Wenn der Quelle das Wasser ausgeht: Wie Schweizer Alpbetriebe der Trockenheit trotzen
Wenn auf der Alp plötzlich kein Wasser mehr aus der Quelle fliesst, wird aus einem trockenen Sommer schnell eine exis...
Wie würde die Schweiz ohne ihre Weiden aussehen? Für Christian Hofer, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft BLW, ist die Antwort klar: «Die Schweiz wäre ohne ihre Weiden nicht die Schweiz, wie wir sie kennen.» Rund 40 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche seien Weiden. Sie ermöglichten die Produktion von Milch und Fleisch auf Flächen, die sich kaum für den Ackerbau eigneten, schafften Wertschöpfung im ländlichen Raum und prägten Landschaft und kulturelle Identität.
Gleichzeitig stehen diese Flächen vor grossen Herausforderungen. Trockenperioden und Wasserknappheit hätten in den vergangenen Jahren deutlich gemacht, wie verletzlich insbesondere die Alp- und Berglandwirtschaft gegenüber dem Klimawandel sei, sagte Christian Hofer. Fehle Wasser, müssten Tiere teilweise früher von den Alpen abgetrieben werden. Gefragt seien deshalb Investitionen in Wasserversorgung und andere Infrastrukturen sowie Verfahren, mit denen solche Anpassungen einfacher umgesetzt werden könnten. Hinzu kommen wirtschaftlicher Druck, Arbeitskräftemangel und die zunehmende Verbuschung von Alpflächen.
Dass gerade die Offenhaltung der Weiden eine Gratwanderung ist, zeigte Caren Pauler von Agroscope. Viele Alpflächen würden heute nicht grundsätzlich mit weniger Tieren beweidet als früher. Die Nutzung konzentriere sich jedoch zunehmend auf gut zugängliche und produktive Lagen, während abgelegene oder steile Flächen zu wenig genutzt würden. Arbeitskräftemangel, Mechanisierung, Herdenschutz und immer leistungsfähigere Nutztiere verstärkten diese Entwicklung.
Sowohl eine zu intensive als auch eine zu geringe Nutzung könne zum Verlust landwirtschaftlich nutzbarer Flächen und von Ökosystemleistungen führen. Bei fehlender Nutzung breiten sich zunächst unerwünschte Pflanzen und später Sträucher oder Wald aus. Dabei ist etwas Struktur durchaus erwünscht: Untersuchungen von Agroscope zeigen, dass offene Weiden und mosaikartige Landschaften besonders artenreich sein können. Nimmt die Strauchdeckung jedoch stark zu, geht die Artenvielfalt wieder zurück.
Eine einfache technische Antwort auf die Verbuschung gebe es deshalb nicht, betonte Caren Pauler. Büsche lediglich zurückzuschneiden sei langfristig Symptombekämpfung. Entscheidend seien ein angepasster Weidedruck und geeignete Tiere. Versuche von Agroscope zeigen beispielsweise, dass das Engadinerschaf Grünerlen stark verbiss. Auch extensive Rinderrassen können durch Fressen, Zertreten und Abknicken von Gehölzen dazu beitragen, Weideflächen offenzuhalten.
Damit rückt auch die Frage in den Vordergrund, welche Tiere zu welchem Standort passen. Für schwer zugängliche, wenig produktive Weiden sind robuste, genügsame Rassen besser geeignet als stark auf Leistung gezüchtete Tiere. Eine zukunftsfähige Weidewirtschaft bedeutet damit nicht einfach möglichst hohe Produktion, sondern eine standortangepasste Nutzung.
Dass diese Fragen weit über die Schweiz hinausreichen, zeigte Nancy Bourgeois Lüthi, Dozentin für internationale Tierproduktionssysteme. Weltweit leben Schätzungen zufolge 200 bis 500 Millionen Menschen von pastoralistischen Systemen. Sie nutzen oft abgelegene, trockene, kalte oder hoch gelegene Gebiete und produzieren dort Lebensmittel, ohne direkt mit dem Pflanzenbau um Flächen zu konkurrieren.
Gut bewirtschaftete Weiden erfüllten zudem zahlreiche ökologische Funktionen: Sie tragen zu Bodenfruchtbarkeit und Wasserkreislauf bei, helfen Verbuschung und damit teilweise auch Bränden vorzubeugen, erhalten Biodiversität und Landschaften und speichern Kohlenstoff im Boden. Gleichzeitig stehen Weidesysteme weltweit unter wachsendem Druck – durch den Klimawandel, Konkurrenz um Land und Wasser, Raubtiere und teilweise auch durch politische und gesellschaftliche Marginalisierung.
Nancy Bourgeois Lüthi plädierte deshalb dafür, Hirten und ihre Lebensweise stärker sichtbar zu machen, traditionelle Formen der gemeinschaftlichen Ressourcennutzung anzuerkennen und die Betroffenen selbst in politische Lösungen einzubeziehen. Entscheidend sei, Politik nicht nur für, sondern mit den betroffenen Menschen zu entwickeln.
Die Menschen rückte auch Peter Küchler vom Verein «Lebendige Alpsaison» ins Zentrum. Seit Ende 2023 ist die Alpsaison von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Kulturerbe lasse sich in diesem Fall aber nicht wie ein Gebäude konservieren: Wissen, Erfahrung und Tradition müssten von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. Dafür brauche es Menschen, die bereit seien, die Alpwirtschaft weiterzuführen und gleichzeitig an neue Bedingungen anzupassen.
Peter Küchler brachte die Zukunft der Alpwirtschaft auf drei Fragen: Gibt es genügend Wasser in ausreichender Qualität? Stehen genügend Weidetiere zur Verfügung? Und finden sich auch künftig genügend Fachkräfte für eine Alpsaison? Attraktive Arbeitsbedingungen seien dafür ebenso entscheidend wie Begeisterung für die Arbeit.
Diese Punkte tauchten auch in der abschliessenden politischen Diskussion immer wieder auf. Neben der Wasserversorgung wurden gut erreichbare Alpen, funktionierende regionale Wertschöpfungsketten und soziale Infrastruktur in den Berggebieten genannt. Ernst Wandfluh, Präsident des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands, forderte insbesondere bei Wasser- und Erschliessungsprojekten raschere Verfahren und eine stärkere Interessenabwägung zugunsten einer funktionierenden Alpwirtschaft. Christine Badertscher, Vizepräsidentin der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete, hob gleichzeitig hervor, dass die Weidewirtschaft angesichts von Klimawandel und Biodiversitätsverlust nicht nur betroffen sei, sondern mit ihren Ökosystemleistungen auch Teil der Lösung sein könne.
Auch die Agrarpolitik müsse dafür passende Rahmenbedingungen schaffen. Christian Hofer verwies auf die geplante Agrarpolitik 2030+, mit der unter anderem wirtschaftliche Perspektiven verbessert, die Produktionsgrundlagen gestärkt und Regelungen stärker auf Ziele statt auf detaillierte Vorgaben ausgerichtet werden sollen. Für die Berg- und Weidewirtschaft seien unter anderem zusätzliche Mittel für Strukturverbesserungen sowie Massnahmen bei Milchzulagen und Steillagen vorgesehen. Gleichzeitig müssten bewährte Instrumente erhalten bleiben.
Am Ende der Tagung verabschiedeten die Teilnehmenden eine «Deklaration für lebendige und zukunftsfähige Weiden in der Schweiz». Sie soll nun in die Weiterentwicklung der Agrar- und Berggebietspolitik einfliessen. Ihre Kernbotschaft fasst zugleich den Tenor der Tagung zusammen: «Die Weidewirtschaft ist kein Relikt der Vergangenheit – sie ist ein lebendiges und anpassungsfähiges System, das Lebensmittel erzeugt, Landschaften pflegt und die Berggebiete als Lebens- und Wirtschaftsräume erhält.»
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