Beweidung im Naturschutz: Wenn Tiere Landschaft pflegen
Schottische Hochlandrinder, Ziegen und Wasserbüffel halten Wälder, Moore und Feuchtgebiete offen, schaffen Lebensräum...
Die Feldlerche singt hoch über den Feldern, der Neuntöter hält von einem Dornenstrauch aus Ausschau nach Insekten und der farbenprächtige Stieglitz sucht auf Disteln nach Samen. So unterschiedlich diese Vögel sind, so verschieden sind auch ihre Ansprüche an ihren Lebensraum. Was sie verbindet: Sie sind eng mit der Schweizer Landwirtschaft und der von ihr geprägten Kulturlandschaft verbunden.
Doch viele dieser Vogelarten stehen seit Jahrzehnten unter Druck. Der Verlust von Kleinstrukturen, intensivere Bewirtschaftungsformen und Veränderungen bei der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen erschweren ihnen vielerorts die Nahrungssuche und die Fortpflanzung.
Dabei engagiert sich die Schweizer Landwirtschaft bereits seit Jahren für die biologische Vielfalt. Gemäss Bundesamt für Landwirtschaft machten die Biodiversitätsförderflächen im Jahr 2025 durchschnittlich rund 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus. Dazu gehören beispielsweise extensiv genutzte Wiesen, Brachen, Hecken und Hochstammfeldobstbäume.
Weshalb also haben es zahlreiche Kulturlandvögel trotz dieser Anstrengungen weiterhin schwer? «Studien und die Erfahrungen aus verschiedenen Umsetzungsprojekten zeigen, dass die Quantität der Biodiversitätsförderfläche nicht der einzige entscheidende Faktor für die Förderung der typischen Vogelarten des Kulturlands ist», erklärt Livio Rey, Mediensprecher der Schweizerischen Vogelwarte.
Mindestens ebenso wichtig seien der Typ, die ökologische Qualität und die Lage der Flächen. Dazu kämen die Bewirtschaftung der Fläche selbst und ihrer Umgebung. So beeinflussten beispielsweise die vorhandenen Pflanzenarten, die Strukturvielfalt oder der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, ob sich eine Fläche als Lebensraum für bestimmte Vögel eignet.
Wie entscheidend diese Faktoren sein können, zeigt eine Untersuchung der Schweizerischen Vogelwarte, deren Ergebnisse im August 2026 veröffentlicht wurden. Im Grossen Moos in den Kantonen Bern und Freiburg untersuchten Forschende die Verteilung von über 3’500 Revieren von sieben typischen Kulturlandvogelarten. Obwohl der Anteil der Biodiversitätsförderflächen in diesem intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebiet nur rund neun Prozent beträgt, befanden sich drei Viertel der Vogelreviere innerhalb der landwirtschaftlichen Nutzfläche in oder unmittelbar neben solchen Flächen.
Gleichzeitig zeigte die Untersuchung aber auch, dass das Potenzial vieler Biodiversitätsförderflächen noch nicht ausgeschöpft wird. Mehr als die Hälfte der untersuchten Flächen beherbergte keines der sieben erfassten Vogelreviere. Bei den extensiv genutzten Wiesen waren es sogar 70 Prozent. Das bedeutet nicht, dass diese Flächen ökologisch wertlos wären oder keine anderen Tierarten beherbergen. Die Ergebnisse verdeutlichen aber, dass das blosse Vorhandensein einer Biodiversitätsförderfläche noch nicht garantiert, dass sie für die untersuchten Kulturlandvögel einen geeigneten Lebensraum bietet.
Besonders deutlich wurde in der Untersuchung die Bedeutung von Kleinstrukturen. So fanden die Forschenden auf extensiv genutzten Wiesen erheblich mehr Vogelreviere, wenn dort oder in unmittelbarer Nähe niedrige, dornige Buschgruppen vorhanden waren. Fehlten solche Gehölze, kamen die untersuchten Vogelarten weitgehend nicht vor.
Auch die Vernetzung spielte eine wichtige Rolle: Auf extensiv genutzten Wiesen war die Anzahl der Vogelreviere etwa doppelt so hoch, wenn in einem Umkreis von 500 Metern mindestens 30 Prozent Biodiversitätsförderflächen vorhanden waren. «Da Vögel mobil sind und die Populationen grössere Räume beanspruchen, ist die grossflächige naturnahe Nutzung der Landschaft und die Vernetzung über die Betriebsgrenze hinaus von zentraler Bedeutung», betont Livio Rey. Gerade in Ackerbaugebieten gebe es noch grössere Landschaftsräume mit einem geringen Anteil an Biodiversitätsförderflächen und ungenügender Vernetzung. Dort könnten beispielsweise Buntbrachen, Rotationsbrachen und Säume zur Verbesserung beitragen.
Allerdings braucht nicht jede Vogelart dieselben Strukturen. Während der Neuntöter von dornigen Buschgruppen und strukturreichen Wiesen profitiert, bevorzugt die Feldlerche offene Landschaften ohne hohe Gehölze. Ihre Nester legt sie am Boden an und ist deshalb auf eine geeignete Vegetation und eine angepasste Bewirtschaftung angewiesen.
«Wichtig ist dabei, die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Arten zu berücksichtigen, bevor Massnahmen umgesetzt werden», erklärt Julie Rosset, Fachverantwortliche Biodiversität beim Schweizer Bauernverband. Die Möglichkeiten seien vielfältig: Vom Erhalt von Hochstammobstgärten über die Anlage von Kleinstrukturen und offenen Bodenstellen bis hin zu Nistkästen oder einer gestaffelten beziehungsweise späteren Mahd könnten Landwirtschaftsbetriebe geeignete Lebensräume schaffen.
Auch Livio Rey sieht gerade in der Ergänzung bestehender Flächen grosses Potenzial. Extensiv genutzte Wiesen, Säume oder Weiden liessen sich beispielsweise mit Ast- und Steinhaufen oder Buschgruppen aufwerten. Im Ackerbau könnten zudem weiter gesätes Getreide, Untersaaten oder blühende Zwischenfrüchte wertvolle Beiträge leisten.
So vielfältig die Möglichkeiten sind, so unterschiedlich sind auch die Voraussetzungen auf den einzelnen Landwirtschaftsbetrieben. Nicht jede Massnahme lässt sich ohne Weiteres in die bestehende Bewirtschaftung integrieren. «Die Umsetzung von Massnahmen zur ökologischen Aufwertung kann zeitaufwendig und kostspielig sein», sagt Julie Rosset. Deshalb brauche es eine angemessene Abgeltung, welche die Kosten für die Anlage und Pflege solcher Flächen decke.
Eine weitere Herausforderung sei das notwendige Fachwissen. Wer eine Fläche gezielt aufwerten wolle, müsse wissen, welche Massnahmen am jeweiligen Standort tatsächlich sinnvoll seien. Dafür brauche es häufig die Unterstützung von Fachpersonen. Allerdings sei die Zahl der Biodiversitätsberatenden nicht überall ausreichend, zudem verursache die Beratung zusätzliche Kosten.
Auch die Vernetzung über die Betriebsgrenzen hinaus könne anspruchsvoll sein. Damit grössere zusammenhängende Lebensräume entstehen, brauche es häufig die Zusammenarbeit mehrerer Landwirtschaftsbetriebe und eine regionale Betrachtungsweise. Gleichzeitig betont Julie Rosset, dass Biodiversität nicht nur der Natur zugutekomme. Die Landwirtschaft profitiere selbst von zahlreichen Ökosystemleistungen, beispielsweise von der Bestäubung, der Wasserreinigung und dem Erhalt der Bodenfruchtbarkeit.
Das Projekt «Biodiversität im Flug» wurde im Oktober 2026 vom Schweizer Bauernverband und der Schweizerischen Vogelwarte lanciert.
Es verfolgt zwei Schwerpunkte: Einerseits sollen Landwirtschaftsbetriebe mit praxisnahen Informationen, Webinaren und Umsetzungsbeispielen bei der gezielten Förderung von Kulturlandvögeln unterstützt werden. Andererseits sollen Kinder und Jugendliche im Rahmen von «Schule auf dem Bauernhof» und Agriscuola die Bedeutung der Vogelvielfalt kennenlernen.
Das Projekt dauert mindestens drei Jahre und wird auf Deutsch, Französisch und Italienisch umgesetzt. Finanziell unterstützt wird es von der Stiftung für eine nachhaltige Ernährung durch die Schweizer Landwirtschaft, dem Coop Fonds für Nachhaltigkeit und UFA-Samen.
Hier setzt das neue Gemeinschaftsprojekt «Biodiversität im Flug» an. Der Schweizer Bauernverband und die Schweizerische Vogelwarte wollen gemeinsam zeigen, wie Landwirtschaftsbetriebe das ökologische Potenzial ihrer Flächen besser nutzen können.
Im Mittelpunkt stehen zwölf ausgewählte Vogelarten, die unterschiedliche Lebensräume und Bewirtschaftungsformen repräsentieren. «Die 12 ausgewählten Vogelarten stehen sinnbildlich für verschiedene Lebensräume im Kulturland», erklärt Livio Rey. Da ihre Präsenz Rückschlüsse auf die ökologische Qualität eines Lebensraums zulasse, eigneten sie sich besonders gut als sogenannte Leitarten für Fördermassnahmen.
Auf der Projektwebsite können Landwirtschaftsbetriebe anhand ihrer Höhenlage, ihrer Betriebszweige und der vorhandenen Lebensräume herausfinden, welche Vogelarten sie auf ihrem Betrieb gezielt fördern könnten. Dazu erhalten sie Informationen über geeignete Massnahmen, deren Umsetzung und Aufwand sowie den möglichen Nutzen für den Betrieb. Es geht dabei nicht darum, möglichst viele zusätzliche Verpflichtungen zu schaffen. «Das Projekt möchte den Betrieben keine zusätzlichen Massnahmen auferlegen, sondern ihnen bestehende Möglichkeiten und deren Nutzen aufzeigen», sagt Julie Rosset.
Das Wissen soll ausserdem über kostenlose Webinare und Videos aus der landwirtschaftlichen Praxis weitergegeben werden. Die Webinare ermöglichen den Austausch zwischen Fachpersonen und Berufskolleginnen und -kollegen, während Beispiele von Landwirtschaftsbetrieben zeigen sollen, wie sich die Förderung von Kulturlandvögeln im Alltag umsetzen lässt.
Für Julie Rosset sind die Vögel besonders geeignete Botschafter für die Biodiversität: «Vögel wecken bei vielen Menschen Sympathie und eignen sich deshalb besonders gut, um Landwirtinnen und Landwirte für die Umsetzung von Massnahmen zugunsten der Natur zu motivieren.» Zudem seien sie gute Indikatoren für die Qualität eines Lebensraums. Wo Vögel geeignete Bedingungen vorfinden, könnten häufig auch zahlreiche andere Tier- und Pflanzenarten profitieren.
Das Projekt richtet sich aber nicht ausschliesslich an die Landwirtschaft. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen. Gemeinsam mit den Bildungsangeboten «Schule auf dem Bauernhof» des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes und Agriscuola werden Unterrichtsmaterialien erarbeitet und das bestehende Biodiversitätsdossier überarbeitet und um die Vogelwelt ergänzt.
Die Schülerinnen und Schüler sollen erfahren, welche Vögel im Schweizer Kulturland leben, welche Ansprüche diese stellen und welchen Beitrag die Landwirtschaft zu ihrer Förderung leisten kann. Im Idealfall können die Kinder das Gelernte bei einem Hofbesuch unmittelbar erleben. Dort lassen sich unterschiedliche Lebensräume entdecken und die Vögel mit etwas Glück direkt beobachten. Damit soll auch das Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Landwirtschaft und Biodiversität gefördert werden.
Das auf mindestens drei Jahre angelegte Projekt soll möglichst viele Landwirtschaftsbetriebe erreichen. Konkrete Zielzahlen zu teilnehmenden Betrieben oder umgesetzten Massnahmen gibt es allerdings nicht. «Das Projekt setzt bewusst keine quantitativen Ziele dieser Art», erklärt Julie Rosset. Der Beitrag von Sensibilisierungsmassnahmen zur ökologischen Qualität der Schweizer Landschaft lasse sich nicht unmittelbar anhand solcher Kennzahlen messen. Vielmehr gehe es darum, Interesse zu wecken und Impulse für schrittweise Veränderungen zu setzen.
Auch Livio Rey sieht darin einen wichtigen Schritt. Ein Erfolg wäre aus seiner Sicht, wenn mehr Landwirtinnen und Landwirte die Vogelarten auf ihrem Betrieb kennen und sich die ökologische Qualität der Biodiversitätsförderflächen verbessert. Bis sich solche Veränderungen auch in den Beständen gefährdeter Vogelarten bemerkbar machen, braucht es allerdings Zeit.
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass die bestehenden Biodiversitätsförderflächen wichtige Rückzugsorte sind, vielerorts aber noch Aufwertungspotenzial besteht. Entscheidend ist, dass die richtigen Massnahmen am richtigen Ort umgesetzt werden und über die Grenzen einzelner Parzellen und Betriebe hinaus zusammenwirken.
Denn damit Feldlerche, Neuntöter und Co. auch künftig zur Schweizer Kulturlandschaft gehören, braucht es nicht einfach nur möglichst viel Fläche für die Natur. Es braucht Lebensräume, die ihren unterschiedlichen Ansprüchen tatsächlich gerecht werden.
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