspaghetti sowie Pizzocheri hergestellt.

«100% Valposchiavo» als starker Partner

Das seit 2019 bestehende Label «100% Valposchiavo» steht für Produkte, die aus lokalen Zutaten und im Tal hergestellt wurden. Für die Vermarktung der Getreideprodukte ist es von zentraler Bedeutung. 60 Betriebe, darunter Hotels und Restaurants, Bäckereien und Käsereien haben sich dem Label «100% Valposchiavo» angeschlossen. Doch auch hier braucht es den Glauben an den längerfristigen Mehrwert. Orlando Lardi von der Hostaria del Borgo in Poschiavo bringt es auf den Punkt: «Es wäre einfacher und günstiger, im Grosshandel einzukaufen – doch dafür haben wir qualitativ hochwertige Produkte und einen Bonus beim Tourismus».

Die Gastronomie ist der grösste Abnehmer. Allein Ornella Isepponi verarbeitet in ihrem Restaurant Motrice in Poschiavo 750 Kilogramm Buchweizen und Weizen pro Jahr. In beiden Betrieben stehen traditionelle Puschlaver Gerichte wie Capunet, Taiadin oder Pizzocheri auf der Speisekarte. Im Sporthotel in Le Prese wird der Pizzateig aus heimischem Mehl zubereitet und das Hotel Le Prese kreiert neue Gerichte als Amuse-Bouche oder auch Gnocchi auf einem Fondue von Saoseokäse mit Steinbockragout – ausgezeichnet mit dem Label «100% Valposchiavo». Bäcker Giorgio Bordoni bietet Brasciadèla, das traditionelle Ringbrot mit Anis mit Roggenmehl und ein Dinkelbrot mit dem Label «100% Valposchiavo» an. Da nicht die ganze Kundschaft den kleinen Aufpreis für die teureren Rohstoffe aus dem Tal bezahlen möchte, bietet er auch Produkte mit Mehl von ausserhalb des Tals an. Die ausgebildete Hauswirtschaftslehrerin Loreta Ferrari schätzt das lokale Mehl. Sie beschreibt es als aromatischer, feiner und leichter verdaulich.

Cooperativa Campicoltura Valposchiavo

  • Gründung: 2015
  • Präsident: Silvio Rossi, Prada
  • Mitglieder: 21 Bauernhöfe
  • Ziele: Anbau von Getreide wie Weizen, Roggen, Dinkel, Gerste, Mais und Emmer sowie Buchweizen nach den Schweizer Biorichtlinien. Vermarktung von Mehlen, Getreide und Teigwaren in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern.

 

Kontakt: Cooperativa Campicoltura Valposchiavo, Prada 171, 7745 Li Curt
[email protected]

Die Arbeit geht weiter

Damit das Getreide im Tal weiterhin eine Chance hat, gibt es laut Rosalie Aebi Battilana und Daniele Raselli weitere Aufgaben für die Genossenschaft zu lösen. Dazu gehören die Suche nach angepasstem biologischem Saatgut, der Bau einer Lagerhalle, verbesserte Lieferketten und nicht zuletzt auch eine fairere Honorierung der Vorstandsarbeit. Das heisst in erster Linie, die heimische Nachfrage nach lokalen Mehlen und Körnern zu erhöhen – auch gegen den Preisdruck der Grossverteiler und des nahen Auslands. «Der gesundheitliche Wert der biologischen, vor Ort produzierten Nahrungsmittel darf dabei stärker betont werden», nennt Daniele Raselli ein Kaufargument.

Alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette sind überzeugt, dass der Anbau des Getreides im Tal trägt zum landschaftlichen Reiz und zur Biodiversität beiträgt. Dazu sind herzhafte, echte Gerichte vom «Feld direkt auf den Tisch» möglich. Das sind starke Argumente für den Tourismus, vor allem können damit Arbeitsplätze im Tal erhalten bleiben.