Kreislauf mit Schlachtabfällen: «Wir versuchen, möglichst jeden Stoffstrom sinnvoll zu nutzen»
Von Medikamenten über Biodiesel bis hin zu Dünger: In tierischen Nebenprodukten steckt weit mehr Potenzial, als viele...
Rund um das stattliche Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert erstrecken sich Wiesen, Felder und Wälder. Kühe grasen auf den Weiden, rundherum prägen Bäume und sanfte Hügel das Landschaftsbild. In dieser idyllischen Umgebung bewirtschaftet Jörg Büchi im zürcherischen Elgg einen Betrieb mit Milchproduktion und Ackerbau, den er 2021 von seinem Vater übernommen hat.
30 Brown-Swiss-Kühe, 30 Hektaren Landwirtschaftsland und 8,5 Hektaren Wald gehören heute zum Betrieb. Der ausgebildete Landwirt und Agrarökonom beschäftigt sich intensiv mit agrarpolitischen Fragen. Ein Thema liegt ihm dabei besonders am Herzen: die Kreislaufwirtschaft.
«Sobald du Tiere auf deinem Hof hast, betreibst du Kreislaufwirtschaft», sagt Jörg Büchi, der unter anderen auch als Podcaster und auf Instagram aktiv ist. Die Kühe fressen Futter, das auf den eigenen Flächen wächst. Die dabei anfallende Gülle liefert wiederum Nährstoffe für die Felder. Dort wächst neues Futter, das erneut an die Tiere verfüttert wird. So schliesst sich ein wichtiger Kreislauf.
Auf dem Betrieb sind Tierhaltung und Pflanzenbau eng miteinander verbunden. Neben Kunstwiesen baut Jörg Büchi Getreide, Futtermais, Raps und neuerdings auch Zuckerrüben an. Besonders die Kunstwiesen spielen eine zentrale Rolle. Sie liefern Futter, verbessern die Bodenstruktur und helfen dabei, Krankheiten in der Fruchtfolge zu unterbrechen. Gleichzeitig binden die Leguminosen Stickstoff aus der Luft, wodurch weniger Dünger benötigt wird.
Für Jörg Büchi umfasst Kreislaufwirtschaft jedoch weit mehr als die Nutzung von Gülle. Oft werde vor allem über den Stickstoffkreislauf gesprochen. Daneben existierten aber auch Kreisläufe von Phosphor oder Kalium. Diese seien auf viehhaltenden Betrieben weitgehend geschlossen. Schwieriger werde es beim Stickstoff. Hier gingen Nährstoffe durch Ammoniakverluste oder über den Verkauf von Lebensmitteln verloren.
«Der grösste Nährstoffverlust in der Landwirtschaft ist letztlich der Verkauf von Lebensmitteln», sagt Jörg Büchi. Mit jedem Liter Milch oder jedem Kilogramm Getreide verlassen Nährstoffe den Betrieb. Solange diese nicht wieder auf die Felder zurückgeführt werden, bleibt der Kreislauf unvollständig.
Genau hier sieht der Landwirt die grösste Schwachstelle des heutigen Systems. Früher wurde Klärschlamm in der Landwirtschaft genutzt. Seit 2003 ist dies in der Schweiz verboten. Heute werden die darin enthaltenen Nährstoffe grösstenteils verbrannt. Für Jörg Büchi bedeutet dies einen entscheidenden Bruch im Kreislauf. Künftig könnten moderne Verfahren helfen, wertvolle Nährstoffe aus dem Abwasser zurückzugewinnen und wieder nutzbar zu machen.
Dass geschlossene Kreisläufe auch wirtschaftlich sinnvoll sind, zeigt sich direkt auf dem Hof. Verlorene Nährstoffe müssen ersetzt werden. Kunstdünger ist in der Herstellung energieintensiv und entsprechend teuer. «Je besser wir unsere eigenen Nährstoffe nutzen, desto weniger sind wir auf zusätzliche Dünger angewiesen», erklärt Jörg Büchi.
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Boden. Humusaufbau und ein aktives Bodenleben sind für ihn zentrale Voraussetzungen einer nachhaltigen Landwirtschaft. Besonders in Regionen mit wenig Tierhaltung fehle oft organische Substanz. Der Zusammenhang zwischen Tierhaltung und Bodenfruchtbarkeit werde häufig unterschätzt.
Kreislaufwirtschaft bedeutet für Jörg Büchi allerdings nicht, dass es keine Zielkonflikte gibt. Mehr Tierwohl kann beispielsweise – aufgrund von offenen Laufställen – zu höheren Ammoniakverlusten führen. Landwirtschaftliche Systeme müssten deshalb immer als Ganzes betrachtet werden.
Zum Abschluss des Gesprächs formuliert Jörg Büchi seine Vision für die Zukunft: eine Landwirtschaft, in der möglichst wenige Nährstoffe verloren gehen und menschliche Ausscheidungen sicher in den Kreislauf zurückgeführt werden können. «Am wichtigsten wäre es, die Nährstoffe aus den menschlichen Ausscheidungen wieder auf die Felder zurückzubringen», sagt er.
Ein vollständig geschlossener Kreislauf mag heute noch Zukunftsmusik sein. Der Besuch in Elgg zeigt jedoch, dass Kreislaufwirtschaft auf vielen Schweizer Bauernhöfen längst gelebt wird und dass Kühe dabei weit mehr leisten als nur Milch zu produzieren. Sie sind ein zentraler Bestandteil eines Systems, das Boden, Pflanzen, Tiere und Menschen miteinander verbindet.
Von Medikamenten über Biodiesel bis hin zu Dünger: In tierischen Nebenprodukten steckt weit mehr Potenzial, als viele...
Im Rahmen des Kompostforums Schweiz besichtigten Fachleute aus der Kompostierungs- und Vergärungsbranche die NaturaEn...
Seit zehn Jahren betreiben Gabi und Beat Schürch eine Klein-Biogasanlage auf ihrem Hof im bernischen Bütikofen bei Ki...
In diesem Dossier legen wir den Fokus auf junge Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter: Die Porträts zeigen auf, wie ...
Das Projekt «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden» verfolgt das Ziel, die Treibhausgasemissionen der Bündner Landw...
2025 beleuchteten wir in unserer Sommerserie verschiedene regionale Spezialitäten und die Menschen, welche die Produk...