Slow Water: Die Antwort auf den Dürresommer 2026 – und alle Sommer, die noch folgen
Wie Bruno Zumbrunn müssen viele Landwirte und Landwirtinnen wegen Dürre schon im Sommer ihr Winterfutter aufbrauchen....
Mal fehlt Wasser über Wochen, mal fällt in kurzer Zeit so viel, dass es oberflächlich abfliesst, fruchtbaren Boden mitreisst und Bäche rasch anschwellen lässt. Mit dem Klimawandel dürften beide Extreme häufiger und ausgeprägter auftreten. Für die Landwirtschaft wird damit entscheidend, Niederschläge besser zu nutzen und Wasser länger in Böden und Landschaften zu halten.
Seit Anfang Februar 2026 widmet sich ein neues Netzwerk dieser Aufgabe. Das bei Wasser-Agenda 21 angesiedelte Netzwerk Schwammland wird vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) und zwölf Kantonen finanziert und läuft vorerst bis Ende 2029. Es soll Akteure aus Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Wasserwirtschaft, Natur- und Landschaftsschutz, Raumplanung, Verwaltung und Forschung zusammenbringen. Im Mittelpunkt steht eine einfache, in der Umsetzung aber anspruchsvolle Idee: Regenwasser soll möglichst dort zurückgehalten werden, wo es fällt.
«Eine Schwammlandschaft ist eine Landschaft, die Regenwasser wie ein Schwamm aufnehmen, speichern und zeitverzögert wieder abgeben kann», erklärt Projektleiter Georg Odermatt. Dafür sollen die natürlichen Speicherfunktionen von Böden, Vegetation, Gewässern und Grundwasser gestärkt werden.
Hinter dem Begriff steht keine einzelne Technik. In der Landwirtschaft reichen mögliche Ansätze von bodenschonender Bewirtschaftung über Agroforstsysteme bis zu Retentionsteichen, Versickerungsgräben oder dem sogenannten Keylinedesign, bei dem Wasser gezielt entlang der Geländeform verteilt wird. Im Wald kann Wasser in Entwässerungsgräben zurückgehalten werden, bei Gewässern können Revitalisierungen die natürliche Speicherwirkung verbessern.
Georg Odermatt warnt zugleich vor einem Missverständnis: «Schwammland bedeutet nicht, dass möglichst viele Landwirtschaftsflächen vernässt werden sollen.» Welche Massnahme sinnvoll sei, hänge vom Standort und von der Nutzung ab. Viele Lösungen bedingten keine Aufgabe der Produktion, sondern könnten einen Betrieb gegenüber Trockenheit und Starkniederschlägen widerstandsfähiger machen.
Neu ist weniger die Idee des Wasserrückhalts als der Versuch, das vorhandene Wissen systematisch über Fachgrenzen hinweg zu verbinden. In der Schweiz gibt es bereits zahlreiche Pilotprojekte und Erfahrungen. Sie entstanden laut Georg Odermatt jedoch häufig innerhalb einzelner Sektoren. Entsprechend verteilt sind Wissen, Zuständigkeiten und Finanzierungsinstrumente.
«Wir wollen keine Parallelstrukturen schaffen, sondern eng mit bestehenden Organisationen und Initiativen zusammenarbeiten», sagt Georg Odermatt. Das Netzwerk versteht sich in erster Linie als Wissens-, Austausch- und Vernetzungsplattform. Es kann übergeordnete Projekte anstossen, Pilotvorhaben begleiten und sich an Projekten von Partnerorganisationen beteiligen. Einzelne bauliche Massnahmen auf einem Betrieb finanziert es dagegen nicht.
Für die Landwirtschaft ist der Schwammlandansatz in zweifacher Hinsicht relevant. Betriebe sind unmittelbar betroffen, wenn Kulturen unter Trockenheit leiden oder wenn Starkregen zu Erosion und Oberflächenabfluss führt. Gleichzeitig bewirtschaften sie einen grossen Teil der Landschaft und können damit den Wasserhaushalt mitbeeinflussen.
«Die Landwirtschaft spielt eine zentrale Rolle», sagt Georg Odermatt. Isoliert lasse sie sich jedoch nicht betrachten. Die grösste Wirkung entstehe, wenn Massnahmen in einem ganzen Einzugsgebiet zusammenspielten. Das kann bedeuten, dass ein Betrieb Wasser auf seinen Flächen zurückhält, während ober- und unterhalb davon weitere Massnahmen im Wald, an Gewässern oder im Siedlungsraum greifen.
Im Netzwerk ist die Landwirtschaft deshalb sowohl im strategischen Lenkungsausschuss als auch in der breit abgestützten Impulsgruppe vertreten. Hinzu kommen Kooperationen mit der landwirtschaftlichen Beratung und Organisationen wie AGRIDEA sowie der Austausch mit dem Ressourcenprojekt «Slow Water» des Bundesamts für Landwirtschaft. Exkursionen und Webinare sollen Landwirtinnen und Landwirte direkt erreichen.
Seit dem Start hat das Netzwerk zunächst die Bedürfnisse der beteiligten Bereiche erhoben und seine Gremien aufgebaut. Gleichzeitig fanden erste Austauschformate statt. An einem Webinar zum europäischen Forschungsprojekt SpongeScapes nahmen nach Angaben des Netzwerks rund 180 Personen teil. Eine Exkursion zu künstlichen Biberdämmen im Tössertobel brachte rund 30 Interessierte zusammen.
Auf einer neuen Infoplattform sammelt das Netzwerk Praxisbeispiele, Werkzeuge, Finanzierungsmöglichkeiten und Veranstaltungen. Für Betriebe soll daraus vor allem Orientierung entstehen: Welche Massnahme eignet sich für welchen Standort, wie lässt sie sich umsetzen und welche Unterstützung kommt infrage? Bestehende Grundlagen wie der Massnahmenkatalog von «Slow Water» sollen leichter zugänglich und mit weiteren Beispielen und Arbeitshilfen ergänzt werden.
Wie viel Wasser sich mit den verschiedenen Ansätzen tatsächlich zurückhalten lässt, ist allerdings längst nicht für alle Massnahmen und Standorte geklärt. Manfred Stähli, Leiter der Forschungseinheit Gebirgshydrologie und Massenbewegung an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und Mitglied des Lenkungsausschusses, unterscheidet deshalb zwischen Erfahrungswissen und quantitativen Nachweisen.
«Zu den verschiedenen Schwammland-Massnahmen gibt es recht viel Erfahrungswissen», sagt Manfred Stähli. Dieses sei in der Regel gut begründet und werde unter Fachleuten weitergegeben. Häufig fehlten jedoch Messdaten oder theoretische Berechnungen dazu, wie gross die Wirkung auf einem ganzen Feld oder in einem kleinen Einzugsgebiet ist.
Hinzu kommt, dass die Massnahmen sehr unterschiedlich funktionieren. Ein Retentionsteich speichert Wasser anders als ein Agroforstsystem, ein Versickerungsgraben anders als eine angepasste Bodenbearbeitung. Ihre Wirkung hängt unter anderem von Bodenart, Gefälle, Bewirtschaftung und Niederschlagsintensität ab. Einige Massnahmen können bei Starkregen einen Beitrag leisten, andere wirkten vor allem lokal oder zielen stärker auf die Wasserversorgung während trockener Phasen, so Manfred Stähli.
Lokal lässt sich eine Wirkung am ehesten messen. Schwieriger wird es, wenn der Blick von einer Parzelle auf ein ganzes Einzugsgebiet wechselt. «Je grösser die räumliche Skala wird, umso schwieriger wird es, die Wirkung von einzelnen Massnahmen aufzuzeigen», erklärt Manfred Stähli. Auf Ebene eines Einzugsgebiets lasse sich der Beitrag einer einzelnen Massnahme anhand von Messungen meist kaum mehr isolieren. Dafür brauche es numerische Modelle.
Forschungsprojekte sollen diese Lücke verkleinern. Als prominentes Beispiel nennt Manfred Stähli das laufende Projekt «Slow Water» der Universität Basel. Es untersucht unter anderem, wie Standort, Bewirtschaftung und Stärke der Niederschläge die Wirkung beeinflussen. Verlässlichere Antworten erwartet er in einigen Jahren. Bis dahin sind pauschale Wirkungsversprechen mit Vorsicht zu behandeln: Was auf einer Fläche sichtbar funktioniert, muss sich nicht im gleichen Ausmass auf ein ganzes Einzugsgebiet übertragen lassen.
Neben der Wirkung ist die Finanzierung eine der schwierigsten Fragen. Eine Massnahme auf Landwirtschaftsland kann dem Betrieb selbst nützen, indem sie Wasser länger verfügbar hält oder Erosion vermindert. Gleichzeitig können Gemeinden, Unterlieger, Hochwasserschutz, Biodiversität oder Grundwasserneubildung davon profitieren.
«Gerade weil Schwammland-Massnahmen mehrere Leistungen gleichzeitig erbringen können, sollte auch die Finanzierung sektorübergreifend gedacht werden», sagt Georg Odermatt. Damit kommen neben landwirtschaftlichen Förderinstrumenten möglicherweise auch Mittel aus anderen Bereichen infrage. In der Praxis sei jedoch oft unklar, welche Beiträge von Bund, Kantonen, Gemeinden oder Stiftungen kombiniert werden können. Das Netzwerk will diese Möglichkeiten übersichtlicher aufbereiten und die zuständigen Stellen miteinander verbinden.
Die organisatorischen Hürden sind ähnlich gelagert. Landwirtschaft, Wasserbau, Naturschutz, Gemeinden und Grundeigentümer verfolgen nicht immer dieselben Ziele. Hinzu kommen Bewilligungsverfahren und die Frage, ob die nötigen Flächen verfügbar sind. Wasserrückhalt ist deshalb selten allein eine Entscheidung des einzelnen Betriebs.
Bis Ende 2029 will das Netzwerk die Akteure stärker vernetzen, praxisrelevantes Wissen zugänglich machen, Wissenslücken und Umsetzungshindernisse bearbeiten und den Schwammlandansatz stärker in Planung und Praxis verankern. Finanziert wird die Arbeit zu rund einem Drittel vom BAFU und zu rund zwei Dritteln von den beteiligten Kantonen Bern, Zürich, Genf, St. Gallen, Aargau, Freiburg, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Obwalden, Thurgau, Waadt und Zug. Weitere Kantone können hinzukommen.
Ob das Netzwerk erfolgreich ist, soll sich nicht allein an der Zahl seiner Veranstaltungen oder Publikationen zeigen. Georg Odermatt nennt neue Kooperationen, die Nutzung der Angebote und die Verankerung des Ansatzes in konkreten Planungen und Projekten als wichtigere Kriterien. Ende 2029 ist eine umfassende Standortbestimmung vorgesehen, die auch über eine Fortführung ab 2030 entscheiden soll.
Damit der Schritt von einzelnen Pilotprojekten in die Breite gelingt, braucht es neben Beratung und Finanzierung vor allem nachvollziehbare Antworten: Wo wirkt eine Massnahme, wie gross ist ihr Nutzen, was kostet sie und wer profitiert davon? Das Netzwerk kann diese Fragen nicht allein lösen. Es kann aber dafür sorgen, dass Landwirtschaft, Forschung, Behörden und weitere Beteiligte sie gemeinsam bearbeiten.
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