«Führung bedeutet, Orientierung zu geben und nicht, alles zu kontrollieren»
Daniela Ruoss, Geschäftsführerin der Ricola Schweiz AG, über Landwirtschaft als Partnerin, unternehmerischen Mut und ...

Was bedeutet Führung in einem landwirtschaftlichen Betrieb, der gleichzeitig Produzent, Unternehmer, Dienstleister, Innovator und Arbeitgeber ist? Die Antwort beginnt bei Samuel Guggisberg nicht bei Maschinen oder Märkten, sondern beim Vertrauen in die eigene Führungsfähigkeit und mit einer offenen Haltung.
Damit beschreibt er nicht nur eine betriebswirtschaftliche Strategie, sondern ein Führungsverständnis. Zukunftsgestaltung bedeutet für ihn, heute Entscheidungen zu treffen, die auch morgen noch tragen. Unabhängig davon, ob eines seiner drei Kinder den Hof eines Tages übernimmt oder nicht.
1977 übernahmen die Eltern von Samuel Guggisberg den Betrieb in Zimmerwald mit elf Hektaren Land auf 900 Metern über Meer. Ein Berater sagte ihnen damals offen, dass sich mit dieser Fläche künftig keine Familie ernähren lasse. Die Eltern reagierten mit einer strategischen Entscheidung und spezialisierten sich auf den Kartoffelbau.
Heute ist daraus ein vielseitiger Betrieb entstanden. Wachstum um jeden Preis steht dabei nicht im Zentrum, sondern Verantwortung und Zukunft.
2010 übernahm Samuel Guggisberg den elterlichen Hof. Wie seine Eltern setzt auch er auf mehrere Standbeine. Die Kartoffel bleibt dabei ein wichtiges wirtschaftliches Fundament. «Das eine hat dann das andere ergeben», sagt er. «Zu Spitzenzeiten ernteten wir über 200 Hektaren Kartoffeln, natürlich vieles als Dienstleistung», erklärt Samuel Guggisberg weiter.
Parallel dazu wurde der Betrieb schrittweise erweitert. 2010 kam die Siloreinigung hinzu. Ein schweizweit gefragtes Angebot, das saison- und wetterunabhängig funktioniert. Daraus entwickelte sich später ein weiterer Betriebszweig: die Desinfektion von Gewächshäusern, Lagern und Ställen.
«Die ersten Jahre haben wir damit kein Geld verdient – im Gegenteil, der Betrieb musste das tragen», so Samuel Guggisberg. Heute stabilisiert dieser Bereich die Liquidität und hilft, Schwankungen auszugleichen.
Auch die Pouletmast in einem Minergie-Plus-Stall entstand nicht aus reiner Expansionslust, sondern aus strategischer Überlegung. Das Projekt betreibt er gemeinsam mit einem Nachbarn. «Man darf Chancen nicht blind ergreifen, aber auch nicht vorschnell ablehnen», erklärt der Landwirt. Erst als klar wurde, dass das Projekt innovativ und energetisch zukunftsweisend sein würde, «hat es Klick gemacht».
Neue Betriebszweige entstehen bei Samuel Guggisberg nicht aus Aktionismus, sondern aus Analyse, Gesprächen und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Sein Verständnis von Führung basiert darauf, langfristig zu denken, kurzfristige Unsicherheiten auszuhalten und Entscheidungen reifen zu lassen.
Für den landwirtschaftlichen Unternehmer bedeutet das konkret, eine klare Richtung vorgeben und gleichzeitig loslassen können. Rund acht feste Mitarbeitende arbeiten ganzjährig im Betrieb, in der Saison bis zu fünfzehn. Personalführung ist für ihn deshalb zentral: «Wir haben unseren Betrieb so aufgestellt, dass wir die Leute das ganze Jahr beschäftigen können – in der Saison muss ich nicht erst noch Leute suchen.»
Ganzjahresarbeitsplätze schaffen Stabilität und binden Mitarbeitende. Dabei setzt Samuel Guggisberg bewusst auf Vertrauen statt Kontrolle. Gerade im Winter, wenn weniger Zeitdruck herrscht, lässt er seinen Mitarbeitenden bewusst Freiraum. «Ich muss nicht jeden Tag sagen, was sie tun sollen», sagt Samuel Guggisberg, «sie sollen sich schliesslich auch entwickeln können.» Eigenverantwortung ist Teil seiner Führungsphilosophie: Entwicklung entsteht nicht durch Anweisung, sondern durch Vertrauen.
Das entlastet auch ihn selbst und schafft Raum für das Familienleben. «Ich will auch die Zeit mit meinen Kindern geniessen, solange sie klein sind», erklärt er, «es braucht ein Mittelmass.»
«Mein Ziel ist, den Betrieb so weiterzuentwickeln, dass er übergabefähig ist, also enkeltauglich», sagt Samuel Guggisberg. Ob eines seiner drei Kinder den Hof später übernehmen wird, ist offen. Dennoch müsse der Betrieb so aufgestellt sein, dass er langfristig tragfähig bleibt.

Ein prägender Moment war der Tod seines Vaters nur kurz nach der Hofübernahme. Plötzlich lag die gesamte Verantwortung bei ihm. «Ich bin ins kalte Wasser geworfen worden», erinnert er sich. Gleichzeitig habe er enormen Rückhalt aus Nachbarschaft und Umfeld erfahren. Diese Erfahrung hat sein Führungsverständnis nachhaltig geprägt: Zusammenarbeit ist kein Schlagwort, sondern eine Voraussetzung für Entwicklung.
«Gemeinsam kommt man weiter – wenn man sich öffnet, kommt auch etwas zurück», so der Landwirt. Zukunft gestalten bedeutet für ihn deshalb auch, Beziehungen zu pflegen, Netzwerke aufzubauen und Hilfe annehmen zu können.
Kartoffelanbau ist anspruchsvoll, politisch, gesellschaftlich, klimatisch. Wirkstoffe fallen weg, Rahmenbedingungen ändern sich. Samuel Guggisbergs Antwort darauf ist Diversifikation: geografisch, sortenmässig, strukturell. Früher gab es zwei Kartoffelabnehmer, heute fünf bis sechs. «Als einer aufgekauft wurde und uns von einem Jahr aufs andere 50 Prozent der Verträge gekürzt wurden, habe ich mir gesagt, dass mir das nie mehr passiert», betont er.
Fehlentscheidungen gehören für ihn zum Unternehmertum dazu. Entscheidend sei, wie schnell man daraus lerne. «Es gibt keine Situation, die nur negativ ist», erklärt Samuel Guggisberg.
Risikomanagement sei kein einmaliger Entscheid, sondern ein ständiges Denken in Alternativen. Und manchmal müsse man auch einfach akzeptieren, dass nicht alles perfekt läuft, so der Landwirt: «Nicht zu lange aufregen – Lehren ziehen und weitermachen.»
Preisdumping lehnt Samuel Guggisberg klar ab. «Ich mache keinen Preiskampf, meine Kunden sollen entscheiden, ob sie mit uns arbeiten wollen», erklärt er und ergänzt: «Wir bringen Qualität und das hat seinen Preis.»
Das gilt auch für Dienstleistungen wie Pflanzenschutz oder Siloreinigung, wo hohe Verantwortung mitschwingt. «Wenn in einem Silo Futtermittel im Wert von über einer halben Million Franken pro Jahr lagern, kann man sich keine Schlamperei leisten», sagt Samuel Guggisberg.
Preise werden deshalb nicht situativ verhandelt, sondern basieren auf Kalkulation und Verantwortung. «Ich habe Löhne zu zahlen, Maschinen werden nicht billiger – wir müssen effizienter werden, nur um die gestiegenen Kosten tragen zu können», erläutert er weiter.
Trotz aller strategischen Überlegungen spürt man vor allem eines: Leidenschaft. Für die Kartoffeln, für Technik, für Entwicklung. «Wenn ich das nicht gerne machen würde, wären Druck und Risiko riesige Probleme», erklärt Samuel Guggisberg.
Im Feld stehen, Kartoffeln ausgraben, Kulturen beobachten, über Nährstoffe und Pflanzenschutz nachdenken – all das gehört für ihn dazu. «Da lebe ich dafür», betont er.
Eine haargenaue 10-Jahres-Strategie verfolgt Samuel Guggisberg aber nicht. Stattdessen orientiert er sich an klaren Grundprinzipien: Nischen suchen, Qualität hochhalten, Stabilität sichern, investieren, ohne den Betrieb auszuhungern. Und die Freude an der Arbeit behalten.
«Vielleicht könnten wir weniger machen und hätten Ende Jahr nicht weniger – die Frage ist, ob wir dann stabiler wären», so der Landwirt. Für ihn geht es nicht um maximale Grösse, sondern um Resilienz.
Zukunftsgestaltung ist für ihn deshalb kein fixes Zielbild, sondern ein laufender Prozess.
Am Ende bleibt weniger ein Geschäftsmodell als eine Haltung: Verantwortung übernehmen, Chancen prüfen, Risiken verteilen, Menschen entwickeln und bereit sein, loszulassen. «80 Prozent der Sorgen treffen nicht ein», sagt Samuel Guggisberg. Vielleicht liegt genau darin der Kern seiner Führungsphilosophie: Mut zur Entscheidung und Vertrauen in den eigenen Weg.
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