Kreislaufwirtschaft: Es geht nicht um den perfekten Kreis

Die Landwirtschaft produziert Lebensmittel, Energie, Dünger und Rohstoffe. Gleichzeitig verbraucht sie Futtermittel, Treibstoffe, Maschinen und andere Ressourcen. Zwischen Hof, Verarbeitungsbetrieben und Konsumenten entstehen unzählige Stoffkreisläufe. Doch wie geschlossen sind diese Kreisläufe tatsächlich?
Symbolbild Kreislauf Landwirtschaft KI Chatgpt
Durch die steigende Spezialisierung ist das Lebensmittelproduktionssystem immer stärker linear geworden. (KI-generiert mit ChatGPT)

Kreislaufwirtschaft ist eines der grossen Schlagworte unserer Zeit. Doch was genau dahintersteckt, wird oft unterschiedlich verstanden. Während die einen an Recycling denken, verbinden andere den Begriff mit Reparieren, Wiederverwenden oder regionalen Wertschöpfungsketten.

«Es geht darum, dass Ressourcen, Produkte und Materialien möglichst effizient und werterhaltend im Umlauf bleiben», bringt Viviane Pfister von Swiss Recycle das Prinzip auf den Punkt. Statt einer Wegwerfgesellschaft soll eine Kreislaufgesellschaft entstehen, in der Rohstoffe geschont und Verluste möglichst vermieden werden. Dazu gehören Strategien wie Reparieren, Wiederverwenden, Umnutzen und erst am Schluss das Recycling.

Landwirtschaft arbeitet bereits in Kreisläufen

Auf den ersten Blick scheint die Landwirtschaft der Inbegriff einer Kreislaufwirtschaft zu sein. Pflanzen entziehen dem Boden Nährstoffe, Tiere verwerten Pflanzen, Mist und Gülle gelangen zurück auf die Felder und fördern neues Wachstum. Besonders wichtig sind dabei die Nährstoffkreisläufe von Stickstoff, Phosphor und Kalium. Hofdünger wie Mist und Gülle tragen dazu bei, diese Nährstoffe im System zu halten und die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten.

Doch die Realität ist komplexer: «Durch die steigende Spezialisierung ist das Lebensmittelproduktionssystem immer stärker linear geworden – Tierproduktion und Ackerbau sind immer häufiger getrennt, doch so sind kaum Kreisläufe möglich», sagt Alice Aubert von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Wo früher Tiere und Ackerbau oft auf demselben Betrieb vereint waren, sind heute viele Produktionszweige räumlich getrennt. Dadurch entstehen Stoffströme, die weit über den einzelnen Hof hinausreichen.

Zudem ist die moderne Landwirtschaft auf zahlreiche externe Inputs angewiesen. Futtermittel, Mineraldünger, Energie, Maschinen, Pflanzenschutzmittel oder Verpackungen stammen häufig von ausserhalb des Betriebs. Ein vollständig geschlossener Kreislauf bleibt deshalb eine Ausnahme.

Fünf Fragen an Prof. Dr. Christoph Denkel, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL

Christoph Denkel ist Professor in der Abteilung Food Science und Management an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften BFH-HAFL und forscht mit seinem Team «Lebensmittelprozesstechnologie und nachhaltige Innovation» unter anderem zu prozesstechnischen Lösungen für nachhaltige Wertschöpfungssysteme.

 

Herr Denkel, wie lassen sich Kreisläufe in der Lebensmittelproduktion verbessern?

Christoph Denkel: Entscheidend ist nicht, ob Kreisläufe existieren, sondern wie gut Rohstoffe genutzt werden. Ziel sollte sein, aus derselben Rohstoffbasis möglichst viel Nutzen zu gewinnen, ohne zusätzliche Umweltbelastungen zu verursachen.

 

Welche Rolle spielen Nebenprodukte dabei?

Christoph Denkel: Nebenprodukte sind oft weit mehr als Abfall. Je nach Zusammensetzung können sie als Futtermittel, Dünger, Energiequelle oder sogar als Lebensmittelzutat genutzt werden. Wichtig ist, für jeden Stoffstrom die Nutzung zu finden, die den grössten Gesamtnutzen bringt.

 

Lässt sich jeder Reststoff hochwertig verwerten?

Christoph Denkel: Nein, eine höhere Wertschöpfungsstufe ist nicht automatisch die bessere Lösung. Wenn zum Beispiel Transport, Trocknung oder Verarbeitung zu aufwendig werden, können Futtermittel, Biogas oder Dünger ökonomisch sinnvoller sein als eine Nutzung als Lebensmittel. Ohne ökonomische Tragfähigkeit setzen sich solche Lösungen industriell kaum durch.

 

Wie wichtig ist die Akzeptanz der Konsumentinnen und Konsumenten?

Christoph Denkel: Sie ist entscheidend. Nachhaltigkeit allein reicht nicht aus. Ein Produkt muss zuerst geschmacklich, funktional und preislich überzeugen. Die Botschaft sollte deshalb nicht lauten «aus Resten hergestellt», sondern den konkreten Nutzen für die Konsumentinnen und Konsumenten in den Vordergrund stellen.

 

Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft aus?

Christoph Denkel: Wir sollten weniger in Haupt- und Nebenprodukten denken und Rohstoffe als Bündel unterschiedlicher Wertstoffe betrachten. Die zentrale Frage lautet künftig nicht mehr: «Wie verwerten wir einen Nebenstrom?» Sondern: «Wie gestalten wir Systeme so, dass möglichst viele Stoffströme sinnvoll und ökonomisch tragfähig genutzt werden und in ihrer Gesamtheit die höchste Wertschöpfung erzielen?»

Warum der perfekte Kreis eine Illusion ist

Tatsächlich sehen Fachleute den hundertprozentig geschlossenen Kreislauf eher als Leitbild, denn als erreichbares Ziel. «Landwirtschaftliche Betriebe können nie vollständig im Kreislauf wirtschaften, denn ihr Zweck besteht darin, Lebensmittel zu erzeugen und zu verkaufen», erklärt Alice Aubert. Mit jedem Liter Milch, jedem Kilogramm Getreide und jedem Stück Fleisch verlassen auch Nährstoffe den Betrieb. Die Wissenschaftlerin nennt dabei das folgende Zitat: «Farms are not circular by definition» – Höfe sind also per se nicht zirkulär. Anders gesagt: Schon allein die Tatsache, dass Produkte den Hof verlassen, verhindert einen vollständig geschlossenen Kreislauf.

Auch technisch sind Grenzen gesetzt. «Das ist praktisch nicht erreichbar – es entstehen immer gewisse Qualitäts- oder Materialverluste», sagt Viviane Pfister von Swiss Recycle. Auch beim Recycling muss teilweise neues Material beigemischt werden, damit die Qualität erhalten bleibt. Dazu kommen wirtschaftliche und ökologische Grenzen sowie Transport- und Verarbeitungskosten.

In der Schweizer Landwirtschaft werden jedes Jahr grosse Mengen an Kunststoffprodukten eingesetzt – darunter Silagestretchfolien, Siloflachfolien, Unterziehfolien oder Pressengarne. Um zu verhindern, dass diese Agrarkunststoffe als Abfall enden, wurde das freiwillige Rücknahmesystem ERDE Schweiz geschaffen.

Zwar steigen die Sammelmengen stetig, doch laut ERDE Schweiz, wird derzeit erst rund ein Viertel der gebrauchten Silofolien gesammelt und recycelt. «Potenzial sehen wir vor allem in der weiteren Steigerung der Sammelquoten von Agrarkunststoffen», betont Debora Rondinelli von ERDE Schweiz.

Kreisläufe optimieren statt schliessen

Wenn vollständige Kreisläufe kaum möglich sind, worauf kommt es dann an? Fachleute sprechen zunehmend davon, Kreisläufe zu optimieren, statt sie vollständig schliessen zu wollen. Eine zentrale Rolle spielen dabei Reststoffe und Nebenprodukte. In der Kreislaufwirtschaft gelten sie nicht als Abfall, sondern als potenzielle Ressource. Molke aus der Käseproduktion, Nebenprodukte der Lebensmittelverarbeitung oder Hofdünger können in anderen Bereichen weitergenutzt werden. Ebenso gewinnen regionale Stoffkreisläufe an Bedeutung, etwa wenn überschüssige Gülle von viehstarken Betrieben zu Ackerbaubetrieben transportiert wird. Digitale Plattformen unterstützen solche Kooperationen bereits heute.

Kreislaufwirtschaft beschränkt sich jedoch nicht auf Nährstoffe oder Biomasse. Auch bei Materialien wie Kunststoffen gibt es Potenzial. Ob sich Kreisläufe erfolgreich schliessen lassen, hängt von verschiedenen Faktoren ab: «Ökologisch ist entscheidend, dass die gesammelten Materialien möglichst sauber und sortenrein sind – nur so können hochwertige Rezyklate hergestellt und die Rohstoffe im Kreislauf gehalten werden», sagt Debora Rondinelli von ERDE Schweiz.

Neues Suchspiel rund um Kreisläufe

ZIRKULAR ist ein von der ZHAW neu entwickeltes, analoges Suchspiel für den Unterricht, begleitet von Unterrichtsmaterialien wie Aufgaben, wissenschaftliche Hintergründe und Interviews aus der Praxis. Es ist auch gut für einen Einsatz bei Workshops und Weiterbildungen geeignet.

Die grössten Verluste entstehen oft ausserhalb des Hofs

Grosse Potenziale sieht Alice Aubert nicht nur in der Landwirtschaft selbst, sondern entlang der gesamten Lebensmittelkette. Besonders Food Waste sei ein bedeutender Verlustpfad. «Food Waste ist insbesondere im Bereich der Lebensmittelproduktion der grösste Verlustfaktor», sagt sie. Doch spielen alle Akteure der Lebensmittelwertschöpfungskette eine Rolle, wenn es um Lebensmittelverschwendung geht. Jedes weggeworfene Lebensmittel bedeutet zugleich einen Verlust von Nährstoffen, Wasser, Energie und Arbeitsaufwand.

Deshalb reicht Kreislaufwirtschaft weit über den einzelnen Landwirtschaftsbetrieb hinaus. Detailhandel, Verarbeiter, Konsumentinnen und Konsumenten sowie Recyclingunternehmen tragen ebenso Verantwortung. Kreisläufe können nur dann funktionieren, wenn alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette mitwirken.

Ein Weg statt ein Endzustand

Kreislaufwirtschaft ist damit weniger ein Zustand als eine Richtung. Sie fordert dazu auf, Materialien, Nährstoffe und Energie möglichst effizient einzusetzen, Verluste zu reduzieren und vorhandene Ressourcen länger zu nutzen. Die Landwirtschaft bringt dafür gute Voraussetzungen mit, weil sie seit jeher mit biologischen Kreisläufen arbeitet. Gleichzeitig zeigt sie exemplarisch, warum der perfekte Kreis oft unerreichbar bleibt.

Oder, wie Alice Aubert es formuliert: «Für mich ist Kreislaufwirtschaft ein Gestaltungskonzept.» Nicht das perfekte Schliessen eines Kreises steht im Vordergrund, sondern die kontinuierliche Verbesserung des Systems. Jede vermiedene Verschwendung, jeder genutzte Nebenstrom und jeder zurückgewonnene Nährstoff bringt das Agrar- und Ernährungssystem einen Schritt weiter.

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